Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 81-82 (17.10.1892)
- Date
- 1892-10-17
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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1548 ■ Der Beruf des Arztes — fuhr der Redner fort — ist geweiht; opferwillig schont er nie sein Leben, die Pest, dem Tode schaut er pflichtgetreu ins Angesicht; die Hospitäler sind Gotteshäuser, Erbarmen und Menschenliebe haben sie gestiftet für das unsägliche Elend der Armen und Verlaffenen. In lichte Höhen erhebt die Wissenschaft ihre Jünger, welche mit ernstem Sinne ihr dienen, aber hinab in den Staub, in den Schmutz zerrt sie Alle der Antisemitismus. Wir sind hier zusammengekommen aus allen Berufsklassen, aus verschiedenen Parteien. Aber nicht Politik wollen wir treiben, diese hat mit unsereil Bestrebungen nichts zu thun. Ohne Unterschied der politischen Partei können, wollen wir Alle uns einigen in dem Einen Gedanken, daß es gilt, offen und entschieden einzutreten für eine hohe, sittliche Pflicht, daß es gilt, rückhaltlos und feierlich Protest zu erheben (Zustimmung) nicht blos gegen die sogenannten Auswüchse des Antisemitismus, sondern gegen diesen selbst, welcher wie ein schleichendes Gift an den Deelen frißt. Ihnen. Allen schlägt das Herz für Menschlichkeit, Sie Alle, verabscheuen die Ungerechtigkeit. Wohlan, erheben wir unsere Stimme, rufen wir den Lässigen zu, rütteln wir die Gleichgiltigen auf. (Beifall.) Thue Jeder seine Schuldigkeit auch nach dieser Richtung, dann werden die Nebel sich senken, die Luft wird wieder klar werden, und friedlich können im neidlosen Wettbewerb um die Güter des Tages wie^ um alles Höchste des Menschengeistes die Bürger dieser Stadt wieder neben einander schaffen. (Beifall.) Und zum Schluffe möchte ich, sagte Herr Hofrath Dr. Nothnagel, von dieser Stätte einen treuen und warmen Mahnruf an einen irregeleiteten Bruchtheil unserer Jugend ergehen lassen. (Stürmische Zustimmung.) Daß ein Theil derselben von der traurigen Verirrung gestreift worden ist, zeigt, wie verderblich das Gift wirkt. Das Herz der Jugend ist gut, ihr Sinn ist frisch, ihr Gemüth für alles Schöne empfindlich. Die wahre Religiosität, welche treue Mutterliebe in ihre Seelen gepflanzt und edle Priester gepflegt haben, und der hohe Idealismus, mit welchem die wahre Wissenschaft sie erfüllt, diese beiden werden sie auf den rechten Weg zurücksühren. Beide aber lehren, daß das Höchste sei, Gerechtigkeit und Menschenliebe zu üben. (Dtürmischer, sich immer wieder erneuernder Beifall.) Als sich der Beifallssturm gelegt hatte, dankte Professor Nothnagel mit folgenden Worten: ^Jch bin gerührt von der freundlichen Zustimmung, welche Sie mir zu Theil werden ließen. Ich habe dafür nur Ein Wort: ich ihue nichts, als was ich für meine einfache Pflicht halte." (Beifall.) Hierauf nahm Dr. Scholz das Wort, um namens der Aerzte gegen die diesem Stande im niederösterreichischen Landtage widerfahrenen Beschimpfungen zu protestiren. Er widerlegte die einzelnen Angriffe. Was den Vorwurf anbelangt, daß in einem Falle ein Arzt sich Uebereifer zu Schulden kommen ließ, so verwies Redner auf Hamburg, wo das Zuwarten so vielen Schaden angerichtet hatte. Was für ein Geschrei wäre erhoben worden, wenn ein solcher Fall nicht angezeigt worden wäre! Man weiß nicht, lvas man bei diesen Angriffen auf die Aerzte mehr bewundern soll, den Unverstand oder die Frechheit dieser Leute, wenn ein Abgeordneter sagte, die Doctoren verständen weniger als die alten Weiber. (Rufe. Pfui Lueger!) Der betreffende Herr hat, wenn er krank war, den ärztlichen Rath nicht verschmäht. Jetzt wird er allerdings alle alten Weiber zu Freundinnen haben. Ich will, sagte der Redner unter lebhafter Heiterkeit der Versammlung, die Klugheit dieser Frauen nicht öffentlich bezweifeln, sonst hetze ich sie mir Alle auf den Hals. Dr. Scholz fuhr dann fort: Ich werde der Wissenschaft nicht die Schande