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Der Israelit · 1892-10-04 · Heft 79-80 (4.10.1892) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 79-80 (4.10.1892)
Date
1892-10-04
Page
– (sequence 11)
Language
German
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1621 Mtt der politischen und rechtlichen Seite der Wendung, werden ja die neuen Bürger der in Freiheit getauchten Westfeste zufrieden zu sein alle Ursache haben, und manche Enttäuschung, manche bittere Erfahrung werden die Auswanderer im Hinblick auf diese wichtigste Errungenschaft der neuen Heimath mit in den Kauf nehmen. Sie alle träumen ein Leben voll Glück und Ueberfluß; mit den frischen Segeln geschwellter Hoffnung lassen sie sich in das dollarfrohe Land htnübersegeln, um nicht selten ein Dasein voller Entbehrungen und Mühseligkeiten gegen eine vielleicht erträgliche Existenz im Geburtslande einzutauschen. In gewissem Sinne bedeutet der russische Exodus nach Nordamerika einen wirtschaftlichen Rückschritt, insofern wenigstens, als die große Zahl der freien Handwerker und selbstständigen Gewerbetreibenden in ein abhängiges Verhältniß gebracht wird. Die wirtbschaftliche Unfreiheit, die an Stelle der Ungebundenheit tritt, kann als ein Fortschritt nicht gelten. In Polen und Rußland, wo zumeist das Fabrikwesen nicht in besonders hoher Blüthe steht, erfreut sich der Jude als auf eigene Faust arbeitender Handwerker einer Schrankenlosigkeit in seinem kleinen Betriebe, die ihn mit den sonstigen Unannehmlichkeiten seiner Lage aussöhnt. Neben religiösen und andern Gründen mag auch dieser als Erklärung für den scharf ausgebildeten, kaum einer Steigerung fähigen Familiensinn des russischen Juden dienen. Alle diese Dinge werden aber da drüben auf den Kopf gestellt. Er ist nicht mehr sein eigener Herr, sondern statt des eigenen Willens wird er Sklave der Maschine, eine Wandlung, die mit der Zeit einen neuen jüdischen Typus schaffen wird. Schon jetzt hat sich dieselbe in recht unliebsamer Weise kundgegeben, die jüdische Arbeiterschaft New- Zlorks, nur Russen und Polen, bildet eine ziemlich radikale Gruppe der Sozialdemokratie. Wie ist es möglich, daß so friedliche Menschen, wie die russischen Juden, in ein so bedenkliches Fahrwasser lenken? Die sozialistischen Brandreden allein sind nimmer im Stande, einen solch gegensätzlichen Gesinnungswechsel hervorzurufen. Die nicht in Erfüllung gegangenen Träume, die enttäuschten Hoffnungen, der Verlust der unabhängigen Lage, der die Familienbande lockert, mögen diese sonst so anspruchslosen Leute verbittern und sie theilweise in die Arme des Socialismus treiben. Darum muß verhütet werden, daß die ganze Judenheit, die dort eine Freistatt sucht und findet, lediglich in den Dienst der Großindustrie gedrängt wird. Vor Allem muß dem im Juden besonders stark entwickelten Trieb nach wirtschaftlicher Selbstständigkeit Rechnung getragen werden, welche in Amerika freilich nur den Großen gegönnt ist. Aber auf einem Gebiete kann man diesem Gange sehr wohl entgegenkommen, auf dem Gebiete der Landwirtschaft; sie bietet so recht alle Vorbedingungen für ein glückliches Gedeihen jüdischer Emigranten, besonders aber die Möglichkeit, die vernachlässigte Constitution wieder zu heben. Dieser Gesichtspunkt, vielleicht der wichtigste von allen, wird viel zu wenig ins Auge gefaßt; er sollte l ei den Maßnahmen, die man für die russischen Juden ergreift, der maß- und ausschlaggebende sein. Das Ghetto, das sie mit den giftigen Miasmen durchseuchte, war zu wenig geeignet, ihm jene Kraftfülle und Körperstärke zu leihen, deren sich die anderen Bewohner, die von Jugend auf den reinen Nektar paradisischer Waldluft trinken, zu erfreuen haben. Die Aufbesserung der Rasse ist kein Werk eines Dezenniums und keines Menschenalters, aber dieser durch keine anderen Vorzüge zu ersetzende Mangel physischer Entkräftung muß doch endlich beseitigt werden. Nun kann es aber keinen günstigeren Zeitpunkt, die Juden wieder in den reinen Boden der freien Gottesnatur zu pflanzen, geben, als jetzt. Die Juden werden ohnehin aus den eingewurzelten Verhältnissen herausgerifsen und in neue übergeführt, die von den übrigen um eine ganze Welt verschieden sind. Eine solche Epoche scheint besonders geeignet, das Werk der Befreiung weiterzuführen und den Juden den nur zu lang verrammelt gewesenen Zugang zum Landbau zu erschließen. Die Ghettis sind den Juden immer noch nicht gefallen, sie haben sich nur erweitert; au§ den engen Gäßchen find Riesenstädte geworden, gigantische Ghettis mit allem ungesunden Zubehör der drückenden Enge, der Lustlosigkeit, dem Rauch und Qualm, in die sich unsere Glaubensgenossen mit freiwilligem Zwang selbst gesperrt haben. Es wird Zeit, uns aus dem Bann des Städtelebens, wo es irgend geschehen kann, zu befreien und den belebenden und erquickenden Strahlen des heiteren Sonnenglanzes, den wir nur allzu lang zu entbehren gezwungen waren, auszusetzen. Die Umwälzungen, die sich vorbereiten, lassen die Zeit recht günstig erscheinen, möge man sie nur nicht versäumen. Die amerikanischen Juden haben an diese Aufgabe, den gequälten Leib des Judenthums durch landwirthschaftlichen Betrieb erstarken zu machen, noch nicht gedacht. Und doch kann diese Unterlassung zu einem verhängnißvollen Fehler werden, der später nicht mehr gut gemacht werden kann. Ein gut organisirtes Comite muß seine Arbeit wie das argentinische bei diesem Ende anfangen. An großen Landstrecken, geeignet zur Bebauung des Bodens, kann es in Nordamerka nicht fehlen, warum

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