Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1892-10-17 · Heft 81-82 (17.10.1892) · page 18

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 81-82 (17.10.1892)
Date
1892-10-17
Page
– (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2448218-2448294--35026-2482991
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1556 neren Raum treibt, bedarf unbedingt einer sofortigen Renovirung. Die Fraucnabthetlung ist in Anbetracht einer 50 Familien starken Gemeinde so eng und dumpf, daß viele Damen an den vergangenen hohen Feiertagen zum Verlassen des Hauses gezwungen waren. In ähnlichem Zustande befindet sich das „Mikwoh", ohne daß bis heure irgend ein Gemeinde-Mitglied sich ernstlich um die Aenderung der Zustände angenommen. Hoffentlich geben diese Zeilen Anregung zur Inangriffnahme der nöthigen Arbeiten. Berlin, 4. October. Der Senior der Berliner Aerzte, Herr Geheimer Sanitätsrath Dr. Martin Steinthal, ist im Alter von 94 Jahren verschieden. Oesterr.-Ungar. Monarchie. Lemberg, im Oktober. Unter der Spitzmarke „Ein Renegat aus Rache" schreibt der hier erscheinende „Israelit": Herr Dr. Leopold Caro ist eine unbedeutende Person. Die Wissenschaft zählt ihn nicht zu ihren Jüngern, die Natur hat ihn weder in geistiger noch in physischer Beziehung besonders ausgestattet und das Glück war ihm auch nicht besonders hold. Trotzalldem fühlte er sich in seiner bescheidenen Stellung als Advocaturscandidat beengt, er wollte Schriftsteller werden, scheiterte aber beim ersten Versuch, er strebte nach Reichthum, konnte ihn aber nicht erlangen und in der Gesellschaft, in der er verkehrte, machte er sich endlich unmöglich. Sein Ansehen ist gesunken, der Erwerb ward unsicher, er will aber doch ein berühmter Mann werden und wenn auch die geistigen Kräfte es versagen, so ist ja Herostratus ein ausgezeichnetes Vorbild. Er verläßt also die Heimath, geht in die Ferne, verschreibt den Antisemiten seine Seele und stellt sich ihrer feilen Presse zur Verfügung. So ist Dr. Leopold Caro eine vielgenannte Person geworden und sein Name erlangt eine traurige Berühmtheit durch den in den „Leipziger Grenzboten" veröffentlichten Aufsatz: „die Judenfrage eine ethische Frage." Der Aufsatz enthält zwar nichts Neues, da aber Herr Caro sich noch als Jude gerirt, obwohl er an Verlogenheit selbst dem Apostaten Brimanus nicht nachsieht — so rühmt sich die antisemitische Presse dieser neuesten Aquisition und beruft den galizischen Brimanus zum Zeugen für die angebliche Richtigkeit ihrer Thesen. Wir werden natürlich es nicht versuchen all diese Albernheiten, mit denen Herr Caro seine Brüder beschenkt hat, zu widerlegen, wir wollen aber den Mann, der es gewagt hat den Thron der Ethik zu besteigen, gerade von seiner ethischen Seite beleuchten. Mehr mit Fleiß als mit Verstand ausgestattet, absolvirte Herr Caro hier das polnische Gymnasium und widmete sich auf der hiesigen Universität den juristischen Studien, die er vermöge des einzigen jüdischen Stipendiums auch rechtzeitig absolvirte. Wie der überwiegende Theil der jüdischen Juristen wählte Caro die Advocatur zu seinem künftigen Berufe, erntete aber in dieser Praxis keine Lorbeeren, denn er wanderte anfangs von Kanzlei zu Kanzlei, bis es erst einem seiner Gönner aus dem Vereine „Agudas Achim" gelang, ihn in einer Advokaturkanzlei unterzubringen, wo ihm jedoch genug Zeit gelassen wurde seinen Geist in anderer Beziehung zu schärfen. Herr Caro versuchte es auch schriftstellerisch thätig zu sein, aber gleich seine erste in der hiesigen „Gazeta Narodowa" veröffentlichte Arbeit wurde als Plagiat attaquirt und er übte dieses Fach gleich nach dem ersten Versuche nicht mehr aus. Die Zukunft scheint ihm nun doch viel Sorgen gemacht zu haben, er sah ein, daß er in der Advocatur nicht viel zu suchen hat und da er auch das Abschreiben gleich satt hatte, so versuchte er seine Zukunft auf eine andere Weise zu sichern, er ging daher in ferne Lande und verlobte sich mit dem .... goldenen Kalb. Das ist höchst charakteristisch für einen Mann, der uns Ethik lehren will. Herr Caro kehrte mit einem Vorschüsse zurück, sein Zug nach Warschau beschäftigte so manches böse Weib, aber Herr Caro machte sich nichts daraus und rüstete sich nun so schnell als möglich ... die Tausende heim zuführen. Nun aber passirte Herrn Caro ein Malheur. Der Mann, der seinen Brüdern ethische Grundsätze predigt, machte sich auf den Weg an dem heiligen Institut der Ehe, dem Grundstöcke der Moral und jüdischen Ethik zu rütteln, denn ihm scheinen nicht einmal die zehn Gebote genug bekannt zu sein; er verirrte sich und wurde auf offener Straße von einem hiesigen Vanquier, dem seine angegriffene Frau über die Vermessenheit des Dr. Caro Klage führte, durchgeprügelt. Es wurde ihm eine ritterliche Erledigung der Angelegenheit angeboten. Caro lehnte aber diese Art der Erledigung ab, suchte vor dem Jnjurienrichter seine auf offener Straße durchgepeitschte Ehre zu repariren und liquidirte ein reichliches Schmerzensgeld. Herr Caro erhielt auch das Schmerzensgeld, der in seinem heiligen Hausfrieden bedrohte Gatte erhielt eine . . . Geldstrafe, aber der Verurtheilte war doch Niemand als nur Dr. Caro und die Strafe ließ auch nicht lange auf sich warten, denn selbst das goldene Kalb zeigte sich empfindlich und ließ Herrn Caro .... laufen. Und Herr Caro lief auch weg und zwar aus Rache zu den Antisemiten, denn nur bei denen ist noch ein Boden für so ein Gewächs. Aus vollem Herzen gönnen wir den „Leipziger Grenzboten" diesen Zuwachs, wir sehen ihn gerne aus unserer Mitte scheiden.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.