Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 79-80 (4.10.1892)
- Date
- 1892-10-04
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
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1536 geerbt und die Zinsen, die er zu zahlen hatte, betrugen mehr, als seine Wohnung werth war. Trotzdem konnte sich Klaus nicht entschließen, das Elternhaus einem Anderen zu überlassen und er zahlte lieber die Zinsen für das Geld, welches seine Eltern zur Zeit schwerer Noth geliehen, aber nicht wieder zurückgegeben hatten. Der karge Verdienst jedoch, den er auch nur im Sommer hatte, und seine große Familie machten es ihm unmöglich, seinen Verpflichtungen stets ganz nachzukommen und so kam es, daß er auch noch Zinsen schuldig war, die er schon vor drei Jahren seinem Gläubiger Ephraim Sander hätte zahlen müssen. Sander, der so alt wie Klaus war und dessen Eltern schon mit denen des Klaus bekannt und geschäftlich befreundet waren, drängte den armen Mann nicht, und wenn dieser seine Zinsen nicht vollständig bezahlen konnte, begnügte sich Sander mit dem schriftlichen Anerkenntnis des Restes der Schuld. Viermal im Jahre, an jedem Quartalstage, unterschrieb Klaus einen solchen Zettel und Sander konnte schon eine ganz stattliche Anzahl solcher Schuldscheine aufweisen. Kam dann das Laubhüttenfest, so erbaute Klaus die Laubhütte und schmückte dieselbe mit dem, was seine beiden ältesten Kinder dazu gesammelt und verfertigt hatten. Jedesmal hatte Sander die schönste Hütte und keiner der wenigen Glaubensgenossen, die mit ihm in dem kleinen Städtchen unweit des Gebirgsdorfes lebten, konnte sich jemals rühmen, seine Laubhütte sei schöner, als die des Ephraim Sander. Zum Lohn erhielt Klaus jedesmal zehn Mark und von den Kindern wurde jedes mit eineni guittirten Schuldschein des Vaters beschenkt. Auch in diesem Jahre nahete das Laubhüttenfest heran und Ephraim erwartete täglich, daß Klaus wegen der Laubhütte bei ihm vorspreche. Aber Klaus kam nicht. Ephraim konnte sich das gar nicht erklären und da die Feiertage immer näher kamen, wollte er seinen ältesten Sohn in das Gebirgsdorf schicken, um bei Klaus fragen zu lassen, ob er in diesem Jahre die Laubhütte wieder errichten wolle. Da hörte er jedoch, daß eine tückische Kinderkrankheit dort furchtbar wüthe, und er ließ seinen Knaben zu Hause bleiben und wollte sich selbst auf den Weg machen. Obschon ihn seine Frau dringend bat, doch Rücksicht auf die eigenen Kinder zu nehmen und dem verseuchten Dorf fernzubleiben, ließ er sich nicht zurückhalten und beschloß, gelegentlich dort vorzusprechen. „Wer weiß, wie groß die Roth ist, die da oben herrscht," sagte er zu seinem Weibe, „und Niemand von denen im Dorfe kann helfen." „Ich habe ja nichts dagegen, wenn Du helfen willst. Schicke Geld hinauf so viel Du magst, nur bleibe Du fern. Du könntest, Gott bewahre, uns die Krankheit in's Haus bringen, und," Thränen traten ihr bei diesen Worten in die Augen, „wenn einem unserer Kinder etwas zukäme, ich wäre die unglücklichste Frau der Welt. Baue die Sukkah selbst und lasse in diesem Jahre Klaus unserem Hause fernbleiben." „Warum soll ich dem armen, fleißigen Manne das Geld nicht zu verdienen geben? Bis zu vren sukkos mag alles wieder gesund im Dorfe sein." „Ich habe einen Grund, weßhalb ich in diesem Jahre überhaupt keine Sukkah bauen möchte", sagte die l Frau mit zitternder Stimme. „Unsere Wäscherin hat mich gestern gewarnt. Du weißt es, wie verwegen die hiesigen Antisemiten geworden sind; schon sind Ausschreitungen vorgekommen und die Thäter, die im antisemitischen Lager zu suchen sind, konnten nicht ermittelt werden. Für die Feiertage hat man einen Hanptschlag verabredet und gerade die Laubhütten hat man sich zu der Heldenthat ausersehen. Warum soll man, wenn gewarnt ist, die Leidenschaften der Feinde herausfordern?" „Du bist eine kluge und vorsichtige Frau," erwiederte Ephraim lächelnd, „aber dieses ist kein Grund für mich, von der Erfüllung des göttlichen Gebots abzusehen. Wir bauen unsere Sukkah und feiern, so Gott will, ein recht vergnügtes Sukkothfest." Ephraim entfernte sich. Es that ihm leid, den Wunsch seiner Frau nicht erfüllen zu können und trotz seines Gottvertrauens und seiner Zuversicht, beschlichen bange Ahnungen sein Herz. Wie, wenn Klaus wirklich die tückische Krankheit in sein Haus brächte und diese seine Kinder heimsuchte? Aber konnte die Krankheit nicht auch so die Seinen erreichen? Hatte er eine Garantie, daß sie, wenn er dem braven Manne seinen Verdienst entzog, sein Haus verschonte? Kann Gott ihn und die Seinen nicht überall und immer treffen und läuft der, welcher Gott entrinnen will, nicht seinem Schicksal gerade in die Hände? Freilich, es war eine ernste, schwere Zeit und der Todesengel raffte Kinder und Erwachsene hinweg und Armuth und Elend kehrten in die Hütten der Aermsten ein und verbrüderten sich mit der Noth, der Sorge, dem Jammer und dem Kummer. Und ferner. Hatten antisemitische Buben nicht das Eigenthum seines eigenen Bruders zerstört, ohne daß sie die gerechte Strafe dafür ereilt hatte? Sollte er diese Horde durch das Erbauen einer Sukkoh noch mehr reizen? Jetzt, da er es wußte, würde er vielleicht klug handeln, wenn er seiner Frau folgen würde. — Nein; auf diese Weise wollte er nicht klug sein. Die größte Klugheit und die höchste Weisheit ist die Gottesfurcht, wie es heißt: Reschis chochmo jiras haschem. Ephraim ging seinen Geschäften nach und erst am dritten Tage führte ihn sein Weg in das arme Gebirgsdorf. Ruhig und stille lag es da. Aber es war nicht die Ruhe der Idylle, es war die Ruhe des Friedhofs, die Ruhe, welche jedes große Unglück begleitet. Traurig blickten die Armen hinter den trüben Fensterscheiben hervor; kein Haus, in dem nicht ein Todter war. Trotz seiner Tapferkeit gruselte es Ephraim, als er das Schreckliche vernahm und er machte sich schon Vorwürfe, dem Wunsche seiner Frau entgegen gehandelt zu haben. Nichtsdestoweniger suchte er Klaus auf. Er dachte, Gott ist mein Schutz, was sollte ich fürchten! Klaus stand gerade auf dem kleinen Hofe und spaltete Holz, als Ephraim eintrat. „Guten Tag, Klaus," rief er ihm zu; „nun, wie gehts?" Ephraim wollte aus ihn zu schreiten und streckte ihm seine Hand entgegen. Klaus blickte Sander an, als ob er ein Gespenst wäre. Dann, als er Ephraim erkannte, streckte er die Hand abwehrend aus und rief: