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Der Israelit · 1892-09-20 · Heft 75-76 (20.9.1892) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 75-76 (20.9.1892)
Date
1892-09-20
Page
– (sequence 18)
Language
German
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1448 letzten Jahren, von dem Moment an, wo wirtschaftliche Entäuschungen die Nation mißvergnügt machen, tritt der Antisemitismus in das dritte Stadium. Jetzt ist das Judenthum der Sündenbock für die wirthschastlichsozialen Kalamitäten. Die religiösen Motive treten dabei ganz in den Hintergrund, auch der Rassenstolz spielt dabei eine kleinere Rolle als früher. Einen Beweis dafür giebt die Verbrüderung, welche der Wiener Antisemitenführer Schneider auf seiner Pragfahrt mit den Tschechen eingeleitet. Einen solchen Bund mit den Deutschenhassern hätte der Raffen-Antisemitismus strenger Observanz verabscheut. So ist denn die Epidemie aus jenem Punkte angelangt, wo das Wort „Jude" gleich-. bedeutend mit kapitalistischem Ausbeuter zum Popanz für die unzufriedenen Volksmaffen wird. Die letzte Reichstagswahl hat die Krankheit sogar in Hessen als endemisch gezeigt. Die Infektion ist jetzt so weit gedrungen^ daß der Antisemit unter „Jude" nicht mehr den Bekenner der mosaischen Religion, sondern auch einen reinstammigen Christen versteht, der eine dem Antisemitismus „jüdisch" erscheinende Handlungsweise und Gesinnung zeigt. Ob die Epidemie ihren Höhepunkt erreicht hat, ob sie nun sinken und ein Rückschlag eintreten wird, bleibt abzuwarten. Alles wiederholt sich hier im Leben. Ewig jung bleibt nur die Phantasie, auch die überreizte des Volkes. Ja es giebt eine Gesetzmäßigkeit im historischen Leben. Die mittelalterlichen Judenverfolgungen, die antijüdische Bewegung nach den Befreiungskriegen, der Antisemitismus von heute — es ist derselbe Inhalt in wechselnder Form. Im Jahre 1287 werden die Inden beschuldigt, einen Knaben Namens Werner zu Wesel ermordet zu haben, um sein Blut für ihr Ostermahl zu verwenden. Der Knabe wird zum Kalender-Heiligen erhoben. Sechshundert Jahre später zeigt der Prozeß Buschhoff, daß in derselben Gegend dieselbe Sache vorkommt. Wir sehen also auch aus den Ausführungen dieses Gelehrten, daß wir es hier mit einer Krankheit zu thun haben, eine Krankheit, die die Völker ergreift, wenn Israel abweicht von den Wegen, die sein Vater im Himmel ihm vorgezeichnet hat, und die vorübergehen wird, sobald es sich erinnert seiner heiligen Pflichten, die zu vollbringen seine Aufgabe hier auf Erden ist. Vielfach entschuldigen sich die von der Religion Abgefallenen damit, daß die Anforderungen der Neuzeit es nicht mehr gestatten, in den Wegen Gottes zu wandeln, daß die ganze moderne Cultur einem Leben, wie es unsere heilige Tbora verlangt, widerstreitet. Daß dies Vorwände sind, um der Bequemlichkeit, der Leidenschaft, den Neigungen zu fröhnen, das hat die Geschichte des Judenthums in der letzten Hälfte unseres Jahrhunderts klar zu Tage gefördert, und wie zu allen Zeiten die Gesetzesverächter Einwände für die Umgehung ihrer Pflichten fanden, so mußten in der Jetztzeit die Fortschritte der Wissenschaft, des Verkehrslebens und der Technik dafür herhalten. — Ein bedeutender russischer Rabbi traf einst einen seiner ehemaligen Schüler, wie dieser den Sabbat öffentlich entweihte. Als der Rabbi den Jüngling darüber zur Rede stellte, suchte sich dieser damit zu entschuldigen, daß er einer neuen Zeit angehöre, die unmöglich mehr am Alten hängen könne. Einer neuen Zeit, erwiederte der Rabbi, gehörst Du nicht an, Du bist aus einer uralten Zeit, denn ,-jTrQN vn mi moy nr.y nVnna Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Breslau, 4. Sept. Wie ein hiesiges Blatt mittheilt, hat unterm 24. August der Stadtschulrath Dr. Pfundtner in seiner Eigenschaft als königl. Kreisschulinspektor für den Stadtkreis Breslau im Aufträge der königl. Negierung an alle Rektoren eine Verfügung erlassen, in welcher sie ausgefordert werden, binnen fünf Tagen zu berichten, ob das Buch „Katholischer Kindergarten oder Legende für Kinder von Hattler" sich in der Volksschulbibliothek (Schülerbibliothek) der betreffenden Schule befinde und wie es in dieselbe gelangt sei. Es ist dies eine „Jugendschrist", in welcher der „Nitnalmord der Juden" als gesetzlich erwiesene Thatsache hingestellt und durch einige Fälle aus der Legende „belegt" wird. Die „Köln. Ztg." hatte anläßlich des J'antener Prozesses die öffentliche Aufmerksamkeit auf diese Brutstätte des Aberglaubens gelenkt. Hannover, ">. September. Ein interessanter neuer Versuch in der Waisenerziehung wird hier demnächst in das Leben treten. Herr Konsul A. M. Simon läßt ein Hans errichten, das zum Asyl für 40 Waisen bestimmt ist, und hat ein Grundstück von 48 Morgen Fläche für dieses neue Waisenhaus bestimmt. Die Knaben, die hier Aufnahme finden werden, sollen außer dem Schulunterricht je nach ihrer individuellen Anlage für den Garten- und Ackerbau Anleitung erhalten, und wenn sie die Schule verlassen, vollständig in diesen Fächern ausgebildet werden. Es wird dadurch eine Anzahl von Kindern auf diese Erwerbszweige, die bisher von Juden wenig benützt werden, übergeleitet und andererseits die Möglichkeit gegeben, durch die Erträgnisse des Garten- und Landbaus die Kosten für das Waisenhaus geringer zu stellen. Schon jetzt beträgt der Zuschuß für jedes Kind nur 400 Mk., während die bisherige Waisenpslege unverhältnißmäßig theurer ist. Herr Konsul Simon hat sich an einige größere Gemeinden, auch an die Berliner, um Ueberlassnng von Waisenknaben mit einem Zuschuß von 400 Mk. pro Kopf gewendet, und läßt sich annehmen, daß diesem Gesuch schon mit Rücksicht auf die billige Pension entsprochen werden wird. Das neue Unternehmen eröffnet eine erfreuliche Perspektive nach zwei Seiten hin, einmal wird der Ackerbau eine weitere Verbreitung unter uns finden, und zweitens werden die Gemeinden durch den geringen Zuschuß, den sie für jedes Kind zu leisten hätten, in den Stand gesetzt, ohne Aufwendung neuer Mittel ihre Waisenpslege auf viel mehr Kinder als bisher auszudehnen. Wir wünschen daher dem neuen

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