Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 81-82 (17.10.1892)
- Date
- 1892-10-17
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXIII. Jahrgang. Erste Beilage;u M 81 & 82 des „Israelit". Leitender Artikel. Gine Urolestversammtung. Wien. 13. Oktober. Unter imposanter Betheiligung der Bürgerschaft fand heute Abends im Wahlbezirke des Abg. Schneider in Fünf Haus die vom Vereine „zur Abwehr des Antisemitismus^ veranstaltete Protestversammlung statt, um gegen die bekannten antisemitischen Ausschreitungen im niederösterreichischen Landtage Verwahrung einzulegen. Der große Saal des „Hotel Wimberger" vermochte kaum die Zahl der Erschienenen zu fassen, unter welchen sich erfreulicher Weise auch sehr viele Wähler aus dem Schneiderschen Wahlbezirke und aus den übrigen Vororten befanden. Der Versammlung wohnten der Ehrenpräsident des Vereines zur Abwehr des Antisemitismus, Hofrath Dr. Nothnagel, Retchsraths-Abgeordneter Dr. Kronawetter, Landtags'Abgeordneter Noske, viele Gemeinderäthe und Bezirksausschüsse, Hofschauspieler Lewinsky, sowie Männer aus allen Gesellschaftskreisen bet; auch einige Damen waren anwesend. Die einzelnen Reden wurden mit stürmischer Zustimmung ausgenommen und die beantragte Protest-Resolution unter Jubel einstimmig genehmigt. Die Versammlung nahm folgenden Verlauf: Der Vorsitzende, Baron Suttner, eroffnete die Versammlung mit einer Ansprache, in welcher er, nach Begrüßung der Anwesenden, sagte: Wie Sie wissen, sind wir hier versammelt, um gegen die jüngsten Ausschreitungen des Antisemitismus, die ihren Culminationspunkt erreicht haben, Protest zu erheben. Dieser Beschluß war bereits gefaßt, als uns Oesterreichern die erfreuliche Kunde kam, daß der erste Bürger der Monarchie, unser Kaiser, den gleichen Gefühlen der Empörung in markigen, nicht mißzuverstehenden Worten Ausdruck gegeben hat. Ich betrachte dies gewissermaßen als eine von erster Stelle kommende Sanction unseres heutigen Vorhabens. Es ist der oberste Chef der Regierung, der da in unserem Sinne einen Protest erhoben hat, welcher in allen Gauen unseres Vaterlandes, ja ich kann sagen in ganz Europa einen solchen Widerhall finden wird, daß das Haßgeschrei unserer Gegner durch den Ruf nach Gerechtigkeit übertönt werden muß. Jetzt oder nie muß die erbärmliche Bewegung niedergedrückt, mit allen ihren Wurzeln ausgerottet werden. Der Tag der Abrechnung ist gekommen, die Schlacht muß mit unserem Siege enden, wenn Alles, was sich für eine gerechte Sache begeistern kann, uns zur Seite steht. Wir wenden uns somit in erster Linie an alle Jene, von deren gerechtem und gesunden Urtheile es abhängt, Männer in die Vertretung zu entsenden, welche Oesterreich in würdiger, nutzbringender Weise zu repräsentiren im Stande sind. Hier eine Säuberung vorzunehmen, ist auf das dringendste geboten; denn so lange das verhetzende Princip der Verfolgung unter dem Schutze der Immunität durchgeführt werden kann, so lange wird diese Partei auch eine Waffe in der Hand behalten, gegen die wir im Nachtheile bleiben. Lasten Sie nur einmal diese Helden ihres Panzers beraubt sein, dann werden Sie sehen, ob sie es wagen, ihre Person, aller Gefahr trotzend, für jene Parteisache einzusetzen. Ich frage Sie: Bedurfte es irgend eines Grades von Muth in der gesicherten Stellung, welche die gegnerischen Führer