Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 78 (29.9.1892)
- Date
- 1892-09-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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1484 Diese Sätze scheinen die Erhörung selbst desjenigen Gebets zu erbitten, das ohne den Sinn auf das Gottesheiligthum gebetet wird. Wie, wann und wo — "p^x D>np ^2 — Israel betend zum Himmel emporruft, möge Gottes Blick auf das Gebet gerichtet sein. Auffallend erscheint die Form: nnns TW nrrfc daß Gottes Auge für das Flehen geöffnet sein möge, man hätte eher nnwp *pj?N erwartet, daß das Ohr auf das Gebet hört. In dieser Wahl des Ausdrucks dürfte sich jedoch die Eigenart dessen, was Salomos Gebet hier erfleht, ganz von selbst offenbaren. In der Art und Weise der sinnlichen Wahrnehmung, welche das Auge und welche das Ohr vermittelt, bestehen wesentliche Verschiedenheiten. Bei den Eindrücken, die das Ohr empfängt und der Seele vermittelt, ist der Hörer passiv und das Gehörte aktiv. Der Laut erzeugt Schwingungen, diese dringen in der Form von Schallwellen ins Ohr und setzen dessen Organe in Bewegung, bis sie zur Seele selbst gelangen und von ihr wahrgenommen und empfunden werden. Bei den Eindrücken, die durch das Gesicht vermittelt werden, ist der Sehende aktiv und das Gesehene passiv. Die erste und eigentliche Anregung zur Wahrnehmung des Gegenstandes geht vom Auge aus, der wahrgenommene Gegenstand selbst verhält sich bei der Wahrnehmung völlig theilnahmlos. Uebertragen wir diese jedem geläufige Erfahrung auf die Wahrnehmung unseres Gebetes durch Gott, so ergiebt sich derselbe wesentliche Unterschied. Hört Gottes Ohr auf das Gebet, so setzt diese Art der Wahrnehmung stillschweigend voraus, daß die erste eigentliche Anregung dazu von den Betern ausgeht. Sieht aler Gottes Auge das Flehen, so verhält sich der Flehende leidend, und der göttliche Blick bildet die erste und wesentliche Anregung zur Wahrnehmung. In diesem Sinne dürften die Schlußworte des Salomonischen Gebets die Bitte aussprechen: „Wenn Dein Diener, wenn Dein Volk, die Richtung für das Gebet, ja wenn sie selbst den Sinn und die Stimmung dazu so vollständig eingebüßt hätten, daß von einem Hören und gar von einem Erhören nicht die Rede sein könne, so möge Dein Auge geöffnet sein auf ihr Flehen, um es zu wecken und dazu anzuregen, wie ungenügend auch Form und Inhalt des Gebets sein möge. Denn Du hast ihnen eine Sonderstellung auferlegt, die mit ihren Leiden und Beschwerden, nur allzuleicht die Verbindung zwischen Dir und ihnen zu verkennen geeignet ist. Aber daß sie selbst in dieser Sonderstellung mit all ihren Versuchungen und Irrungen, doch das einzige Erbe sind, das Dir aus der ganzen Menschheit zufällt, das berechtigt sie zu der Hoffnung auf Erhörung, wie und wo sie auch zu Dir rufen. Du hast dieses ja durch Moscheh verheißen, als Du sie aus dem Lande Mizrajim führtest. Als unter dem harten egyptischen Druck, Du Deinem Volke durch Moscheh die Befreiung ankündigtest, ihnen aus der Vergangenheit den Bund mit den Vätern zum Bewußtsein brachtest und sie für die Erwählung zum Gottesvolk und zur Besitzergreifung ihres eigenen Landes begeistern wolltest, damals hörten sie nicht auf diesen Ruf, wegen der Kürze des Geistes und des Drucks der Arbeitslast. Wohl seufzten und schrien sie empor zu Gott, aber nicht im Hinblick auf den Gottcsbund aus der Vergangenheit und seine Verwirklichung in der Zukunft, sondern nur mayn p, wegen des harten Drucks, der auf ihnen lastete, ton*» \w n« 'i nti 'n jrri. Auch damals hat Dein Blick, die rechte Stimmung und Gesinnung erst geweckt, die sie Deiner liebenden, thätig für sie eingreifenden Fürsorge würdigte." Die Bitte: i-o^d malten nni^s Möm, daß uns Gott das Gebet Salomos gedenken möge, dürfte sich daher auf diese Erwägung beziehen, in welche dieses Gebet auskltngt und die nach allem bisherigem sagen dürfte: Wenn uns selbst der Gedanke an den Gottesbund mit unseren Vätern kalt und gleichgiltig ließe, wenn uns das hohe Ideal vollendeter Sittenreinheit eines Joseph nicht zur Rache ferung begeistern könnte, wenn wir für den Feuereifer der uns aus dem hehren Vorbilde eines Pinchas entgegenleuchtet, Sinn und Verständniß verloren und so alles eingebüßt hätten, was unserer Seele den Schwung und unserem ganzen Sinnen und Denken die rechte Voraussetzung für unser zu Gott emporzusendendes Gebet verleiht, dann möge uns der Allbarmherzige des Gebetes Salomos gedenken, das auch für ein solches Gebet den Blick Gottes erfleht, der die rechte Stimmung und Gesinnung weckt und ihm die wahre Richtung giebt. Der Tempel ist gefallen, aber sein Weihegebet ist geblieben. In wenigen Tagen versammeln sich in unseren Bethäusern fast ausnahmslos alle jüd. Beter auf Erden, um den Tag der Versöhnung, fastend und betend vor Gottes Antlitz zu begehen. Wenn es je eine Zeit gegeben hat, in der wir Gott bitten, er möge uns das Gebet Salomos gedenken, so ist es die unsrige. Die alte jüdische Väteisitte, welche Tage und Wochen hindurch betend und fastend für diesen Tag vorbereiten lehrt, ist einer großen Zahl derer, die den Jom - Kippur feiern, fremd geworden. Während die Ordner unserer Gebete und die Reg-