Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 79-80 (4.10.1892)
- Date
- 1892-10-04
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2448218-2448293--34983-2482947- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1520 Um die Juden an die Arbeit zu fesseln und unliebsame Erscheinungen judenfeindlicher Natur zu unterbinden, scheinen die ergriffenen Maßregeln nicht sonderlich geeignet zu sein. Ob das enge Zusammenleben der Juden den Schacher begünstigt, ist keineswegs mit so sicherer Zuversicht bejahend zu beantworten. Die Erfahrung zeigt genau das Gegentheil. Da, wo die Juden dünn in die Lande gesäet sind, da ist keine Vorliebe für das Handwerk zu entdecken. Eine Erklärung für diese Thatsache wird so schwer nicht zu finden sein. Von anderen Gründen abgesehen, weilt der Arbeiter am liebsten unter einer homogenen Masse, die ihn nicht abstößt, unter einer Bevölkerung, der er in Sitte und Sprache, in Religion und Empfinden möglichst nahe steht. Der Arbeiter bedarf dieser Factoren als eines Kitts, das ihn an den Boden und seine Beschäftigung bindet, wo diese Bedingungen fehlen, da kann von einem Wohlbehagen des Arbeiters keine Rede sein. Fühlt er sich nicht in allen diesen Dingen gleichgestellt oder gar zurückgesetzt und verhöhnt, so haben namentlich die körperlich schweren Berufsarten ihre Reize für ihn verloren und kein Mensch wird verlangen, sich außer den Gemüthsdemüthigungen sich auch noch mit philosophischer Resignation, den die physischen Kräfte absorbirenden Zweigen menschlicher Thätigkeit zu unterwerfen. Wenn dem Körper die schweren Lasten des Handwerks ausgeladen werden, dürfen Geist und Herz nicht über Gebühr angestrengt werden. Dies Medium ewig gleicher, ruhiger Sicherheit ist nothwendig, um den Arbeiter in seinen körperlichen und seelischen Functionen im Gleichgewicht zu erhalten. Wo ist diese aber für den Juden vorhanden? In den Ländern mit weit zerstreuter jüdischer Bevölkerung fehlt dem Juden diese Gleichartigkeit, und darum wird die körperliche Arbeit ihm so schwer gemacht. Eine kleine Spannung erzeugte die Verschiedenheit des Bekenntnisses, der Lebensweise, der religiösen Gepflogenheiten auch in den besten Zeiten gegenseitiger Verträglichkeit und Duldung, ein wenig Hohn und Zurücksetzung hat sich der jüdische Arbeiter und Geselle immer gefallen lassen müssen, und nur begreiflich ist es, daß diese Hänseleien bei ihm nur die Wirkung hatten, den Wunsch in ihm zu erregen, seinen Sohn vor diesem Schicksale zu bewahren. Und so werden die Versuche, die Juden körperlicher Arbeit zuzusühren, in solchen Gebieten, die kein dichteres Zusammenleben miteinander gestatten, scheitern müssen. In Zetten der Toleranz wird mehr, in intoleranten Zeitläuften weniger Neigung zum Handwerk vorhanden sein. Es kann eben der Beste nicht in Frieden leben, wenn's dem bösen Nachbar nicht gefällt. Man sucht feindseligen Zusammenstößen vorzubeugen, indem man selbstständigere Berufszweige sich erwählt. Das Handwerk hält den Juden fortwährend in Abhängigkeit von christlichen Meistern und Gesellen und unterwirft ihn ihren Launen und Stimmungen, die eben gegen den Juden nicht immer die freundlichsten sind. Ganz andere Erscheinungen zeigen aber Polen, Galizien. Rußland; da ist der Jude hauptsächlich Handwerker und Tagelöhner; sie drängen nicht einmal so stark wie die anderen Elemente zu den liberalen Berufen. Um die Juden in Nordamerika beim Handwerk zu erhalten, muß man gerade den umgekehrten Weg einschlagen und sie nicht atomisiren und in alle Winde versprengen. Man würde damit nur die entgegengesetzte Wirkung erreichen. Man kann diesen Bedenken entgegenhalten: Amerika ist nicht Deutschland und das deutsche Product hat über's Meer noch nicht exportirt werden können. Allein, viele Anzeichen sprechen gegen eine solche Argumentation. Die fortdauernde, in der Zunahme begriffene Auswanderung aus dem mit der Pest des Antisemitismus behafteten Deutschland muß das Gift nothwendigerweise auch über's große Wasser verschleppt und Amerika infizirt haben. Angesichts solcher Verhältnisse ist der Fehler zu vermeiden, die ganze wirtschaftliche und physisch schwache Kraft des russischen Judenthums in amerikanische Fabrikarbeit auszuschmelzen, die die durch Jahrtausende währenden Druck verkümmerte Eonstitution unserer Glaubensgenossen noch mehr herabdrücken würde. Noch weniger sollen die Juden dem Schacher verfallen. Die Wahrung der Selbstständigkeit, die körperliche Kräftigung und Stählung, ohne die religiöse Eigentümlichkeit preiszugeben, scheint nur beim Ackerbau möglich zu sein. Der Ackerbau ist die Wurzel aller Arbeit und zugleich ihre höchste Vollendung. Wo dieser fehlt, da mündet die moderne Fabrikarbeit in ein trostloses Helotenthum; die Landwirtschaft bildet den festen Unterbau und Rückhalt für alle anderen Arbeitszweige, die kernigsten Truppen werden der vielgestaltigen Industrie aus den kraftgesättigten Schaaren der Bauern zugeführt. Was den russischen und wohl auch den anderen Juden noth thut, ist ein hundertjähriger Cursus in Feld und Wald, in Acker und Scheune, um den gebeugten Stamm wieder emporzurichten. Die amerikanischen Schlotthürme sind wahrhaftig kein rationeller Aufenthalt, um die jüdische Rasse auszubessern und der physischen Wiedergeburt entgegenzuführen, deren sie nach so zermalmender Knechtschaft so dringend bedarf. Selbstverständlich wird ein erheblicher Theil als Fabrikarbeiter Verwendung finden müssen, besonders die kräftigen und geschickten Arbeiter.