Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 81-82 (17.10.1892)
- Date
- 1892-10-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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1541 zerklüfteten Zeit mit so zahlreichen Irreführungen wird diese Agitation doppelt bedauerlich. Dabei kann andererseits nicht außer Augen gelassen werden, daß der Kapitalismus mit seinen traurigen und gefährlichen, aller Nächstenliebe und socialen Solidarität widersprechenden Auswüchsen und Tages-Aktionen durch viele und einflußreiche jüdische Kreise im Handel, der Fabrikthätigkeit, in der Börse, Presse u. s. w. zu sehr gefördert wird. Das führt der bei uns überall auftretenden Unzufriedenheit leider viele, besonders Unerfahrene in die Reihen der Antisemiten. Möge Hessen zu seiner Ehre davon verschont bleiben! Wo thunlich sprach und spreche ich mich auch in meinem mir lieben Wahlkreise ernst abmahnend und beklagend zu diesem Betreff aus. Daß Gegentheiliges aufkommt, da und dort nicht abgewiesen wird, bedauere ich im Interesse des öffentlichen Friedens und als guter Christ, der Haß nicht kennen und aufkommen lassen will. Wie ich den Antisemitismus von vornherein bedauerte, die damit verbundene Hetze beklagte, beweist mein im Winter 1890/91 in der II. Ständekammer an die Gr. Regierung gerichtetes Ersuchen, welches sofort von beiden Seiten nur zu lebhaft erörtert wurde, denn: Frieden, Einsicht, höhere Einsicht war damals wie heute mein Wunsch. Alle Extreme machen taub und ungerecht. Möge daran Jeder denken. Mit dem Antisemitismus werde ich nie gehen. In gewohnter Hochachtung Ihr ergebenster gez. Dr. Schroeder. (Uns will bedünken, daß die Ansichten des Herrn Abgeordneten einen antisemitischen Beigeschmack haben. Red. d. Jsr.) Worms. Aus Trier kommt die Trauerkunde, daß dorten Geh. Regierungs- und Schulrath Dr. L. Kellner im Alter von 82 Jahren gestorben ist. — Wer seine pädagogische Ausbildung auf einem Seminare erworben, oder wer dieselbe auf dem Wege der Autodidaktie sich angeeignet hat; der Name Kellner ist ihm nicht nur bekannt, sondern auch lieb geworden. Wenn Kellner auch der extrem kathol. Richtung angehörte, so wird sein Name doch neben dem eines Lüben, Kehr, Bertholt genannt werden müssen. Seine „Aphorismen" werden ihren bleibenden Werth behalten, mag die Wissenschaft der Pädagogik neue Bahnen einschlagen, oder mag sie zu den alten wieder zurückkehren. Dieser hervorragende Pädagoge hat kurz vor seinem Tode seine Biographie herausgegeben unter dem Titel: „Lebensblätter." Wie alles, was Kellner geschrieben, zeichnet sich auch dieses Werk durch eine wohlthuende Gemüthlichkeit und eine wunderbar schöne Sprache aus. Von jeher ein Verehrer Kellner'schen Schriften, habe ich auch nach diesem Werke gerne gegriffen, aber die Lektüre dieser trefflichen Schrift hat ein Etwas in mir zurückgelassen, was mich nicht so recht froh werden ließ. Ich fand in dem langen Namensverzeichnisse der Personen, mit denen Kellner während seines ganzen langen Lebens in Berührung kam, auch nicht einen jüdischen Namen. Vor 15 Jahren wäre mir solches durchaus nicht ausgefallen, aber in der jetzig ernsten Zeit, da betrachtet man alles mit anderen Augen. Man ist nicht mit Unrecht empfindlicher geworden. Nach reiflicher Ueberlegung habe ich dem alten Herrn, mein Bedenken in einem Briefe vom 17. März d. I. zum Ausdrucke gebracht. Den Brief selbst begleitete ich mit meiner Schrift: „Johann Peter Hebel, sein Leben und seine Werke." Am 19. traf schon die Antwort Kellners ein, die ich, da sie von allgemeinem Interesse ist, hiermit veröffentliche: Trier 19. 3. 92. Sehr geehrter Herr! Empfangen Sie zunächst meinen besten Dank für Ihren Brief vom 17. und für die beigefügte literarische Gabe. Sie haben es verstanden, Hebel nach Geist und Herz trefflich zu zeichnen, und in engem Rahmen doch ein wahres Lebensbild zu bieten. Die einzelnen kleinen Züge, welche Sie geschickt einzuflechten wußten, gaben dem Bilde ein so charakteristisches Colorit und Leben, daß der Leser zu dem merkwürdigen, so originellen Manne sich mit Verftändniß hingezogen fühlt. Ich habe Ihrem Lebensbilde einen ebenso angenehmen als belehrenden Abend zu verdanken, da mir Einzelnes, besonders die erwähnten kleinen Züge noch fremd, oder doch dem Gedächtnisse entschwunden waren. Was Ihre zweite Anfrage, beziehungsweise Bemerkung anlangt, so kann ich nur sagen, und erwiedern, daß ich ein Mann des Friedens bin, und wenn in meinen Lebensblättern Persönlichkeiten Ihres Glaubens kaum Erwähnung gefunden haben, dieses nur in Zufälligkeiten liegen konnte. — Mit freundlichem Gruße und aufrichtiger Werthschätzung Ihr ergebener Dr. Kellner, Geh. Regierungsrath. Worms. Die hiesige isr. Gemeinde ist heute mit einem, besonders in jetziger Zeit sehr wohlthuenden — Legat überrascht worden. Die hier verstorbene Frau Altbürgermeister Brück hat der „Synagoge" M. 500 testirt. Der Testirung waren im Testamente die Worte beigefügt: „Wenn sie wollen, können sie ein passend Gebet verrichten."