Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 77 (26.9.1892)
- Date
- 1892-09-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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1469 zum 25. August waren in der Baracke untergebracht: 2534 Personen. Erkrankt sind von diesen: 5 Erwachsene und 2 Kinder an Masern, an Ausschlag und an Fieber. Vom 25. August bis zum 5. September waren in der Baracke endlich 4008 Personen. Erkrankt sind 24 Erwachsene und 9 Kinder: an Masern 3 Kinder, an Ausschlag 2, an Durchsall 2 Kinder und 5 Erwachsene: an choleraverdächtiger Erkrankung: 3 Kinder und 9 Erwachsene. Der erste Fall einer choleraverdächtigen Erkrankung trat unter den Bewohnern der Baracke am 25. August auf, das heißt volle neun Tage nach dem ersten Todesfall an Cholera in der Stadt Hamburg (Ehefrau H. Billhorner Röhrendamm 8, gest. 16./8.) Aus diesen Daten ergiebt sich also, daß bis zum Ausbruch -er Epidemie irgend welche choleraverdächtige Erkrankung unter den Bewohnern der Baracke nicht beobachtet worden ist. Es ist auch nicht anzunehmen, daß ein dort gewesener „Cholerafall leichter Art" sich der Entdeckung entzogen hat. Wäre nämlich ein solcher ambulanter Fall von Cholera in der Zeit vom 20. Juli bis zum 16. August unter der Menge der Auswanderer wirklich gewesen, so hatte derselbe aller Wahrscheinlichkeit nach bald auch evidente Fälle von Cholerkrankungen unter den in enger Gemeinschaft lebenden Auswanderern produzirt. Aber auch angenommen, daß eine Ansteckung von jenem hypothetischen ambulanten Cholerafall damals nicht hätte zu entstehen brauchen, so würde es doch mit allen bekannten Erfahrungen über das Verhalten von cholerainfizirten Lokalitäten im Widersprnch stehen, daß jener Fall nicht wenigstens nach Ausbruch der Epidemie in der Stadt Erkrankungen in der Baracke veranlaßt hätte. Das ist nicht geschehen; vielmehr fand, wie bereits erwähnt, die erste choleraverdächtige Erkrankung in der Baracke erst am 25. August statt, zu einer Zeit, wo die Seuche auf dem gegenüber liegenden Elbufer, auf dem Veddel und am Amerikaquai selbst schon Hunderte von Choleraerkrankungen bewirkt hatte. Hiernach erscheint es durchaus unzulässig, wie dies in der Veröffentlichung des Gesundheitamts geschehen ist, die Einschleppung der herrschenden Choleraepidemie auf die in der Baracke gewesenen russischen Auswanderer zurückzuführen und jene Baracke selbst als die Infektionsquelle der Stadt Hamburg zu erklären." Zu demselben Resultat gelangt Dr. Rinken, nach dem Rücktritt des Dr. Krauß provisorischer Medizinal- Jnspektor von Hamburg, indem er die Frage „Wer hat die Cholera in Hamburg eingeschleppt?," im „Hamb. Tageblatt" folgendermaßen beantwortet: „Die zuerst hierüber vielfach verbreitete Ansicht, daß wir die Epidemie den russischen Emigranten verdanken, scheint eine irrige zu sein, da, soweit es sich hat feststellen lassen, Krankheiten unter choleraartigen Symptomen sich nicht zuerst bei diesen Leuten, weder in den von ihnen benutzten Logirhäusern, noch in der großen Auswandererbaracke am Amerikaquai gezeigt haben. Die ersten choleraverdächtigen Fälle erfolgten im Hasen aus den mit ofiasiatischem Maschinenpersonal fahrenden Dampfern. In einem großen Theile der Bevölkerung am Hafen ist denn auch die Ansicht verbreitet, daß die Cholera durch die ostastatischen Feuerleute in Hamburg eingeschleppt worden ist. Mit diesen