einnehmen, einen ehrenwerthen Stand in so erbärmlicher Weise anzugreifen? Ja, müssen wir es nicht direct eine Feigheit nennen, die Frau in der unwürdigend, beleidigenden Art vor die Oeffentlichkeit zu zerren, wie das vor Kurzem geschehen ist? Ich bin überzeugt, gegen solch rohes, wüstes Gebühren empört sich der gerechte, der ritterliche Sinn der erdrückenden Majorität Oesterreichs, und wir appelliren heute gewiß nicht umsonst an diese Majorität, wenn wir Sie bitten, mit uns gemeinsame Sache zu machen. Die Rede des Baron Suttner wurde mit großem Beifall ausgenommen; jener Passus, der die Kaiserworte betraf, gab der tausendköpfigen Versammlung Anlaß zu einer begeisterten Ovation für den Monarchen. Nachdem der Präsident noch bekanntgegeben, daß aus mehr als zwanzig Städten, von zahlreichen Vereinen und hervorragenden Persönlichkeiten, selbst aus London telegraphische und briefliche Zustimmungs-Kundgebungen eingelaufen seien, darunter vom Ehrenpräsidenten Friedrich Freiherrn v.Leitenbergerund vom Vice-Bürgermeister Dr. Grübl, nahm Hofrath Professor Dr. Nothnagel, von stürmischem, nicht endenwollenden Beifall begrüßt, zu folgenden Ausführungen das Wort: „Klar und unzweideutig habe ich wiederholt meine persönliche Stellung zu der Frage, welche uns hier zusammengesührt hat, dargelegt. Ich würde deßhalb heute nicht wieder das Wort ergriffen haben, wenn es mir nicht von Seite unserer Vereinsleitung nahegelegt worden wäre, eine knappe Uebersicht des Standpunktes zu geben, welchen unser Verein den vorliegenden Fragen gegenüber einnimmt. Die traurigen und schmachvollen Vorkommnisse, welche die unmittelbare Veranlassung zur Einberufung dieser Versammlung gegeben haben, sind als Ausschreitungen des Antisemitismus bezeichnet worden. Das sind sie nicht, der Antisemitismus macht keine Ausschreitung, er ist eine solche (Beifall), er ist ein Frevel an der Moral, an der Gerechtigkeit, an der Menschlichkeit. Wer überrascht gewesen sein sollte von jenen Scenen, der hat nie eine Vorstellung gehabt von dem eigentlichen Wesen des Antisemitismus, welcher schlecht ist in seinem tiefsten Kern und deshalb nur Schlechtes erzeugen kann. Jene Vorkommnisse mutzten eintreffen als unausweichliche Konsequenz, und geben Sie sich keinen Täuschungen hin, wenn jene Individuen die Herrschaft gewännen, dann müßte der Genius der Menschheit schweigend sein Antlitz verhüllen: denn in schaudervolle Thaten würde sich verwandeln, was bis jetzt nur in Worten sich äußern kann. Ueber jene Individuen als solche ist nichts zu sagen — sie selbst haben sich das moralische Kainszeichen auf die Stirne gebrannt. (Beifall.) Aber der frevelhafte Haß, den sie mit wahnsinniger Wuth gegen Mitbürger schüren, ist zu gefährlich, als daß man ihn mit kalter Gleichgiltigkeit, mit vornehmer Ruhe hingehen lassen konnte. Der Antisemitismus nimmt seinen Ursprung aus dem Gemeinen der Menschennatur, er ist einer der schwersten Borwürfe gegen das menschliche Herz. Und wer ihn nicht vou Anfang an als Frevel empfunden, wer sich nicht von Anbeginn über seine unbedingte Verwerflichkeit klar gewesen ist, dem müssen doch allmählich die Augen geöffnet sein. Wehrlose zu überfallen, ist feig, schutzlose Frauen zu insultiren, ist gemein, Frauenehre ist selbst dem Rohen heilig, dem Antisemiten ist sie es nicht. (Stürmischer Beifall.)