Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 77 (26.9.1892)
- Date
- 1892-09-26
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2446951-2448218-2448291--34935-2482897- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
1474 „Wie nahmen Ihre Eltern Ihren Bericht über dieses seltsame Negebniß und über die Maßnahmen, die Sie zur Unterbringung der beiden unglücklichen Frauen ergriffen, auf?" „Wie ich es von diesen edlen Menschen erwartet hatte. Der Vater schlug — noch bevor ich erzählt, daß ich dies den beiden Frauen versprochen, vor, meine Mutter möge trotzdem der nächste Tag erew Schabbos1) war, nach Schönhof fahren und die Fremden auffordern zu uns nach Nikolsburg zu kommen und unser Haus als ihres zu betrachten. Allerdings setzte er voraus, daß diese meiner Mutter ihre Verhältnisse klar darlegen würden, er glaubte eine Frau würde sich leichter entschließen einer Person ihres eigenen Geschlechtes, als einem Manne ihr Vertrauen zu schenken. Aus diesem Grunde war er auch weniger damit einverstanden, daß ich die Mutter nach Schönhof begleite; allein er erhob keine Einsprache dagegen." „Wie gestaltete sich die erste Begegnung Ihrer Frau Mutter mit den beiden Fremden?" „Anders als ich es erwartet hatte. Der erste Eindruck war allerdings, wie ich mit Gewißheit vorausgesetzt hatte, beiderseits ein außerordentlich günstiger. Das Benehmen der Frauen war ein geradezu überraschendes. Ihre Sprachweise, ihre Bildung, ihr Benehmen ließen meiner Mutter sofort erkennen, daß sie einst glückliche Tage gesehen und eine für Juden ungewöhnliche Lebensstellung eingenommen haben müßten. Trotz alledem, verließ meine Mutter Schönhof, weniger befriedigt, als ich gewünscht hatte. Die Frauen nannten sich Leidensdorf, die Mutter Dina, die Tochter Eva; aber die beiden, offenbar jeder Verstellung 1) Rüsttag des Sabbat, Freitag. unfähigen Menschen vermochten — und beabsichtigten dies wohl auch nicht — der von meiner klugen Mutter ausgesprochenen Vermuthung, es wäre dies nur ein angenommener Name zu widersprechen und diese Vermuthung mußte sich zu voller Zweifellosigkeit verstärken, als die beiden Frauen, jede wie immer geartete Auskunft über ihre Herkunft, ihre Verhältnisse, ihre Angehörigen, ihren früheren Aufenthaltsort, thränenden Auges, aber mit aller Entschiedenheit verweigerten und sich weder im Besitze von Legittmationspapieren noch des allergeringsten Vermögens befanden. Ich habe, so lange ich lebe, keine besitzloseren Menschen gesehen, sie konnten nichts als ihr Eigenthum nennen; selbst die Kleider, die sie, als sie in Schönhof anlangten, am Leibe trugen, waren so abgenützt und zermorscht, daß sie sie nicht mehr anzulegen vermochten. — Als meine Mutter sie in herzlichster, möglichst unverletzender Weise einlud, mit ihr nach Nikolsburg zu fahren, ihr Haus als das ihrige zu betrachten, lehnten sie dieses Anerbieten ab und baten sie es zu ermöglichen, daß sie in dem Branntweinhause des abseits derHeerstraße gelegenen Dorfes verweilen könnten. Sie hätten sich, behaupteten Mutter und Tochter vollkommen glaubwürdig, daran gewöhnt, ihre Bedürfnisse auf ein unglaubliches Minimum herabzudrücken, die Tochter würde sich in vielfacher Weise nützlich machen und wäre zu jeder Arbeit fähig und bereit. Auch erklärte Frau Dina, daß wenn meine Mutter in der Lage wäre und die Gnade haben wollte, Aufträge für ihre Tochter und sie selbst auf die feinsten Perlenstickereien, etwa für Synagogenparamente, anzunehmen, sie — vorausgesetzt, daß ihnen hierzu das Material geliefert würde, — in der Lage wären, ihren Lebensunterhalt reichlich zu verdienen. (Fortsetzung folgt.) Der „Israelit" erscheint wöchentlich zweimal, Montags und Donnerstags, jedesmal in mindestens zwei Bogen. Preis des Jahrgangs für Deutschland und Oesterreich 12 Reichs-Mark, für's Ausland 16 Reichs-Mark. Man abonnirt ganzjährig, halbjährig oder vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Durch den Buchhandel zu bestehen bei E. F. K1 e i n a ck e r, Leipzig, Doßplah 10. — Inserate 25 Pfennig die dreigespaltene Petitzeile oder deren Raum. — Oesterreichische Banknoten laut Cours. — Directe Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 8 fl. österr., für's Ausland 16 Reichs-Mark, an die Expedition franco einzusenden. Eine Rücksendung von an die Redaction eingesandten Manuscripten findet nicht statt, man bittet deshalb sich von allen Einsendungen eine Kopie zurückznbehalten. Inhalt (Hauptblatt): Leitender Artikel: Ein Jom Kippur-Gedanke von Liepmann Philipp Prins. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Berlin. Myslowitz. — Oesterr.-Ungar. Monarchie: Wien. Budapest. Lemberg. Aus Ungarn. — Schweiz: Basel. — England: London. — Amerika: New-York. — Vermischtes. — Feuilleton: „Fürstengunst." Erzählung von S. Kohn, Verfasser von „Gabriel." (Fortsetzung.) Inhalt der Beilage: Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Frankfurt a. M. Berlin. Pfungstadt. Inhalt der Extra-Beilagen: Israelitischer Wandkalender für das Jahr j)":nn (5653). — Spenden-Verzeichnisse. Verantwortliche Redaction: Oscar Lehmann in Mainz. — Expedition des „Israelit", Schottstraße Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'schen Hofbuchdruckerei-Actien-Gesellschaft in Mainz. Hierzu zwei Beilagen