mit dem Keime der in ihrem Vaterlande heimischen Krankheit behafteten Leuten sind unsere Hafenarbeiter vielfach in Berührung gekommen. Die in die Elbe geflossenen Exkremente dieser Leute haben das Wasser infizirt und den Cholerakeim, so weit dieses nicht von den Arbeitern, welche in engen dumpfen Straßen, schmutzigen Höfen und alten, zur Ausnahme inficirender Krankheiten besonders geeigneten Häusern wohnen, selber geschehen ist, verbreitet." Berlin, 17. Sept. Eine treffliche, wackere Frau haben wir heute auf dem Friedhofe der Israelitischen Synagogengemcinde zu Grabe getragen. Frau Friederika Blumenthal, welche von ihren mit frommer Geduld getragenen Leiden im Alter von 64 Jahren erlöst wurde. Eine treue Gattin, eine treffliche Muter, eine wahrhaft fromme Jüdin ging mit ihr dahin. Die Beisetzung ihrer sterblichen Hülle fand unter einer außerordentlichen Betheiligung der besten Kreise statt. Nachdem Rabbiner Dr. Hildesheimer die Tugenden der Verblichenen gepriesen, feierte der älteste Sohn der Heimgegangenen, Rab hiner Dr. Adolf Blumenthal aus Ratibor in tiefergreifender Rede seine verklärte Mutter in Anknüpfung an das Wort: „Deine Tage sind gekommen, um zu sterben, Deine Tage konnten sterben, Du aber nicht!" Das Andenken der Gestorbenen wird gesegnet sein. Berlin, 21. Sept. Nach einer antisemitischen Versammlung wurde gestern ein bekannter Führer der Antisemiten, Paulus Meyer, der als Redner aufgetreten war, verhaftet. Meyer, früher 'Jude, ist Geschäftsantisemtt geworden. Er betreibt die Fabrikation antisemitischer Broschüren und stützt sich dabei auf seine angebliche Talmudkenntniß. Meyer ist Russe und es soll, wie wir hören, die Absicht bestehen, seinen Hetzereien durch eine Ausweisung zu begegnen. Myslowitz Nachdem auch gestern eine Anzahl aus Hamburg zurückgekehrter Auswanderer nach Oesterreich abgeschoben, dort aber nicht angenommen, vielmehr mit dem nächsten Zuge wieder nach Myslowitz zurückgeschoben worden sind, erfolgte deren Unterbringung ebenfalls in dem Auswandererasyl auf dem hiesigen Bahnhofe, wo dieselben vom Bahnarzt Dr. Stelle beobachtet ioerden. Unter diesen Auswanderern befinden sich nur 3 Personen jüdischer Konsession, für welche das oberschlesische Hilfskomite die Verpflegung übernommen, trotzdem dasselbe die Einstellung seiner Thätigkeit der Polizeiverwaltung gegenüber erklärt und deshalb auch keinerlei Verpflichtung mehr hat. Die übrigen 45 hier liegenden Auswanderer fallen einstweilen der Kommune zur Last, bis höheren Orts Bestimmungen über die Weiterbeförderung derselben getroffen werden. Das oberschlesische Hilfskomite für die russischen Juden schreibt dem Oberschl. Anzeiger, daß nach Vereinbarung mit dem Zentral-Comite die Rückbeförderung argentinischer Rückwanderer eingestellt ist, daß der in Myslowitz eingerichtete Auswanderer-Schuppen seitdem 3. August rc. in Folge Vereinbarung mit dem Betriebsamt zu Kattowitz seitens der Bahn benutzt wird, sämmtliche in Myslowitz ankommende Rückwanderer dort sofort unter bahnpolizeiliche Aussicht gestellt werden und das oberschlesische Hilfskomite in geeigneten Fällen lediglich aus Humanitäts-Rücksichten nur wenigen unter den Rückwandernden befindlichen Juden Unterstützung angedeihen lasse. Dieselben sind in den häufigsten Fällen österreichische und rumänische Staatsangehörige und somit dem Hilfskomite für d'c russischen Juden nicht unterstellt.