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Der Israelit · 1892-09-29 · Heft 78 (29.9.1892) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 78 (29.9.1892)
Date
1892-09-29
Page
– (sequence 3)
Language
German
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1485 ler unseres Pflichtlebens eine richtige, Geist und Gemüth ergreifende Begehung des Jom-Kippur für undenkbar hielten, die nicht durch Selichothnnd Teschuba-Tage eingeleitct und vorbereitet wird, erscheint den Söhnen und Töchtern unserer Zeit diese Einleitung überflüssig und veraltet. Mitten aus ihrem Werktagsleben und ihrem weltlichen Sinnen und Treiben treten sie in die Heiligkeit des Versöhnungstages hinein; woher sollen sie ohne Stütze, ohne Weihe die Empfindung und Seelenstimmung nehmen, die für jedes innige, wahrhafte Gebet unerläßlich ist? Ernst und schwer ruht Gottes zürnender „Blick" auf unserer Zeit und ihren täglichen Erscheinungen. Gar mancher von denen, die sonst kalt und theilnahmslos den JoiwKippur feierten, wird von diesem Gottesblick zum Gebete, zum innigen Gebete angeregt. Gerade die nur lose und locker mit dem alten jüdischen Namen noch verbundenen Zweige, empfinden doppelt schmerzlich den rauhen Sturm, der sie von allen Seiten umtost, und mögen Gott um Frieden und Ruhe für die Spanne Zeit ton omsa nv ny nt d»tbd qvd nan^> u’Vy bitten, von diesem Jom-Kippur bis zum nächsten Jom-K ppur, der zum Guten zu uns kommen möge! Aber werden nicht viele von denen, welchen der Ernst der Zeit nahe geht, die Richtung zu Gott wieder sofort verlieren, wenn Jom-Kippur vorüber ist? Es ist ja natürlich, daß in Stunden gehobener Weihe, wie sie der Tag der Versöhnung bringt, die rauhe, harte Wirklichkeit unserer Umgebung im Vordergrund unserer Betrachtung und unserer Gebete steht. Ein Blick auf unsere Selichoth läßt uns auch hier derselben Eigenthümlichkeit begegnen. Aber diese bringen das Leid und Weh, die Verkennung und Verfolgung, unter welchen die jüdische Gesammtheit leidet, immer nur zur Sprache, um auf die Unvollkommenheit jedes Einzelnen von uns zu verweisen und unablässig daran die Mahnung zur Besserung und Vervollkommnung jedes von dem allgemeinen Mißgeschick Betroffenen zu knüpfen. Sie suchten und fanden die Quelle alles Leids, unter dem sie seufzten, nicht in der Richtung der Zeit, sondern bei sich selbst. Wir aber sind nur zu leicht geneigt, bei der Klage über die „schlechte Zeit" an dasjenige zu vergessen, was wir zu thun und zu lassen hätten, um durch unsere Besserung eine andere Zeit herbeizuführen. Nicht daß wir in sozialer, politischer und allgemein menschlicher Beziehung uns unseren Verkleinerern nicht ebenbürtig und überlegen bewährt hätten. Nach dieser Seite trifft uns G. s. Dank ohne Unterschied der religiösen Parteirichtung kein Vorwurf. Da, wo wir gefehlt haben, in der Verkennung, Geringschätzung und Außerachtlassung unseres jüd. Berufs, da ist es, wo wir einzusetzen haben, wenn die Gebete unseres Versöhnungstages Erhörung und Gewährung finden sollen. Und weil dafür in so großen Kreisen, trotz der unverkennbaren Wendung zum Befferen noch so vielfach das rechte Verständniß und die gebührende Würdigung fehlt, weil uns der Sinn abhanden gekommen ist für das, was uns fehlt, für das, was der erste und höchste Gegenstand unseres Gebets sein müßte, deßhalb kann uns Gottes Gnade an dem Tage unserer Versöhnung kein herrlicheres Gnadengeschenk gewähren, als diese Einsicht, als diese Stimmung der Seele, als die Erfüllung der Bitte: nobtsn nntba i1? -dim wenn Erbarmungsvoller! Gedenke uns des Gebetes des Königs Salomo! Zeitungsnachrichten und Correspoudeuzeu. Deutschland. Leipzig, Ende Sept. Anläßlich der in Hamburg wüthenden Cholera wagten die „Deutsch - soz. Blätter" folgende schadenfrohe Bemerkung: „Hamburg war die erste größere Stadt Deutschlands, die aus Judenhätschelet die antisemitischen Versammlungen verbot. Hamburg hatte dafür auch die Ehre, die erste Stadt zu sein, in der die russischen Juden die Cholera einschleppten." Hierin steckt eine geradezu unsinnige Logik, die mit derselben „Schärfe" den Satz gestatten würde: „Die Russen sind das erste Land, das die Juden vertrieb. Dafür wüthet in allen Theilen seines Landes die Cholera". Aber jene eigenthümliche antisemitische Logik steht nicht vereinzelt da. Dr. L i m a n schreibt in einem frommen Dresdner Blatt: „Die freundlich empfangenen russisch-jüdischen Gäste haben den düstern Gast uns dankbar (!) zugeführt." Wie bereits betont, ist diese Thatsache absolut nicht feststehend. Zu Dr. Reincke und Dr. Erman gesellt sich Dr. Wallichs, der in der „Dtsch. med. Wochenschrift" erklärt, die Cholera sei viel eher auf Schiffe aus Havre zurückzufühlen als auf russische Auswanderer. Nur von diesen sprach, beiläufig gesagt, auch Prof. Koch, und nicht von russischen Juden, denn es ist feststehend, daß in den letzten Wochen zumeist Griechisch-Katholische über Hamburg ausgewandert sind. Mit demselben Recht wie.die Antisemiten könnte Antwerpen eine Deutschenhetze inauguriren, weil deutsche Schiffe die Cholera dorthin geschleppt. Aber in einer richtigeren Auffassung von Menschlichkeit, als die Antisemiten sie hierbei bewiesen haben, haben sie für die unglückliche Nebenbuhlerin ■Üfe

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