Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 79-80 (4.10.1892)
- Date
- 1892-10-04
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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1522 soll also der Jude nicht auch zu der den Charakter productiver Arbeit am meisten an sich tragenden Agricultur herangezogen werden, damit endlich die Schmach, die man uns mit dem Vorwurf macht, daß wir uns um die schwere Bodenarbeit nicht kümmern, von uns genommen werde. Außerdem würde damit dem durch die Verhältnisse bedingten fluthenden Nomadenleben vieler Juden ein Ende bereitet sein. Nicht den Emigranten dort einen vorübergehenden Sitz anzuweisen, sondern die Seßhaftmachung, die Gewöhnung an die Scholle ist die Aufgabe derjenigen, die den Hauptzweig des Judenthums in den amerikanischen Boden zu versetzen an die Spitze gestellt sind. Ein so in's mütterliche Erdreich gesenkter Stamm, der mit den Elementen der Natur in steter Berührung bleibt, kann ganz anders den drohenden Wettern und Blitzen trotzen, die seinen Wipfel umtoben. Die Stürme mögen ihn dann mit noch so gewaltiger Festigkeit umtosen, er steht, nicht blos in die Höhe ragend, ein Beispiel der Standhaftigkeit für die Völker, sondern auch, seine Wurzeln tiefer nach unten schlagend, unerschütterlich fest für alle Zeiten. Der Jude ist bisher ein Symbol der Unstätigkeit und Wandelbarkeit; das Land, das ihn noch gestern getragen und mit seinen Früchten gelabt, heute will's ihn nicht mehr dulden und schüttelt ihn mit finstrem Grollen von sich ab. Mit der Bodenbewirthschafi tung müssen die Dinge sich von selbst stabilisiren und Festigkeit und Sicherheit gewinnen. Die amerikanische Judenheit hat die Pflicht, die größten Anstrengungen und Opfer nicht zu scheuen, dieses hohe Ziel zu erreichen, und was in Südamerika ein unvergleichlich hochherziger Mann mit Darangabe seiner ganzen Lebensernte sich zur Aufgabe stellt, das sollte die Gesammthett der nordamerkanischen Juden im festen Zusammenschluß zu erstreben trachten. Mit der momentanen Unterbringung der Massen halte ich die Aufgabe nicht für gelöst, solange nicht erhebliche Theile als fester Kern dem muskel- und nervenfrischenden Beruf zugesührt werden, der die Beschäftigung der Ahnen der Vorzeit ausmachte. Die Versorgung durch Arbeitsnachweis ist sehr großen Schwankungen unterworfen. Es läßt sich nicht leicht ermessen, in welchem Grade und wie bald die neuen Verhältnisse, die die russischen Juden eingehen, gelockert werden durch das Fremde der Sprache, Sitte, Gewohnheit, der technischen Schwierigkeiten, dem sie plötzlich ausgesetzt werden, ohne für die neue Sphäre vorbereitet worden zu sein. Was dann mit der Unsumme schiffbrüchiger Existenzen und von zusammengehäuftem Elend beginnen? Die Abhängigkeit von der Natur wird das Schicksal unserer unglücklichen Glaubensbrüder entschieden weniger dem Wechsel und den Zwischenfällen unterwerfen als die Laune kaltfühlender, nur auf den eigenen Vortheil bedachter Menschen. Ist erst der Bestand eines oder mehrerer Kolonien gesichert, dann kann fortwährend ein Strom neuer Ansiedler hingelettet werden. Diejenigen, die in den industriellen Betrieben nicht vorwärts kommen, können dann immerhin in der Landwirthschaft ihr Heil versuchen. Wie viele Tausende von den drüben Landenden sind gänzlich berufslos, zu anderer Arbeit ungeschickt und können nur Kostgänger der Barmherzigkeit werden, die nach unserer Meinung in anderer Weise Hilfe zu schaffen hat. Mit der Erwerbung großer Ländereien behufs kolonialer Niederlassungen würde man nicht nur einer Culturmission von jetzt noch nicht zu übersehender Bedeutung entgegenarbeiten, sondern auch manigfache Zufälligkeiten umschiffen, die das schwanke Schifflein des mühsamen Rettungswerkes gefährden. Wir unterschätzen nicht die Riesenlast, deren Bewältigung die Schultern unserer Glaubensgenossen jenseits des Oceans in empfindlichster Weise herabdrückt, wohl wissen wir, daß alle Ströme von Noth und Elend in uuftaubarer Fluth in jenes große Land des Westens hinübermündete, aber das starke Bewußtsein der weltgeschichtlichen Aufgabe, die der Juden in Nordamerika harrt, wird und muß ihnen die Kraft, die moralische und finanzielle, zur Ausführung der großen That geben. An einem erhabenen , ermunternden Beispiel können sich die amerikanischen Millionäre stärken und emporrichten. Wie BaronHirsch zur Sicherung seinesphilantropischen Unternehmens eine Actten - Gesellschaft in's Leben rief, so sollten die Nordamertkaner einen kolonialen Fonds auf der Grundlage einer wohlthätigen Association zusammenschieben, um ein für allemal die Basis zu einer umfangreichen Colonisation zu schaffen; es gilt die Zukunft und die Wohlfahrt von zwei Drittheilen unseres Stammes. Also auf zum Werk! Anmerkung der Redaktion. Wir geben diese bedeutsame Arbeit hier wieder, empfehlen dieselbe namentlich unseren geehrten amerikanischen Lesern zur freundlichen Beachtung, können uns aber mit den Ausführungen des Herrn Verfassers nicht vollkommen einverstanden erklären. Namentlich haben die seitherigen Erfahrungen in Argentinien, mag auch ein Theil der Schuld an den Organisatoren liegen, durchaus noch nicht gezeigt, daß das gegenwärtige Geschlecht der auswandernden „Ebräi" sich zur Landwirthschaft qualifizire. Man kann eben aus Leuten, die Jahrzehnte lang an die dumpfe Moderluft eines russischen Blockhauses gewohnt, mit Bügeleisen oder Ale hantirten, nicht plötzlich erfolgreich arbeitende Ackerbauer machen. Jedenfalls müßte man anders Vorgehen, als man bei der Ueberleitung nach Argentinien verfahren ist und nur die zum Ackerbau tauglichen Elemente, wie die früheren russischen Erd- und Schanzenarbeiter, die russisch-jüdischen Landwirthe, Steinklopfer, Maurer, Zimmerleute, Dachdecker u. s. w. ausscheiden. Diese Berufe bilden schon einen großen Prozentsatz unter den Auswanderern. Auch daß die Konstitution