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Der Israelit · 1892-09-20 · Heft 75-76 (20.9.1892) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 75-76 (20.9.1892)
Date
1892-09-20
Page
– (sequence 19)
Language
German
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1449 Unternehmen Gedeihen und Entgegenkommen seitens der Gemeinden. F. Elberfeld, 8. Sept. Einer der hitzigsten hiesigen Antisemiten, der Schneidermeister Seitz, war vor einigen Monaten mit dem Strafrichter in Konflikt gekommen und wegen Betrugs zu einem Monat Gefängniß verurtheilt worden. Er legte Revision ein, die vom Reichsgericht verworfen wurde. Nun war guter Rath theuer. So eine Vorstrafe wegen Betruges ist auf den Agitationswegen gegen die „betrügerischen" Juden unangenehm; sie kann unter Umständen das ganze Handwerk kosten. Seitz versuchte das Aeußerste; er reichte ein Gnadengesuch an den Kaiser ein, für das zahlreiche hiesige Bürder gleicher politischer Gesinnung gern ihre klanggollen Namen hergaben. Nunmehr ist die Entscheidung eingetroffen; das Gesuch ist abschlägig beschieden worden. Aus Weftphalen. Seitens der Regierung sind, der drohenden Cholera-Gefahr wegen in hiesiger Provinz, viele Kirmessen und andere Festlichkeiten theils ganz aufgehoben, theils auf eine hoffentlich bessere Zeit verschoben worden. Auch die gewöhnlich Anfangs September stattfindende große „Wittener Kirmeß", die sogenannte weit und breit bekannte „Z w i e b e l k i r m eß" wurde durch Beschluß der Stadtverordnetenversammlung unter Zustimmung des Herrn Oberpräsidenten für dieses Jahr aufgehoben. Daß wir dieses Faktum in einem jüdischen Blatte erwähnen, hat seinen Grund darin, weil damit ein antisemitisches „A nh än g s el" verknüpft ist. Wir, die wir mit den Verhältnissen in W., dem Heerde des^Antisemitismus in Westphalen sehr vertraut sind, wissen nur zu genau, daß es in der Stadtverordneten-Versammlung daselbst sobald nicht ohne „antisemitischen Skandal" abgeht; so auch bei dieser Gelegenheit. Der Stadtverordnete Brabende stellte die Behauptung auf: „Daß natürlich die christliche Kirmeß (sie!) verboten würde, daß es aber der Polizeibehörde nicht einfiele, eine demnächst ftattfindende „Jud enhoch zeit" zu untersagen. Es ist nicht zu bewundern, daß sich in den Versammlungen der städtischen Behörden zu W. solche Dinge abspielen, wenn man erwägt, daß ein durch und durch antisemitisches Blatt, das in Hagen gedruckt und in W. doch nur vertheilt wird, sich der Publicirung der „Amtlichen St ad tanzet gen" erfreut, somit also von Vornherein durch die städtischen Behörden sanktionirt wird. Traurig und sehr zu bedauern ist es, wenn selbst „Städtische Behörden" einem Blatte von spezifisch antisemitischem Gepräge den Stempel der „Amtlichkeit" aufdrücken. Man sieht, daß die unausgesetzten Hetzarbeiten des „Kö nig's der Antisemiten", daß die Saat, die dieser Hetzapostel und Agitator ausgeftreut und noch immer auf seiner Rundreise durch Weftphalen auszustreuen bemüht ist, ihre Früchte gezeitigt hat. Denn in der nicht weit von W. belegenen Stadt Hattingen verbreiten die Sozialdemokraten Schandschriften ausgesprochenen antisemitischen Gepräges, woraus zu ersehen ist, daß das, was vernünftigen, vorurtheilsfreien und unbefangenen Männern schon längst klar war, daß nämlich der Antisemitismus uns Sozialdemokraten schaffen und diesen in die Hände arbeiten würde, zur Wahrheit geworden ist. — Aber nicht nur das erwähnte „Hagener Blatt" allein ist daran schuld, daß W. und Umgegend antisemitisch verhaucht, sondern auch die in Dortmund erscheinende „Reform", irren wir nicht, das Leiborgan des Königs der Antisemiten, arbeitet stark im Antisemitismus. Was von ersterem in Hetzereien nicht geleistet wird, das wird eben vom letzteren ersetzt. M. Rosenwald, Iserlohn. Büdingen, 1. Sept.. Der Darmftädter Stadtltnb Landbote, ein nicht „in jüdischen Händen" sich befindendes Blatt, schreibt: „Auf nach Düdelsheim"! so lautete wieder seit Wochen der Schlachtruf des „Neichsherold". Dr. Böckel hatte nämlich schon bei seiner vorjährigen Versammlung seinen dortigen Anhängern und denen der Umgegend versprochen, zu Düdelsheim einen Viehmarkt ins Leben zu rufen, wahrscheinlich um sie für ihre klingende Treue zu belohnen. Dieser Markt wurde nun auch am 29. Aug. abgehalten. Ob er den Erwartungen, die man auf ihn setzte, entsprochen hat, wissen wir nicht. Angetrieben waren etwa 25 Stück Rindvieh und gegen 10 Ferkel. Verkauft wurden, wie man uns mittheilte, 7 — 8 Rinder und Kühe und 1 Ferkel. Dieser Erfolg scheint nach unserm Dafürhalten den großen Spektakel, mit welchem der „Reichsherold" die Werbetrommel für den D. Markt rührte, nicht ganz zu rechtfertigen. Entweder sind die Antisemiten der dortigen Gegend noch nicht so disziplinirt, dem Gebote ihres Herrn und Meisters blindlings nachznkommen, oder der zweifelhafte Erfolg liegt in dem Umstande begründet, daß zur gedeihlichen Errichtung eines Viehmarktes doch noch etwas anders gehört, als Böckel'fches Machtwort und antisemitische Phrase. Um den Markt in Schwung zu bringen, hatte Dr. Böckel seine Anwesenheit zugcsagt, Spötter behaupteten, um den Makler zu spielen, wir aber glauben, um andere Zwecke zu verfolgen. Kurz nach 1 Uhr hielt er nun unter dem Schall einer zwar wohlgemeinten, aber nicht sehr lieblich klingenden Musik seinen Einzug in D. Von etlicher Entfernung betrachtet, hatte dies Schauspiel eine verwechselnde Aehnlichkeit mit dem Aufzuge, wie er von „wandernden Künstlern" vor ihren Produktionen aufgeführt zu werden pflegt, um das Publikum zu ihren Vorstellungen einzuladen. Hätte der Vorreiter den Ausrufer gespielt, so war die Täuschung vollständig. Man verzeihe uns also den Jrrthum, daß wir anfänglich wähnten, Dr. B. sei Bärenführer geworden. Er hatte sich ja im „Rchshd." vor noch nicht allzulanger Zeit viel Mühe gegeben, einen solchen ausfindig zu machen,

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