anthun, sie gegen deratige Angriffe zu vertheidigen. Die Wissenschaft befindet sich dem gegenüber in der Lage eines anständigen Menschen, welchen Gassenbuben mit Koth bewerfen. Er ist nicht in der Lage, auch in Koth zu greifen. (Rufe: Pfui Gregorig!) Der Redner besprach sodann den Anwurf, daß man die Kranke ins Spital schicke, um sie dort zu tödten. (Stürmische Pfui-Rufe.) Jeder Arzt betrachte es als eine Ehrensache, so wenig Todte als möglich in seiner Behandlung aufzuweisen. Uebrigens beweise die von den modernen Aerzten gepflegte Hygiene, daß sie nicht von Egoismus geleitet werden, denn sie entziehen sich dadurch selbst den Boden, auf dem bisher ihre Existenz ruhte. Durch solche Verhetzung berauben die angeblichen Vertreter des Volkes dasselbe einer Wohlthat. Wenn sich diese Leute Christlich - Soziale nennen, so ist dies eine Lüge. Das Christliche schänden sie, das Sozialistische mißbrauchen sie. Es sei höchste Zeit, daß die Bevölkerung gegen solche Ausschreitungen Stellung nehme. Diese Leute kann man nicht auf dem Wege der Ehre bekämpfen, da sie sich von Ehre und Anstand losgesagt haben. (Beifall.) Gemeinderath Frauen berger beantragte hierauf folgende Resolution: „Die im Saale Wimberger versammelte» Männer aus allen Schichten der Bevölkerung, aus allen Bezirken Wiens, auf das tiefste empört über das verderbliche, allen Gesetzen der Menschlichkeit und Gerechtigkeit hohnsprechende Treiben der Antisemiten, welches in jahrelangen, zahllosen täglich sich wiederholenden Worten und Handlungen gegen Mitbürger sich offenbart und jüngst in den scandalösen Scenen des niederösterreichischen Landtages einen geradezu ruchlosen Höhepunkt erreicht und bis zu einem anarchistischen Wuthausbruche geführt hat — erheben ihre Stimme zu einem feierlichen und energischen Protest gegen diese Schmach für ihre Vaterstadt und erwarten, daß die berufenen autoritativen Persönlichkeiten diesem Treiben mit jener Energie entgegentreten werden, welche die Moral, die Gesittung, die Verfassungsgesetze zur Pflicht machen." (Stürmischer Beifall.) In der Begründung der Resolution beleuchtete Gemeinderath Frauenberger die Mittel, denen sich die Antisemiten bei ihrer Agitation bedienen. Eine revolutionäre Bewegung verdiene der Antisemitismus genannt zu werden, und zu bedauern sei es, daß in den Hirtenbriefen nicht gegen diese anarchistischen Tendenzen Stellung genommen wird, denn dieselben laufen dem Christenthum auch zuwider; es müsse sich eine Stelle im Gesetze finden, die, um Wiederholungen ähnlicher Scenen vorzubeugen, zur schärfsten Anwendung gebracht werden sollte. Leider habe der Landmarschall all die Exeesse ruhig hingenommen, und um so entschiedener müsse die selbstständig denkende Bevölkerung gegen derart unerhörten Scandal ihre Stimme erheben. Einem Schneider gegenüber sei es wohl überflüssig, jüdische Frauenehre in Schutz zu nehmen, traurig und eine höchst bedauerliche Erscheinung sei es jedoch, daß all die Niederträchtigkeiten ungeahndet geblieben seien; aus der Wählerschaft müsse den berufsmäßigen Hetzern ein gebieterisches Halt zugerufen werden, immer mächtiger müsse eine umfaffende Agitation die Massen gegen Verdummung und Verrohung schützen — und hoffentlich werde, wenn die Gesetze in entsprechender Weise gehandhabt werden, auch endlich die letzte Stunde der Volksverhetzer schlagen. (Lebhafter Beifall.) Die vom Gemeinderath Frauenberger beantragte Resolution wurde unter begeisterter Zustimmung einhellig angenommen. Reichsraths-Abgeordneter Dr. Krona weiter betrat nun, von sympathischen Zurufen lebhaft begrüßt, die Rednertribüne. Mit Bezug auf Schneider's Bemerkungen über jene unglücklichen Frauen, welche durch gesellschaftliche Mißstände dem Laster in die Arme getrieben werden, sagte Dr. Kronawetter: Er glaube nicht, daß Jemand, der so genaue Listen führt, daß er weiß, ob an einem Tage mehr oder weniger von diesen Frauen spazieren gehen, rein und ohne