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Der Israelit · 1892-10-04 · Heft 79-80 (4.10.1892) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 79-80 (4.10.1892)
Date
1892-10-04
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXIII. Jahrgang. Erste Beilage M M 79 8- 80 des „Israelit". Leitender Artikel. Gin ernstes Wort zur Emigration nach Nordamerika. Von Bernhard Traubenverg. In der Geschichte der jetzigen Judenheit vollziehen sich Umwälzungen, wie sie selbst unsere wandlungsreiche Vergangenheit bislang nicht zu verzeichnen hatte. Die orkanartigen Bewegungen und Stömungen in dem Völkertreiben früherer Jahrhunderte haben, den explosiven Charakter verlierend, einem langsameren Hin- und Herwogen Platz gemacht. Nur wir Juden machen wiederum von diesem neuzeitlichen Gesetze eines langsamen Abfließens nach Westen eine unfreiwillige Ausnahme. Der bisher recht trag dahinschleichende Volksfluß, von unbarmherzigen Winden gepeitscht, hat einen recht stürmischen Lauf angenommen, der nicht einmal von den zackigen Klippen und zerklüfteten Felsen, die der Massenbewegung sich entgegentürmen, aufgehalten zu werden vermag. Der Stein ist nun einmal ins Rollen gekommen und alle Schwierigkeiten einer ganzen Welt können seiner vorwärtseilenden Wucht keinen Widerstand gebieten. Das chaotische, fluchtartige, gewaltsame Htnüberdrängen in die schimmlrnden Lande der Freiheit, ist in keinen geordneten Zug zu bringen, die wildschäumende Brandung ist in kein ruhiges Bett zu zwängen und so sehr man sich abmüht, die Strömungen in bestimmt abgesteckte Gebiete hinüberzuleiten, umsonst, die aufgewtrbelte Fluth läßt sich nicht bemeiftern. Argentinien und Palästina sind zwar weithin leuchtende Zielpunkte der Auswanderung, aber Nordamerika wälzen sich die Massen in unvergleichlicherer Compactheit zu, es gilt nach wie vor als der Schooß der Sicherheit und einer verheißungsvollen Zukunft, als das Dorado der Behaglichkeit und Gleichheit. Eine Bewegung, von solcher Schleunigkeit getrieben, kann aber sehr leicht schlimme Erscheinungen zu Tage fördern. Wir sind heute am Ausgangspunkte derselben und können nicht Voraussagen, wie das alles verlaufen wird. Der kleinste Rechenfehler kann sich bitter rächen. Darum müssen alle, die am Werke unserer Zeit stehen, von einer ungeheuren Verantwortlichkeit erfüllt sein, Vorsicht und Voraussicht können nicht genug angespannt werden, um die riesengroße Aufgabe zu einem glücklichen Ende zu führen. Erweisen sich die eingeschlagenen Wege erst als verfehlt, die ergriffenen Maßnahmen als verkehrt, dann bleibt in späteren Stadien nur ein die Sachlage nicht mehr veränderndes Bedauern übrig. Gerade Nordamerika, wohin die Hauptmassen ihre Schritte lenken, zeigt am wenigsten einen genau ins Einzelne zergliederten Plan für den künftigen Bestimmungsort der Hunderttausenden. Nirgends auf dem ungeheuren Westkontinent ist den Heimathslosen ein festes Ziel geboten; des unbestimmten Rennens und Flüchtens, des Jagens und Suchens ist kein Ende. In wilder, ordnungsloser Hast wird den ungastlichen und für Juden unwirthlichen Ostmarken Europas der Rücken gekehrt, ohne zu fragen und zu wissen, wo endlich der ersehnte Ort dauernden Bleibens sich den müd gehetzten Füßen darbietet. Denn der Ort des Landens ist und kann nicht der bleibende Aufenthalt sein. Die Hauptstadt Nordamerikas hat gerade genug Juden, und all das düstere Elend daselbst läßt es nicht wünschenswerth erscheinen, noch größere Schaaren in die luftlosen, verpesteten, ungesunden Gassen New-Jorks hineinzupferchen. Ganz im Gegentheil muß es die Aufgabe weise in die Zukunft blickender Männer sein, die Geflüchteten in bessere und geregeltere Verhältnisse zu bringen. Aber auch die Zerstreuung, die Ausreißung aus dem gewohnten Boden, in dem man bisher gut gedieh, kann sich als ein verhängnißvoller Fehler Herausstellen. Es ist für die streng am Alten hängenden russischen Juden nicht gut, mit einem Male aus den uralten Geleisen, aus dem Mutterboden Jahrtausende langer Gewohnheit plötzlich herausgeschleudert zu werden und den Zusammenhang mit der Vergangenheit, mit der Tradition, mit dem jüdischen Volksthum zu verlieren. Die Methode, nach der die Argentinische Ansiedelung vorgeht, verdient entschieden den Vorzug, man spürt in allen ihren Vorkehrungen die ordnende, leitende, sorgsam führende Hand. Hier ist Plan und Vorausberechnung, eins soll sich an das andere angliedern und so ein größeres, bewußtes Ganzes werden. Die Versprengung der Juden in ein Erdreich, das sie als etwas Fremdes aufnimmt und in dem sie sich daher nicht behaglich fühlen können, ist entschieden keine Wohlthat. Man will, sagt man, das äußere Band der Juden lockern, um ihnen die Wiederkehr zum Schacher zum verrammeln; sie in kleine Gruppen auflösen, um sie desto fester an den Fels der Arbeit zu schmieden und etwaige antisemitische Neigungen der Umgebung nicht aufkommen zu lassen.

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