Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 75-76 (20.9.1892)
- Date
- 1892-09-20
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2448218-2448290--34910-2482871- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1450 und da mochte der Gedanke wohl nicht als ungeheuerlich erscheinen, Dr. B. in seinem „acht demokratischen" Sinne wolle sich selbst einmal mit der Ausübung dieses unter Umständen einträglichen Dienstes befassen; — die „Bährenverbrämung" an seiner Seite und der Spitze des Zuges ließ jedenfalls diese Deutung zu. Doch wie ganz anders gestaltete sich das Bild, als der „Volksmann" näher rückte! Wie imposant war der blattumrankte Lorbacher Festwagen, wie anmutsfroh ein zwar nicht geschmücktes, aber mit lebensfroher Glauberger und andrer Judend „besessenes" Gefährt! „So müssen einst die Cäsaren und Triumphatoren ihren Einzug in der ewigen Stadt Rom gehalten haben!" Dieser Gedanke kam uns fast unwillkürlich, und mit dieser Offenbarung wollen wir nun auch gern unsern anfänglichen Jrrthum eingestehen. Eingehüllt in Hoheit und Würde geruhte Dr. B., die Ovationen, die ihm jedoch soweit wir beobachten konnten, nicht allzureichlich dargebracht wurden, mit gewinnendem Lächeln und gnädigen Kopfnicken zu erwiedern. In Erwartung eines Bessern kam es ihm deshalb auch manchmal vor, daß er seine Guadenbeweise auf menschenleere Stellen vergeudete. Ja so von Volkes Gunst und Liebe getragen und gefeiert zu werden, muß ein erhebenden Gefühl sein! Selbst auf den treuen Gefährten an seiner Seite wirkt dies Schauspiel ansteckend — der nickt nun auch, in Wohlwollen aufgelöst, wie sein „Führer". Wir können es den Düdelsheimern nicht verzeihen, daß sie für so viel Gnade nicht empfänglicher waren und die Fremden die Lorbeeren einheimsen ließen. Sie hatten, soviel wir beobachten konnten, zu dem ganzen Zuge nur 20 Beine bestellt, nämlich 16 Pferde- und 4 Menschenbeine. Auch auf dem Festplatze wollte das auf Dr. B. ausgebrachte Hoch vor dessen Eintritt in das Zelt nicht recht gelingen. — Wie große Herren gern zu thun pflegen, hatte sich Dr. B. noch einige Reisegefährten mitgebracht und mit vertheilten Rollen ging's nun an die „Arbeit". Ein gewisser M. von Eichelsachsen hatte die Aufgabe, den Freisinn niederzudonnern. Es wäre zu viel Ehre, von der „Rede", die uns dieser Herr zu Gehör brachte, weitläufig zu berichten. Einige Proben genügen: „Der Freisinn ist an dem Niedergang der Landwirthschaft ganz allein schuld"; „er hält's mit dem Juden, der Börse und hat gegen Wuchergesetze und Zölle gestimmt;" „Deutschland und seine Größe sind ihm gleichgültig"; „hat doch Dr. Virchow noch im Jahre 1869 für Abrüstung gestimmt, Virchow, der von Politik und Militärsachen so viel verstehe wie ein Nachtwächter"' „Eugen Richter äußerte noch im Jahre 1887: Moltke (!) muß fort!" (Eine Personen- und Zeitverwechselung ist ja so einem antis. Vollblute gestattet.) „Dem Volk muß seine Religion erhalten bleiben, und deshalb ist es sehr bedauerlich, daß das Caprivisch-preußische Schulgesetz nicht durchgegangen ist (Fingerzeig für antisemitische Volksschullehrer), aber daran waren die Freisinnigen und Nationalliberalen (denen nun auch nebst den Sozialdemokraten von dem Eichelsächser Licht noch kurz heimgeleuchtet wird) schuld!" — Mit solchem Kohl läßt sich das