Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 79-80 (4.10.1892)
- Date
- 1892-10-04
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
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1537 „Zurück, Unglücklicher, wenn Dir Dein Leben und das Deiner Kinder lieb ist! Zurück, Du bist im Hause deS Todes!" Ephraim überlief es heiß und kalt. Er blickte in das verstörte Antlitz des Taglöhners, ob derselbe nicht von Sinnen sei und rührte sich nicht vom Fleck. „Hast Du mich nicht verstanden?" schrie dieser jetzt wieder. „Fliehe, denn der Würgengel wohnt hier, die böse Krankheit hat von meinen acht Kindern innerhalb drei Tagen sechs geraubt." „Großer Gott! welch' ein Unglück!" rief Ephraim aus, „und deshalb sollte ich Dich fliehen, sollte Dich allein lassen in Deinem Schmerz! Nein, Klaus, i ch fürchte mich nicht. Gott wird mich und die Meinen schützen; ich bleibe und will versuchen, Dir Trost in Deinem Unglück zu spenden." „Du gehst nicht? Du hast keine Furcht, Du, der Jude, willst mich trösten, während alle hier oben mich fliehen. Nein, Sander, das ist ein Opfer, das ich Dir, so lange ich lebe, nicht vergesse. Doch was führt Dich herauf?" „Unsere Feiertage nahen heran und es wird bald Zeit, die Laubhütte zu bauen und zu schmücken." „Ich weiß es und alles ist bereit. Die Nüsse sind vergoldet, Kettchen und Körbchen aus buntem Papier sind geschnitten und fertig, Hagebuttenschnüre von zehn Meter Länge hängen drinnen, den Erlaubnißschein, das Laub zu holen, habe ich in meiner Kommode. Aber dieses Jahr werde ich Dir keine Laubhütte bauen, werden meine Kinder — hier traten Thränen in die Augen des armen Vaters — Deine Hütte nicht schmecken, denn ich will das tödtliche Gift nicht in Dein Haus tragen und meine Kinder schlummern in der Erde." „Ich fürchte mich nicht, Klaus, komme nur und baue die Hütte." „Nein, Ephraim, man soll Gott nicht versuchen und freventlich die Gefahr heraufbeschwören. Behelse Dich in diesem Jahre ohne die Laubhütte oder baue sie selbst." „Von behelfen ohne Sukkoh kann keine Rede sein. Lasse mir, wenn Du sie nicht bauen willst, zur rechten Zeit Laub hinabschaffen, so werde ich sie selbst bauen und schmücken. Ich will Dir aber schon heute das Geld, das Du für die Laubhütte bekommst, geben, Du wirst es brauchen können." Und Ephraim zog seine Börse, nahm eine Doppelkrone heraus und wollte sie Klaus geben. Klaus weigerte sich, dieselbe zu nehmen, doch Ephraim drang sie ihm auf und sagte: „Darf ich nicht auch einmal für Dich arbeiten; nimm es nur und gönne mir die Freude, Dich in Deinem Unglück wenigstens vor der Sorge um Geld bewahren zu können." Klaus weigerte sich noch eine Weile, doch Ephraim ließ nicht nach. Endlich nahm Klaus das Geld und mit vor Thränen zitternder Stimme sagte er: „Du bist ein edler Mensch! Gott möge Dir Deinen Edelmuth lohnen." Während Ephraim so Werke der Barmherzigkeit übte, war der Würgengel an die Seinen herangetreten und als er am Abend jenes Tages nach Hause kam, fand er seine beiden Knaben fiebernd im Bette, seine Frau voller Verzweiflung ihn erwartend. — Der Arzt, der vor einer Stunde da war, hatte die Bräune bei den Patienten konstatirt und die nöthigen Anordnungen getroffen. Da die Krankheit epidemisch auftrat und seither zum größten Theil bösartig verlaufen war, mußten besondere Vorsichtsmaßregeln getroffen werden und Ephraim fügte sich den strengsten Befehlen, die ihn und die Seinigen fast isolirten und wachte mit seiner Frau darüber, daß die Anordnungen des Arztes aufs Genaueste befolgt wurden. Die Feiertage kamen heran. Zerknirscht und inbrünstig lag Ephraim vor dem Ewigen auf seinen Knieen und flehte heiß und innig um das Leben seiner Kinder. Der Besuch des Gottesdienstes war ihm und seiner Frau von dem Arzte wegen der Gefahr der Ansteckung und Uebertragung untersagt morden und so stand er einsam in seinem Kämmerlein vor seinem Gott und betete. Noch nie hatte er den Sinn unserer herrlichen Gebete so erfaßt wie in diesen Tagen, noch nie die Kraft des Gebetes so empfunden wie in jener Zeit. Die Schofartöne hörte er nach dem Schluß des Gottesdienstes in der Synagoge aus einem Nachbarhause zu sich herüberklingen und sie erschienen ihm wie Töne des Gerichts. Weinend trat er in das Krankenzimmer, um seine Frau in der Pflege zu unterstützen, denn die Krankheit wurde immer heftiger. In hohem Fieber nach Athem ringend lagen die Knaben in ihren Bettchen; auch zu ihnen war der Schofarton gedrungen, auch ihre jugendlichen Herzen hatte er erschüttert. „Jst's wahr, Vater," fragte der Aelteste, „daß am Rosch haschonoh Gott über Leben und Tod der Menschen entscheidet?" „Ja, mein Sohn," versetzte mild der Vater. „O," sagte da der Knabe, seine fiebernden Händchen und den Blick gen Himmel gerichtet, „so bitte ich Dich, lieber Gott im Himmel, lasse mich und meinen Bruder wieder gesund werden, erhalte uns unsere lieben Eltern am Leben, denn Du bist ja ein allmächtiger Gott, unser Vater und Helfer, zu dem wir in der Noth flehen. Lasse uns gesund werden, Gott im — Weiter kam der Knabe nicht. Ein Erstickungsanfall machte seinem Gebet ein Ende. „Mutter," tönte es plötzlich vom andern Bettchen her, „warum spricht Eli nicht? Muß er sterben? Nein, Mutter, er soll nicht sterben." „Der liebe Gott wird Euch beide uns erhalten," versetzte schluchzend die Mutter, während sie zu dem bange sie anblickenden jüngeren Knaben ging. „Ich fürchte mich so sehr vor dem Tod und vor dem Sterben," sagte der Knabe, sich ängstlich an die Mutter schmiegend. „Ach, Närrchen, sprich nicht solchen Unsinn! Ihr werdet wieder gesund werden und noch lange, lange Jahre uns Freude bereiten." Der Knabe ließ sich nicht so leicht beruhigen. Immer wieder begann er zu fragen, ob er wirklich auch nicht sterben müsse und immer wieder mußte ihn die Mutter dessen versichern. „Wo ist der Vater?" fragte er nun plötzlich. „Er ist fort, um Taschlich*) zu machen." *) Ein Gebet verrichten, welches in der Nähe eines Flusses gesprochen werden soll.