Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1892-10-17 · Heft 81-82 (17.10.1892) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 81-82 (17.10.1892)
Date
1892-10-17
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2448218-2448294--35012-2482977
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1542 Aus dem Großherzogthum Hessen. Der Antisemitismus scheint in der Provinz Starkenburg doch bei der Bevölkerung allmählich auf Widerstand zu stoßen. So sollte in Langen eine Antisemitenversammlung stattfinden. Ein Saal war mit großer Mühe zur Verfügung gestellt, aber es fehlte trotz der 5000 Einwohner zählenden Bevölkerung des Städtchens an Zuhörern, weshalb der Antisemiten-Apostel Reuther, ohne ein Wort zu reden, abziehen durfte. — Bei der landwirthschaftlichen Ausstellung in Rimbach erhob sich bei der Mahlzeit ein Herr, um einen etwas nach Antisemitismus riechenden Toast auszubringen. Sofort fanden sich 2 Landwirthe bereit, die in ihrem Trinkspruch hervorhoben, daß in landwirthschaftlichen Vereinen die Religion nicht in Betracht komme, und daß man gegen das Hereintragen der Politik in die Vereine Verwahrung einlegen müsse. Der reiche Beifall, der diesen beiden Rednern gezollt wurde, bewies, daß die große Mehrzahl der Anwesenden denselben Grundsätzen huldigt. Nach solchen Erfahrungen ist es natürlich, daß die saubere Gesellschaft ihre Blicke nach Rheinhessen richtet, aber auch die beiden Versammlungen in Dien heim und Oppenheim werden Böckel belehrt haben, daß auch hier kein Boden für diese Giftpflanzen vorhanden ist. Grotz-Steinheim Der hiesige isr. Friedhof, auf welchem auch noch Beerdigungen aus andern Gemeinden stattfanden, ist am 1. October behördlicherseits geschlossen worden, da derselbe überfüllt ist. Stolp, 3. Oktober. Gestern Nachmittag 5 Uhr hatten sich in Kaufmanns Wahlhause etwa 40 christliche, dem Handelsstand angehörige Detaillisten versammelt, die den „christlichen Verein junger Kaufleute 1892" gründeten. Vorbehaltlich der Genehmigung einer einzuberufenden Generalversammlung wurde ein provisorischer Vorstand gewählt. Die Statuten sollen demnächst entworfen und berathen werden. Unzweifelhaft verfolgt dieser junge Verein antisemitische Tendenzen, darüber war man sich in dem zu gestern Abend vom alten „Verein junger Kaufleute" einberufenen Fragebeantwortungsabend einig. Im Interesse des ganzen hiesigen Handelsstandes ist es zu bedauern, daß sich solche Bewegungen in unserer Stadt bemerkbar machen. Leipzig, 6. Oktober. Zur Frage der antisemitischen Kandidatur für den Kreis Friedberg-Arnswalde erfährt die „Kreuzzeitung", daß die Leitung der deutschfocialcn Partei an der Aufstellung eines eigenen Bewerbers „grundsätzlich" festhält, und zwar aus dem Grunde, weil die deutschfreisiuuige Partei bereits eine so starke Agitation in dem Kreise entfaltet habe, daß die Eonservativen aus eigener Kraft kaum noch in der Lage sein würden, derselben mit Erfolg cntgegenzntreten. Eine deutschsociale Candidatur werde es daher verhindern, daß der Freisinn im ersten Wahlgange siege. Dieser „grundsätzlichen" Stellungnahme, meint das hochconservative Blatt, steht jedoch die Thatsache gegenüber, daß die „Dcutschsocialen" bis jetzt noch keinen Candidaten in Person ausgestellt haben, sondern daß die Berliner Antisemiten Herrn Rector Ahlwardt, welcher nicht zur dcutschsocialen"Partei gehört, als Candidaten in den Wahlkreis entsenden wollen. Ans dieser Uneinigkeit in den Reihen der Antisemiten folgert die „Kreuzztg.", daß dieselben bald selbst einsehen, daß sie ihren Parteizwecken weit besser dienen, wenn sie von dem anssichtslosen Unternehmen in dem bezeichneten Wahlkreise recht bald gänzlich abstehen. — Ob der Wunsch des Berliner Blattes — denn nur um einen solchen handelt es sich — in Erfüllung gehen wird, scheint uns sehr zweifelhaft. O e st e r. - U u g a r. Monarchie. Wien, 10. Okt. Bei der heutigen Reichsrathswahl in der inneren Stadt Wien wurde der fortschrittliche Kandidat Kronawetter mit 2701 Stimmen gewählt. Der Kandidat der Christlich- Sozialen Baron Bittinhoff erhielt 1005, der Antisemit Journalist Wolf 78 Stimmen. Die Verkündigung des Wahlresultates wurde mit großem Jubel ausgenommen. Wien. Man theilt der „Oestrr. Wchschrift" als ein gewiß sehr bedauerliches Factum mit, daß der Ledergalanterie-Waaren-Erzengcr Buchwald im VII. B., Westbahnstraße, seinen Lehrling, welcher bereits das 3. Jahr bei ihm in Arbeit steht, aus dem Grunde aus seinem Geschäfte hinausgeworfen, weil er am zweiten Tag des Neujahrstages nicht bei der Arbeit erschien. Es ist traurig, wenn in der heutigen Zeit ein jüdischer Meister derart gegen seine Lehrlinge auftritt. Wir hoffen, daß es solche Meister nur wenige geben dürfte. England. London. Vor schon zwei Jahren veröffentlichte Mr. Alexauderim Jewish Ehronicle einen Plan, jüdische junge Leute im East end mit Wohnung und Kost nach den Principien der Selbsthilfe zu versorgen. Rev. S. Singer bringt diesen Plan nunmehr zur Ausführung, nachdem Dank der Munificenz der Lady Rothschild und Mrs. N. Montefiore, welche den erforderlichen Betrag von 3000 Pf. St. zur Verfügung stellten, ein passendes Hans in Gun-Street angetanst werden konnte. Bork. Eine kleine Anzahl von Juden hat sich im Lause des letzten Jahres hier niedergelassen. Anläßlich der Feiertage wandten sich dieselben an den Oberrabbiner mit der Bitte, ihnen die Abhaltung eines Gottesdienstes während der hohen Festtage zu ermöglichen. Dr. Adler sandte hierauf eine Thora-Rolle und einen Schofar. Es hat demnach das erste Mal seit der Vertreibung der Juden aus Port im Jahre 1290 hier wieder jüdischer Gottesdienst stattgefunden. Porlsea. In einer öffentlichen Versammlung, die am Freitag den 23. September in der St. Georges Halle in Ramsgate abgehalten wurde, um die Sym-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.