Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 78 (29.9.1892)
- Date
- 1892-09-29
- Page
- – (sequence 24)
- Language
- German
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1506 eindringlich, indem sie den Genuß auf das berechtigte Maß, oft unter dasselbe einschränkt, weil sie, die Erzieherin des Menschengeschlechtes, die weise und liebevolle Absicht hat, das Herz vor dem schwersten Unglücke zu bewahren, nämlich vor dem, welches es sich selbst bereitet. (Beifall.) Es ist eine ernste Elternpflicht, unseren Kindern frühzeitig die Kunst zu entsagen zu lehren, insbesondere den falschen Werthen des Lebens, die uns nicht reicher machen, dem Schein und dem flüchtigen Genuß, die uns nicht beglücken können, die uns aber ablenken von dem Sonnenpfad des Lebens. (Beifall.) Und von einem unerforschlichen Rathschluß dazu auserkoren, lernt der Blinde in frühester Kindheit die schwere Kunst der Entsagung, und da sich seine Erkenntnis frühzeitig erschließt, ihm frühzeitig zu einer Quelle des reichsten Glückes wird, so lernt er frühzeitig die wahren von den falschen Werthen unterscheiden, und darum vermag er kampflos dem Scheine, dem flüchtigen Genüsse, dem unechten Besitze zu entsagen, und in seinem Innern ein Glück zu schaffen, das auf den unwandelbaren Gesetzen Gottes begründet ist und allen Schicksalsstürmen widersteht. (Beifall.) Die Entsagung, mit derentwillen die Welt den Blinden beklagt, wird der Grundstein seines wahren, unverlierbaren Glückes, sie befähigt ihn, ein geweihtes Leben zu führen, sie erhebt ihn zu einem höheren Wesen, sie macht ihn zu einem Lehrer des Menschengeschlechtes. Wir haben eingangs dargelegt, daß die tastende feinfühlige Hand das vornehmste Werkzeug des Blinden für die Erwerbung von Erkenntnissen, und so ein Mittler für sein geistiges Leben ist. Aber dieselbe Hand ist zugleich ein Werkzeug der That, der Arbeit, und somit regt der Gebrauch dieser Hand für die Erkenntniß, welche das blinde Kind so reich beglückt, dasselbe viel früher, als dies sonst der Fall ist, dazu au, die Hand für die Arbeit anzuwenden. Aber auch das Gelingen einer Arbeit schließt für das blinde Kind das Lustgefühl innigster Befriedigung in sich ein, weil es seine Selbstachtung, sein Selbstvertrauen erhöht; und so treibt ihn auch dieses Lustgefühl immer mehr dazu an, sich der Arbeit zu widmen. Da die Leistungen des Blinden nicht nach der Schönheit ihrer Erscheinung, sondern nach ihrer Tüchtigkeit, ihrer Brauchbarkeit, somit nach ihrem innern Werthe beurtheilt werden, und die Anerkennung dem jugendlichen Blinden höher steht, als der Erwerb, weil sie ihm eine Bestätigung seines eigenen erhebenden Bewußtseins ist, so lernt der Blinde früher und inniger das Glück schätzen, welches in der Arbeit liegt, wenn sie vor Allem der Bcthätigung der uns von Gott verliehenen Kräfte, der Hervorbringung des Guten und Nützlichen gewidmet ist. Ein hohes Ausmaß des Glückes, welches dem Blinden von der höchsten Liebe beschieden worden, ist in der That auf der Arbeit begründet, ohne sie wird das Leben des besten, des köstlichsten Inhaltes beraubt, fehlt ihm eines der vornehmsten Mittel, seines Menschenthums bewußt zu werden, es vor der Welt zu erweisen. Ein dreifaches Ergebniß der Blindenbildung habe ich die Ehre gehabt, Ihnen hiermit vorzuführen. Der Blinde, dem eine Welt von Wesen und Erscheinungen, die uns sichtbar sind, unsichtbar bleibt, ist vor allen anderen Menschen im Stande, das Unsichtbare zu begreifen, das Göttliche mit einer Innigkeit zu erfassen, die wir kaum zu ahnen vermögen, sich in die Welt der Ideale aufzuschwingen, in der beseligenden Anschauung des Himmlischen das Irdische mit seinen Sorgen und Schmerzen zu überwinden. Frühzeitig lernt der Blinde die schwere Kunst der Entsagung, indem er sein höheres Ausmaß an Erkenntniß verwendet, um zwischen falschen und wahren Werthen zu unterscheiden; die Entsagung verleiht ihm die moralische Kraft zur Gestaltung eines geweihten Lebens, dessen reinere und höhere Freuden ihn entschädigen für die Welt flüchtigen Scheines. Die Entsagung schafft dem Blinden ein inneres Glück, welches fest begründet, welches bewahrt ist vor den Wechselfällen des Geschickes. In der tastenden Hand des Blinden vereinigt sich das Werkzeug der Erkenntniß und der Arbeit, und so treffen und durchdringen sich in derselben das geistige Leben und die schaffende Bcthätigung der physischen Kraft. In dieser Vereinigung liegt die Ursache, daß es den Blinden unwiderstehlich dazu drängt, Nützliches und Brauchbares hervorzubringeu, Die Befriedigung dieses Dranges bereitet den Blinden ein hohes Glücksgefühl; die Arbeit ist der Segen im Leben des Blinden, sie verleiht demselben Ruhe, Heiterkeit und Bedeutung. Ich könnte diese Erscheinungen, welche als Resultate der Blindenbildung zu betrachten sind, erheblich vermehren, ich muß mir aber Beschränkung auferlegen, doch selbst die angeführten genügen, um den Ansspruch zu begründen, daß das Los der Blindheit, das uns, die wir im Lichte wandeln, mit Recht so furchtbar erscheint, von einem unerforschlichen Rathschlusse über Menschenkinder verhängt worden ist, damit sie, von Gottes Vaterhand geführt, durchs Leben schreiten, um Lehrer des Menschengeschlechtes zu werden. In einer Zeit, wie der unseren, ist man berechtigt, von der Erziehung des Menschengeschlechtes zu sprechen. Nicht an den wissenschaftlichen Fortschritten, nicht an den technischen Errungenschaften allein kann sie gemessen werden, das eigentliche Kriterium dieser Erziehung liegt in der Beantwortung der Frage, ob die Menschen ihren Vereinigungspunkt finden in dem, den wir Alle Vater nennen, ob sie ohne Unterschied des Bekenntnisses und der Sprache soviel Bildung des Herzens besitzen, daß sie in jedem Mitmenschen ihren Schicksalsbruder anerkennen, der geboren wird wie sie, dem Leid und Freuden beschieden sind, wie ihnen, und dem gleich ihnen einst die Todesstunde erscheint, in welcher er hofft, daß der Vater ihn aufnehmen werde in sein himmlisches Reich. (Beifall.) Und wie erziehungsbedürftig ist der Mensch in unseren Tagen! Zerrissen hat eine entartete Partei den Bruderbund der Liebe, hingeworfen wird die Menschenwürde in den Staub, und was sonst allen Herzen werth und heilig war, wird verlacht und verspottet. Ja, erziehttugsbedürftig ist das Menschengeschlecht mehr denn je, und der Blinde kann sein Lehrer sein! Und diesen hohen Beruf hat ihm Gott selbst gegeben, der in ihm, dem Schmerzgeweihten, ein großes, ein ergreifendes Beispiel aufstellcn will, wie ein armes Menschenkind, dem der edelste Sinn versagt, der von ewiger