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Der Israelit · 1892-09-26 · Heft 77 (26.9.1892) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 77 (26.9.1892)
Date
1892-09-26
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1473 Gottes Ebenbild^geschaffenes Wesen sei, dessen irdische Hülle Gottes Gnade so herrlich ausgeschmückt, daß sie, der sie belebenden Seele würdig war. Ihre marmorbleichen, klassischen Züge wurden plötzlich von Purpurröthe überflogen, ihre großen, schwarzen, glänzenden Augen waren weit geöffnet und diese entzückenden Züge, in denen sich der höchste Seelenadel aussprach, werden überdies von dem überirdischen Ausdruck neugewonnnenen Gottesvertrauen in geradezu unschilderbarer Weise belebt — und auch das erste Wort das mir von ihren Lippen entgegentönte, ergriff mich machtvoll." „Gott lebt! Er kann helfen! hörst Du's Mutter? — Ich Hab' es ja immer gesagt" und sie deutete mit ihrem schlanken Finger auf mich, „dieser von Gott gesandte Bote sagt es ja auch!" „Das waren Sie auch", sprach Wertheimer erschüttert, „aber weiter, was sprach die Mutter, . . . . was thaten Sie?" „Die Züge der Mutter, einer Frau mit schneeweißen Haaren, zeigten trotz schwerer Mühsale und Leiden, die sie ertragen haben mußte, noch immer Spuren ehemaliger großer Schönheit und sie sprach mit einer Bitterkeit, die mir begreiflich schien und mir die Seele zerriß: „Daß Gott allmächtig ist und helfen kann, daran habe ich auch in unserem grenzenlosen Unglücke nie gezweifelt — nur daran — daß er helfen will! —" plötzlich wurde die Frau noch bleicher, als sie bisher gewesen und wäre umgesunken, wenn ich sie nicht raschen meinen^Armen aufgefangen hätte. „Meine Mutter stirbt!" schrie das junge Mädchen auf —, „o! allbarmherziger Gott, warum ließest Du uns nicht vereint sterben?! „Ihre Mutter ist nicht tobt", erwiederte ich, „Sie sehen es ja, sie athmet, wenn auch kaum bemerkbar; — wir müssen nur trachten, mit ihr rasch in einen warmen Raum zu kommen. Ich überlegte es, wie ich das hier unter Gottes freiem Himmel in erstarrender Kälte zu Stande brächte. So weit mein Auge reichte, war keine menschliche Behausung und auch kein lebendes Wesen zu sehen. DieZFrauen, — von denen die eine ohnmächtig, ohne rasche Hilfe dem sicheren Tode verfallen, die andere verzweifelnd, allein zu lassen, erschien mir völlig undenkbar! Plötzlich erleuchtete mich ein glücklicher Gedanke. Seitwärts, eine halbe Stunde entfernt, lag das Dorf Schönhof. Als General-Arrendatoren des Fürsten Lichtenftein, haben wir auch das dortige Branntweinhaus gepachtet und einen Verwalter, David Langstadt hineingesetzt. „Wenn ich Ihre Mutter eine halbe Stunde weit in das nächste Dorf tragen würde, wären Sie im Stande mir so weit zu Fuß folgen?" frug ich das Mädchen. „Gewiß, bestimmt", rief sie voll Hoffnung tief aufathmend. Markbreiter unterbrach sich. „Ich muß um Entschuldigung bitten, ich habe der Wucht der Erinnerung erliegend, mich länger bei der Schilderung dieser Begegnung aufgehalten, als es die Rücksicht auf Ihre kostbare Zeit gestattete. Ich werde mich nun kürzer fassen." „Ich bitte das nicht zu thun", erwiederte Wertheimer. „Sie können sich nicht vorstellen, in welch' hohem Maße mich das Schicksal der beiden Unglücklichen interessirt. — Gelang es Ihnen die Erkrankte glücklich an das vorläufige Ziel zu bringen?" „Es war dies eine schwere Arbeit! Ich war von der furchtbaren Kälte erstarrt, von der weiten Fußwanderung in dem Unwetter ermüdet, von der hochgradigen, geistigen Aufregung erschöpft. Ich konnte mich mit meiner Last auf dem wie Glas glatten Boden nur langsam fortbewegen und mußte dabei auch auf das Mädchen, das mir schwankenden Schrittes folgte, achten und wenn es umzusinken drohte, unterstützen. Als wir spät nach Mitternacht vor dem außerhalb des Dorfes, einschichtig gelegenen Branntweinhause anlangten, waren dessen Bewohner in tiefem Schlafe versunken und es kostete große Mühe sie zu wecken, über den nächtlichen Uebersall zu beruhigen und sie zu veranlassen, uns einzulassen. Allein, nachdem dies geschehen war, entwickelten alle Hausgenossen eine fieberhafte Thätigkeit. Die Frau des Verwalters entkleidete die Ohnmächtige und brachte sie zu Bette. Das Mädchen mußte ihre durchnäßten, von Schnee triefenden Gewändern, elende zermorschte Lumpen ab- und Kleider, welche ihr die Verwalterin borgte, anlegen. Die Mägde brachten, was man von Nahrungsmitteln am raschesten zur Hand hatte, warme Milch und als die Frau aus ihrer Ohnmacht erwachte und sich das Mädchen zu beruhigen begann, erbat auch diese sich eine Schaale Milch und verschlang sie mit Heißhunger. Ich erfuhr nun zu meiner namenlosen Erschütterung, daß die beiden Frauen schon seit mehr als achtundvierzig Stunden gar nichts und auch längere Zeit vorher auch ungenügend Nahrung zu sich genommen hatten. Es wurde nun den beiden Frauen auch Fleisch, das sich glücklicherweise gekocht im Hause vorfand, schnell gewärmt und vorgesetzt und nachdem sie sich an langentbehrter Kost gelabt hatten, fühlten sie sich wie neubelebt. Ich drang nun darauf, daß auch die Tochter die Ruhe, deren sie in so hohem Grade bedurfte, aufsuchte und fuhr, um weder die Fremden noch die Hausleute zu stören, noch in der Nacht nach Nikolsburg. Beim Abschied versprach ich, morgen so bald als möglich mit meiner Mutter — von welcher der Verwalter und seine Frau behaupteten, sie wäre die würdigste Frau in ganz Mähren — herauszulommen."

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