geduldigte antis. Publikum etwa *l4 Stunden unterhalten. Nun kommt der Meister an die Reihe, der es sich Vorbehalten hat, ganz besonders die Nationalliberalen niederzuschmettern. Er kritisirt in einer Art die Thätigkeit der hessischen „nationalliberalen Kammer", daß es uns nicht recht begreiflich schien, wie man von Seiten der überwachenden Polizeibehörde solche Ausfälle ungerügt konnte hingehen lassen. Wenn man die einzelnen Mitglieder der Kammer nach Abstammung und Gesinnung sezirt und sie ziemlich unverblümt beschuldigt, daß sie bei ihrer Thätigkeit nur ihre Interessen zu fördern suchten und in den Mitteln nicht allzu wählerisch seien (Wolfskehl, Dr. Osann, Westernacher rc. rc.), so sind das doch Aufhetzungen, wie man sie selbst nicht von Sozialdemokraten zu hören gewohnt ist, und die vor einer urtheilslosen Menge geradezu als Anleitung zum Aufruhr erscheinen müssen. Um die Charakterfestigkeit der Nationalliberalen zu kennzeichnen, bringt er die Verhandlung über die Civilliste des Großherzogs vor: „In der ersten Lesung stimmen sie dagegen, in der zweiten sind sie wankelmütig und in der dritten stimmen sie mit Hurrah dafür", nachdem das Ministerium mit Rücktritt gedroht hatte. „Wer so seine Meinung ändern kann, den nennt man im gewöhnlichen Leben eine Wetterfahne. Wetterfahneu aber gehören aufs Haus und nicht ins Parlament!" so lautet der Schlußsatz dieser Böckel'schen Betrachtung. „Die Bahnen und Bähnchen, die jetzt so massenhaft gebaut werden, bringen dem Bauer gar keinen Nutzen; sie haben nur den Zweck, gewissen Großgrundbesitzern Vortheile zu gewähren." „Für was hat man Geld? Für großartige Gefängnisse! (Als Beispiel wird Marienschloß angeführt — Dr. B. möchte wohl wieder gern die mittelalterlichen Verließe und Folterkammern ins Leben treten sehen.) Nachdem er noch die Aeußerungen eines angesehenen und beliebten Verwaltungsbeamten, Dr. Göttelmann in Büdingen, kritisirt und geradezu ins Lächerliche herab zu ziehen gesucht hatte, leistet er sich, an dessen Thätigkeit als Amtmann anschließend, die denkwürdigen Sätze: „Man läßt Landwirthschaftslehrer im Lande herumreisen, welche die Bauern zum Obstuud Zwergobstbau aneifern sollen. Wenn aber sämmtliche Bauern Zwergobst zögen, wer sollte dann die Birnen all essen? Dem Bauer muß auf andere Weise geholfen werden, und wir müssen unter allen Umständen für bessere Volksvertretung sorgen, wenn es besser werden soll." Damit war er dann auf seinem eigentlichen Gebiete angelangt, und nun ließ er deutlich durchblicken, daß seine heutige Rede nicht der Förderung des oben beschriebenen Marktes, sondern der Eroberung des hiesigen Landtagsbezirks für seinen Getreuen galt. Wenn der gewöhnliche Mann sich von dem Flittergolde Böckel'scher Redensarten bethören läßt, so ist das noch einigermaßen zu entschuldigen, denn das Volk liebt das Neue und den „Glanz"; wenn aber Leute, die auf Bildung Ansprach erheben, und die in moralischer und geistiger Beziehung so gerne als die Führer des Volkes sich aufspielen, mit einem wüsten Agitator gemeinsame Sache machen, so läßt das eine eigenthümliche Deutung zu. Man sah, wie uns berichtet wird, die Geistlichen von Düdelsheim, Glauberg und Ober-Lais den Dr. Böckel mit Händedruck und Wärme begrüßen; damit wollten sie doch wohl ihr Ei.nverständniß mit seiner