Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 78 (29.9.1892)
- Date
- 1892-09-29
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
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1505 zuerst ahnungsvoll und allmählich in steigender Gewißheit den Glauben an eine Unendlichkeit, eine Ewigkeit, in welcher Erfüllung wird, was hinieden Hoffnung, Wunsch, Verheißung war. (Beifall.) Die allwaltende Liebe hat aber in der Seele des Blinden noch einen anderen edlen Trieb gelegt, welcher geeignet ist, einen Ausgleich herbeizuführen, es ist dies der früh erwachende, der rasch entfaltete, der beglückende Trieb nach Erkenntniß. Auch dem besten vollsinnigen Kinde kostet es eine schwere Ueberwindung, wenn es die Zeit des heiteren Spieles abschließen soll, um den Ernst des Unterrichtes anzutreten, und die Forderung, daß es die Weisheit, welche Eltern und Lehrer dem Kinde zurechtgelegt haben, sich aneignen soll, betrachtet es lange als einen Eingriff in seine Unschuldsrechte. Wie ganz anders das blinde Kind! — Wenn in der Dämmerung seines Traumlebens eine Erkenntniß um die andere aufsteigt, insbesondere wenn diese sich mit einander verbinden, dann erklärt sein Angesicht mit den erstorbenen Augen der Widerschein einer innigen Freude höherer Art. Die Erkenntniß bedeutet dem blinden Kind eine Beglückung, sie erweckt in ihm das Gefühl seines Werthes, sie füllt die Lücke aus, die ein trauriges Schicksal in sein Dasein gerissen, sie reift in ihm Hoffnung, daß es, ausgerüstet mit Wissen und Können, einst einzutreten vermag in den Kampf des Lebens, um einen Preis zu gewinnen. Nicht nach gemächlicher Ruhe, nach thatenlosem Genüsse, sondern nach dem Kampfe, nach dem Wettstreite der Menschheit sehnt sich das blinde Kind, um sein Menschenthum zu erweisen, um den Beifall und die Achtung der Welt, um eine Ehrenstelle in derselben zu verdienen. (Beifall.) Ich gelange nun zu einer der merkwürdigsten Erscheinungen im Leben der Blinden, zu einem der schwierigsten, aber auch anziehendsten Probleme der Psychologie. Das blinde Kind steht inmitten von Menschen, deren ganze geistige Welt von' dem Gesichtssinne und dessen Wirkungen beherrscht ist — Gestalt, Licht und Farbe bedingen unsere Erkenntnisse und bestimmen unser Urtheil von realen Dingen, und da auch die abstracten Vorstellungen und ihre Verbindungen als eine Umwandlung unserer concreten geistigen Erwerbungen zu betrachten sind, so üben Gestalt, Licht und Farbe auch auf dieselben einen bestimmenden Einfluß aus. Inmitten dieser Welt, welche dem blinden Kind eine fremde ist und bleibt, räthselt es über das Wesen der Dinge, über ihre Verhältnisse und Beziehungen vom Beginne seines Bewußtseins die ganze Zeit seiner geistigen Entwicklung hindurch, und insoferne es Fragen stellt nach solchen Gegenständen und Erscheinungen, welche einzig allein durch das Auge wahrgenommen werden können, — und deren gibt es unzählige — kann seinem Wissenstrieb entweder keine oder nur eine nicht vollwerthige Befriedigung gewährt werden. Wenn es auch eine von Wissenschaft und Erfahrung bestätigte Thatsache ist, daß für den Aufbau jener geistigen Welt, die dem Zustande der Blindheit angemessen ist, sich jene Materien als hinreichend erweisen, welche sich dem Lichtlosen als concrete Erwerbungen darbieten, so ist und bleibt es doch sicher, daß viele Dinge für den Blinden unsichtbar sind, welche — ein gesundes Sehorgan vorausgesetzt — absolut sichtbar erscheinen. Aus dieser Erscheinung resultirt, daß das Ausmaß der Erkenntniß von den realen Dingen der Welt, welches der Blinde erwirbt, ein sehr reducirtes sein muß, und da von demselben unsere Wirksamkeit im Leben vielfach bedingt ist, so müssen aus dieser Ursache auch ganze Gebiete menschlicher Wirksamkeit dem Blinden verschlossen bleiben. So beklagenswerth dieses Ergebniß auch ist, so erhebend ist ein anderes. Wer inmitten der Kinder mit dem umnachteten Blicke lebt, der lernt daran glauben, daß es eine höhere Welt gibt, die vom Herzen angekündigt wird, und daß es das Höchste und Herrlichste ist, was die Sinne nicht zu erfassen vermögen. Dem Menschen im allgemeinen ist in der Regel das sinnlich Wahrnehmbare, insbesondere das Sichtbare, das einzig wirklich Bestehende, und gerade weil das Reich des Wahrnehmbaren so unendlich groß, so grenzenlos ist, weil aus demselben eine nie versiegende Fülle von Eindrücken in seine Seele strömt, wird es ihm schwer, oft geradezu unmöglich, an die Existenz von Dingen zu glauben, die sich den Sinnen entziehen. Ganz anders der Blinde. Von den ersten Entwicklungsstufen angefangen lernt er erkennen, daß es eine Welt von Dingen und Erscheinungen gibt, welche wirklich bestehend sind und als solche von allen Menschen außer ihm anerkannt werden, und die ihm trotzdem unsichtbar — oft auch in dem auf das Tasten übertragenen Sinne — unsichtbar bleiben. So lernt er daran glauben, was wir oft bezweifelt, so kommt er schon im kindlichen Alter dazu, eine Wahrheit zu begreifen, die andere Menschen erst dann gewinnen, wenn der tiefste, der heißeste Schmerz sie dazu drängt, aus der Vergänglichkeit der zeitlichen Güter das Ewige, Unverlierbare zu gewinnen. Daher kommt es auch, daß dem Blinden hoch vor allen Menschen das beseligende Anschauen der Gottheit zutheil wird, daß sich ihm früher und weiter als anderen das Reich der Ideale eröffnet mit ihrer unendlichen Herrlichkeit, gegen welche die Zauber von Licht und Farbe, die unser Auge empfindet, versinken. (Beifall.) So hat die göttlicheLiebe dem Blinden ein hohes Gut verliehen, welches geeignet ist, ihm Vieles zu ersetzen, was die Außenwelt ihm versagt. Lassen Sie uns noch eine Erscheinung aus dem Leben des Blinden betrachten. Alle Menschen streben nach dem Glück. Wie mannigfach und wechselvoll sind die Güter, welche der Mensch mit diesem Namen benennt, wie selten erscheint ihm das wahre Glück, und um wie viel seltener erkennt er es als solches! In unserer materiellen Zeit wird das größte Ausmaß des Besitzes als Glück aufgefaßt. Ohne Grenze ist das Ringen und Streben nach demselben. Maßlos steigern sich die Wünsche des Herzens, die Bedürfnisse des Lebens, und nichts fällt dem Menschen so schwer, als entsagen zu müssen, nichts macht ihn mehr unglücklich, als nicht entsagen zu können. Entsagung ist eine der größten Künste des Lebens; und nur derjenige ist in den Wechselfällen des Lebens am meisten vor dem Unglück bewahrt, der frühzeitig zu entsagen gelernt und geübt hat. Entsagung ist die Schwelle für den gottgeweihten Tempel des Glücks, und darum lehrt sie unsere heilige Religion so oft und