Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 83 (20.10.1892)
- Date
- 1892-10-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1570 Der verdiente Publizist schreibt daselbst: „Unser Herz ist bei Ihnen, unser Verstand zwingt uns, abseits zu stehen." Ist diese von der Gesinnung verschiedene Haltung für unsere ältere Generation, unter dem Drucke des Antisemitismus, vielleicht erklärlich, so kann sie uns Jüngeren, in der Assimilation Fortgeschritteneren, doch nicht mehr maßgebend sein. Was wir sind, das wagen wir zu scheinen. Ja, wir Israeliten alle sind überzeugte Anhänger der erhabenen Friedensidee und „Schwärmer" für ein Weltfriedensideal' Nicht blos, weil Einzelne unseres Stammes — die gottbegeisterten Seher Israels — in schwungvoller Sprache und glühenden Farben diese herrliche, messianische Zuknnst geschildert, sondern weil wir, zerstreut unter die Völker der Erde, unter Verfolgungen und Feindseligkeiten aller Art seit mehr denn 1800 Jahren bis auf diesen Tag in einem fast ununterbrochenen kriegsähnlichen Zustande gelebt, d. h. gestritten und gelitten. „Sie haben mich bedrängt von Jugend auf — auf meinem Rücken pflügten die Pflüger, zogen lang ihre Furchen." (Psalm 120.) Wie gebranntes Kind das Feuer fürchtet, verabscheuen wir den Unfrieden, dieses verzehrende Feuer. Und der wuthschnaubende Antisemitismus sollte uns hindern, unserer heißen Friedenssehnsucht ehrlichen, unzweideutigen Ausdruck zu geben? die schmachvolle Rassenhetze uns zwingen, von den ruhmgekrönten Förderern der Völkerverbrüderung abseits zu stehen? die bloße, blasse Furcht vor dem Vorwurf der Feigheit und abgestandenen Redensarten uns thatsächlich zurückfchrecken, einer als vernünftig erkannten Idee, so viel an uns, zum Siege zu verhelfen — uns, „im Schimpf und Glimpf" die „Schweizergarde Gottes?" Nimmermehr! Als Israeliten und als Deutsche haben wir die Pflicht und das Recht, liebend Gott zu fürchten, sonst nichts auf dieser Welt! 'i no rrnyi 'l31 'ptw '“I riN ox '3 *]DVö VxtP 'p^x. Den immer heftiger entbrennenden Geisteskampf der Väter nehmen die Epigonen auf, mit neu erfundenen Waffen von größerer Durchschlagskraft für ihre geistige und politische Befreiung selbstständig eintretend. Im Glücke, das den Entschlossenen und Muthigen lächelt, werden ihnen auch starke Bundesgenossen nicht fehlen. Ich wenigstens gebe die Hoffnung nicht auf — so seltsam es auch klingt — auf einen nahen und glänzenden Friedensfchluß mit dem Gegner. „Und toben auch wie Meereswogen „Ihm in der Seele Haß und Wuth, „So leuchtet mir ein Friedensbogen, „Der hell auf dunklen Wolken ruht." Woher ich diese meine Zuversicht schöpfe, so höre ich Sie, meine Gnädige, fragen. — Seit frühester Jugend habe ich dem eigenthümlichen, problematischen Zustand Israels nachgedacht und auf eine Verbesserung der äußeren und inneren Verhältnisse meiner Stammesbrüder gesonnen. Nach ernster Gedankenarbeit, in einem an herben Prüfungen und schweren Heimsuchungen überaus reichen Leben, glaube ich des Näthsels Lösung mit einiger Sicherheit gefunden zu haben; ich bin auch von Einem, der zu den Besten unserer Zeit gehört, in meiner Zuversicht noch bestärkt worden. Bereits im Jahre 1887 habe ich zur Judenfrage eine kleine Schrift veröffentlicht: „Zum Ende des Antisemitismus. Ein Friedensgruß an die deutsche Nation." Dasselbe Thema behandle ich nun in einem — 5 Druckbogen starken — Buch, betitelt: „ Aelieim Attah! „oder" lieber eine volle staatsbürgerliche, gesellschaftliche und militärische Gleichstellung der moderngebildeten Israeliten." Charakteristische Stellen aus Briefen von Franz Delitzsch und Eduard v. Hart mann aus den Jahren 1887 und 88 an Schreiber d., welche die sogen. Judenfrage in origineller Weise besprechen, sind in die Veröffentlichung ausgenommen worden. Aber nicht durch Wort und Schrift allein — und wenn einer auch mit Menschen- und Engelszungen redete, — sondern durch zielbewußtes, gemeinsinniges Handeln voll Math und Kraft werden wir die gegenwärtige Krisis in dieser Uebergangsperiode glücklich überwinden.'- Es ist heute Rüsttag des jüd. Versöhnungsfestes; bald wird die uralte, feierliche Melodie des „Kol-Nidre" in Jakobs Zelten erklingen: O möchte doch bald Israel mit seinen Brüdern auf dem Erdenrund eine wahrhaftige und vollkommene Versöhnung, der ganzen Menschheit aber ein immerwährender, beglückender, goldener Friede zu Theil werden! In diesem großen Gedanken mit Ihnen, hochverehrte Frau, Ihrem Herrn Gemahl, dem Präs, d. österr. Ver. z. Abw. d. Antis. und anderen schönen Menschenseelen mich einswissend, habe ich die Ehre zu zeichnen in aufrichtiger Hochschätzung HermannLeszczynski. II. Die Antwort der Frau Baronin v. Suttner, geb. Gräfin Kinsky (nach Weglassung der den Empfänger des Brieses persönlich interessirendenStellen): Schloß Harmansdorf bei Eggenburg 9/10, 92. Hochgeehrter Herr! Ich glaube auch an eine schließliche Ueberwindung des abscheulichen Antise-