Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 78 (29.9.1892)
- Date
- 1892-09-29
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1489 kol hoodom lechaf s’chus*) — und Dina und Eva Leidensdorf befinden sich noch heute unter der Aegide meiner Mutter in Schönhof. Allerdings bedürfen sie, Dank meiner lieben Mutter keiner Unterstützung. Sie sind, wie diese behauptet, die kunstreichsten Perlen- und Goldstickerinnen, die es gibt und meine Mutter verschafft ihnen genügende Beschäftigung. Zunächst hat sie selbst, ohne sich ihnen als Bestelle rin zu nennen, ein Porochcs^) für die Altschul in Nikolsburg anfertigen lassen und dieses, ein wahres Meisterwerk, hat solche allgemeine Bewnuderung erregt, daß mehrere reiche Familien durch meine Mutter bei den unbekannten Stickerinnen verschiedene Synagogenparamente bestellen ließen, der Art, daß sie mit entlohnenden Arbeiten auf lange Zeit hinaus versehen sind. Das Material, dessen die Frauen bedürfen, läßt meine Mutter in Wien einkaufen und streckt das Geld hierfür aus ihrem eignen vor. Meine Mutter bewahrt das Geheimniß der Frauen in so geschickter Weise, daß Niemand eine Ahnung hat, wo sich die kunstfertigen Stickerinnen befinden. — Nebenbei erweist sich Eva auch der Verwaltersfamilie in hohem Grade nützlich. Trotzdem sie täglich viele Stunden an ihren Stickereien arbeitet, nimmt sie sich doch noch so viel Zeit, Landstadts kleines Mädchen in den ersten Handarbeiten, im deutschen und hebräischen Alphabet zu unterrichten und das fünfjährige Kind kann es vor Ungednld nicht erwarten bis die Unterrichtsstunde beginnt. Auch wissen Mutter und Tochter viele vortreffliche rasch wirkende Mittel für Brand- und Schnittwunden und viele andere Nebel und hot sich Eva bei einer Erkrankung der Verwalterin als ausgezeichnete Krankenpflegerin bewährt und macht in dem Dorfe den Arzt, der aus weiter Ferne zu holen und für die Armen gar nicht zu bekommen ist, nahezu entbehrlich. Die Kranken behaupten, wenn Eva nur ins Zimmer tritt, sofort beruhigt zu sein, Erleichterung zu fühlen, Dina und Eva Leidensdorf werden im ganzen Dorfe und in der Umgebung vergöttert. Sie sind gegen die Haus- und Dorfbewohner sehr zutraulich, aber sobald sich ein Fremder und sei's auch nur ein Bettler nach dem Vranntweinhaus in Schönhof verirrt, werden sie menschenscheu, schließen sich in ihrem Stübchen ein und erscheinen auch bei den Mahlzeiten nicht, welche sie sonst mit der Verwaltersfamilie gemeinschaftlich an deren Tische einnehmen." „Das ist in der That sonderbar", meinte Wertheimer nachdenklich; „doch, Herr Perez Markbretter, Sie wollten meine Ansicht über diese Au- 1) Bei der Beurtheilung eines jeden Menschen, wende Dich stets der günstigeren Anschauung zu. Sprüche der Väter. Abschn. 1, Mischna 6. 2) Tabernakelvorhang. gelegenheit hören und dazu erscheint es nothwendig, daß Sie mittheilen, wie sich die Verhältnisse entwickelt haben. Sind Sie überzeugt, daß Ihre Liebe zu diesem Mädchen eine dauernde, unverlöschliche ist? Sind Sie überzeugt, daß Eva Ihre Neigung theilt? — Haben Sie dieser oder ihrer Mutter schon erklärt, daß Sie sie zur Gattin wollen? $a&en Sie oder Ihre Mutter es nicht ernstlich versucht, die Frauen zu veranlassen, den Schleier des Geheimnisses, der sie umhüllt, zu lüften?" „Herr Oberhoff ktor, ich liebe Eva mit jener heißen Liebe, von welcher der weiseste der Menschen sagt. Noch stärker als des Todes Krast Ist echter Liebe Leidenschaft, Und selbst die stärkste Wafserfiuth, Verlöscht nicht ihre Feuergluth,3) ich liebe Eva mit jener reinen, heiligen Liebe, um deren willen nach dem Bibelworte, der Mann, Vater und Mutter verlassen und an seinem Weibe hängen soll; — und meine Liebe zu Eva wird dadurch veredelt, daß ich sie noch selbstloser als leidenschaftlich liebe, ihr Glück zu befördern, würd' ich meinem entsagen.wützt ich, daß mch Eva nicht wieder liebt, ich würd's wahrhaftig leichter ertragen, ihr entsagen zu müssen; — aber sie liebt mich so heiß, so treu wie ich sie, und daß wir Beide unglücklich werden, das schmerzt mich mehr um ihretals um meinetwillen!" „In welcher Weise erfuhren Sie, daß Eva Leidensdorf Sie wieder liebt und weßhalb erscheint Ihnen eine Verbindung mit ihr unmöglich?" „Da mein Vater zu beschäftigt ist, um sich um minder Bedeutendes zu kümmern und auch weil ich die Spirituserzeugung gründlich kenne, sendet mich der Vater häufig nach Schönhof, um die Fabrik dort zu inspicircn und mit dem Verwalter zu verrechnen. Ich hatte dadurch oft Gelegenheit Eva zu sehen, zu sprechen und zu beobachten. Ich hatte geglaubt, meine Leidenschaft für sie wäre keiner Steigerung fähig, allein je öfter ich sie sah, je näher ich sie kennen lernte, desto mächtiger wuchs meine Liebe, desto inniger wurde ich davon überzeugt, daß ich ohne sie nicht leben könne. Wenn ich sie einige Tage nicht sehe, ihrer Stimme Klang nicht höre, erfaßt mich namenlose Sehnsucht nach ihr! ... . Es war eine längere Zeit vergangen, ich befand mich in jenem eigenthümlichen, unschilderbaren Wonnerausch in den wahre, heiße Jugendliebe versetzt — doch plötzlich mußte ich mich fragen; erwiedert Eva Deine Liebe? — Am einfachsten, war's, mir von ihr selbst die Antwort zu erbitten, allein der Gedanke, diese könnte verneinend ausfallen, machte mich erzittern, und gewaltsam zwang ich 3) Hohe Lied. stap. 8, Vers 6 und 7.