Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 78 (29.9.1892)
- Date
- 1892-09-29
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
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1504 Gefühl, welches veranlaßt, ohne Ueberlegung Worte des Trostes zu sagen, die grausamer sind als Schweigen, nicht jene rasch aufsteigende und schnell versinkende Wallung, welche bereit macht, Almosen zu spenden, sondern jene Liebe, welche auch in dem blinden Kinde den Menschen mit seinen unveräußerlichen Menschenrechten, die auch in dem Angesichte mit den todten Augen das Ebenbild Gottes zu erkennen, zu schätzen und zu würdigen vermag. (Beifall.) Da diese Menschenliebe ihr Erlösungswerk an dem blinden Kinde nur dann vollbringen kann, wenn sie ihm das volle Bewußtsein der Menschenwürde verleiht, wenn sie ihm die Mittel bietet, die ihm von Gott geschenkten, wunderbaren Kräfte und Anlagen zur Gestaltung eines edlen Menschenthums anszubilden, wenn sie ihn befähigt, durch eigene Kraft eine Ehrenstellung im Leben als nützlich wirkender und schaffender Mensch zu erringen, so ist damit nicht allein die Nothwendigkeit, sondern auch die Bedeutung der Blindenbildung erwiesen. Die Blindenbildung allein ist im Stande, das lichtberaubte Kind mit seinem Geschicke auszusöhnen, ihm jenes reiche Ausmaß inneren Besitzes zu spenden, welcher ihn für den Mangel äußerer Güter zu entschädigen vermag, es in die Gemeinschaft der nützlich wirkenden Menschheit, welche ihm sein Gebrechen verschlossen hat, wieder zurückzuführen und ihm das Brod des Lebens, die Ehre und die Achtung aller Guten und Edlen, zu verschaffen. Es ist ein tieftrauriges Bild, welches ein blindes Kind bietet, dem der Engel der erbarmenden, erlösenden Menschenliebe auf seinem Lebenswege nicht begegnet ist, und welches nach und nach, aber sicher und unaufhaltsam auch in geistige Nacht versinkt und so, von zweifacher Fmsterniß umhüllt, immer mehr von der Hoheit des Menschenthums einbüßt und endlich, fast zum Thiere geworden, nur nach dem verlangt, was Hunger und Durst von ihm fordern. Untergegangen sind in seiner Seele all' die herrlichen Gaben, die hinanziehen zur Unendlichkeit, die vom Irdischen und seiner Qual emportragen zum Himmel und seiner Seligkeit. Solche Gestalten, in welchen sich die beleidigte Menschenwürde verkörpert, welche eine stumme und dennoch herzzerreißende Anklage gegen die Menschheit erheben, sind in unserem Zeitalter, in dem der Humanität, zahlreicher als man glauben sollte, und wenn sie einem nur selten begegnen, so liegt der Grund hiefür darin, daß man sie dem Anblick der Oeffentlichkeit entzieht. Vielleicht aber ist das Los dieser Unglücklichen besser, als das jener Blinden, die sich in ungestillter Sehnsucht nach Bildung verzehren, die fühlen, daß auch sie auserkoren sind, dem göttlichen Ziele des Menschen entgegenzureifen, und wie ihr Geist dennoch ungepflegt verwelkt. Als Kinder beneiden sie ihre Altersgenossen um das Glück, in der Schule nützliche Kenntnisse erwerben zu können, als Jünglinge träumen auch sie den Hoffnungstraum der Zukunft und werden täglich, stündlich von der feindlichen Wirklichkeit aus demselben rauh und kalt erweckt, als Männer vernehmen sie das laute Getriebe des Lebens, den Wetterwerb des Schaffens rings um sich her und sind zum quälenden Müßiggänge und dazu verdammt, von dem Mitleid ein Stück Brod zu erbitten und zu erhalten. Wer kann die Qualen ermessen, welche diese ungestillte und unstillbare Sehnsucht nach geistiger Entfaltung und nützlicher Bethätigung in der Seele eines Blinden erzeugt! Wie furchtbar muß es sein, geistig, moralisch abzusterben in der Blüthezeit des Lebens! Die Blindenbildung ist eine neue Errungenschaft des menschlichen Geistes und seines Strebens, das Unglück durch die Lehre zu besiegen, aber dieser Zweig der Pädagogik ist schon jetzt im Stande, das blinde Kind mit all' den Kenntnissen und Fertigkeiten auszurüsten, welche für die bürgerliche Brauchbarkeit als nothwendig erachtet werden. Die Blindenschule bietet ihren Zöglingen ein abgeschlossenes Ganzes, welches die Bedingungen selbstständiger, geistiger Fortentwicklung und unmittelbarer Anwendbarkeit ans allen Gebieten des praktischen Lebens in sich schließt. Das wichtigste Mittel, welches die Blindenbildung zur Schaffung ihrer Grundlagen durch reale Wahrnehmungen in Anspruch nimmt, ist die tastende Hand. In der That gehört diese, gehören die Wirkungen, welche sie ausübt, die Leistungen, welche sie hervorbringt, zu den größten Wundern der menschlichen Natur. Wer im Vollbesitze seiner Sinne und deshalb nicht in die Lage versetzt ist, von dem Tastgefühle als dem dominirenden Sinne Gebrauch zu machen, der kann sich kaum vorstellen, zu welcher Feinfühligkeit sich die Hand auszubilden vermag. Die tastende Hand des Blinden ist nicht allein im Stande, mit einer staunenswerthen Genauigkeit und Schnelligkeit zu lesen, sie dringt in die feinsten Organismen der Natur, selbst in den Bau der zartesten Pflanzentheile ein, sie wird zuni Werkzeug der Forschung, indem sie den Blinden zu Entdeckungen befähigt, die man ohne Anwendung der Sehkraft für ausgeschlossen halten sollte. Mit dem Tastsinne verbindet sich ergänzend und den realen Charakter seiner Wahrnehmungen gewissermassen vergeistigend, das Gehör. Während die tastende Hand die Beschränkung empfindet, welche ihr auferlegt ist, zieht die ganze unbegrenzte Welt des Schalles durch das Ohr in die Seele des Blinden ein, verbindet sie ihn mit der Ferne, welche die Hand nimmermehr erreichen kann, erweckt sie in ihm zuerst die Ahnung und nach und nach die Erkenntniß der Unendlichkeit. Auch dem Gehör des Blinden wohnt eine wunderbare Kraft inne. Aus der Stille, aus dem unendlichen Meer des Schweigens, in welchem wir nichts wahrnehmeu, was unser Ohr erfassen könnte, dringen dem blinden Kinde tausend und abertausend geheimnißvoll klingende Töne, die wie Offenbarungen einer höheren Macht herüberwehen, die der Blinde in seliger Lust in die Seele sangt, und die seine Phatasie gewissermaßen zu Tongemälden nmgestaltet, welche von unendlicher Schönheit sein müssen. Ich selbst vermag trotz vielfacher Beobachtungen und Untersuchungen diese Schönheit nur zu ahnen; sie ist wohl am treffendsten mit der Majestät des Himmelsdomes, den Millionen Sterne schmücken, zu vergleichen, und wie dieser dem Sehenden zuerstund zu allermeist zum Bilde der Unendlichkeit wird, so erweckt jenes majestätische Schweigen, aus welchem wunderbare Stimmen zur Seele des Blinden sprechen, in dieser