Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1892-09-20 · Heft 75-76 (20.9.1892) · page 17

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 75-76 (20.9.1892)
Date
1892-09-20
Page
– (sequence 17)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2448218-2448290--34907-2482868
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

XXXIII. Jahrgang. Zweite Beilage 76 des „Israelit". Leitender Artikel. Moderne Krankheiten. Mainz, 19. September. In einem vor Kurzem in diesem Blatte zum Abdruck gebrachten Artikel wurde der „Antisemitismus" als ein „Gebrechen der Zeit" gebrandmarkt und dies an der Hand des Bibelverses r6non b? onsnoa ’nctf im* mit großem Geschick nachgewiesen. Der gleichen Ansicht gibt W. Franzius in einem bedeutenden norddeutschen Blatte in einer Serie von Aufsätzen Ausdruck. Nachdem der Autor „Geistige Epidemien" der verschiedensten Zeiten geschildert hat, nachdem er von der „Hexenepidemie, der Sektenansteckung, den Revolutionen, den Cäsarenkrankheiten" u. v. A. gesprochen, kommt er auch aus die Getstesepidemie der Neuzeit, den Antisemitismus, zu reden und äußert sich darüber wie folgt: Kann man bei der Empfindsamkeitsmode des 18., des weltschmerzlichen Pessimismus des 19. Jahrhunderts in Zweifel darüber sein, ob man es hier mit einer Geistesrichtung oder einer Geistesepidemie zu thun hat, so ist der Begriff der letzteren sicherlich in der modernsten aller geistigen Infektionskrankheiten, im Antisemitismus, gegeben. Unser Geschlecht ist Zeuge der merkwürdig schnellen Verbreitung dieser Geistesepidemie geworden, die, aus den MiaSmen faulender sittlicher und wirthschaftlicher Zustände entstanden, ihren Anfteckungsstoff indem Fanatismusbacillus fand. Geographisch wurzelte die Epidemie zwar seit dem Mittelalter in Deutschland, aber sie hat neuerdings durch russisches und rumänisches Kontagium sich zur geistigen Volkskrankheit Deutschlands entwickelt. Die Judenverfolgungen des Mittelalters sind die älteste (? Red. der Jsr.) Form der Epidemie des Antisemitismus, dessen Name übrigens unpassend gewählt ist, da die Antipathie doch nicht allen semitischen Völkern, sondern nur den Juden gilt. Während das Motiv mittelalterlicher Antipathie gegen die Juden ganz offenbar ein religiöses ist, wandelt sich entgegen jenem älteren Antisemitismus in unserer Zeit die Religionsfrage sehr bald zu einer Rassenfrage. Der heutige Antisemitismus ist durchaus nicht etwas Neues, sondern er ist nur der neue Ausbruch einer Epidemie, die ein halbes Jahrhundert lang erloschen schien, nachdem sie gleich nach den Befreiungskriegen aufgetreten war und starke Verbreitung gefunden hatte. Der Antisemitismus tritt immer im Gefolge des Teutonismus auf, jener Abart eines gesunden deutschen Nationalgefühls, für die der treffende Ausdruck „Deutschthümelei" gefunden wurde. Als nach den Siegen über den Erbfeind der Deutsche wieder sein Volksthum fand, als er sich erinnerte, daß er das Recht habe, seine Nationalität stolz zu behaupten, blieb das berechtigte Nationalgefühl nicht von seinen unberechtigten Auswüchsen verschont. Gerade so wie heute war es in den ersten Jahren nach den Befreiungskriegen bei den Deutschthümlern, die auch die Sprachreinigung fanatisch betrieben, Mode, die durch die napoleonische und Stein-Hardenbergsche Gesetzgebung emanzipirten Juden als geduldete Fremdlinge auf deutschem Boden zu schmähen und zu höhnen. Ja man ging in dieser zur Schau getragenen Antipathie gegen die „Hebräer" (meines Erachtens ist der damals aufgekommene Hetzruf hep hep nicht aus den Anfangsbuchstaben der Worte Hierosolyma est perdita, sondern aus den Anfangsbuchstaben der damaligen Judenbezeichnung „Hebräer" entstanden) noch viel weiter als heute. Während bis jetzt der wichtigste Spiegel der Volksstimmung, das Theater, von der Epidemie verschont blieb, war dies vor 75 Jahren anders. Wenn ihr auch der heute gebräuchliche Name fehlte, so hatte doch die Sache des Antisemitismus die Bühne ergriffen. Eine den Instinkten des Hasses und der Verfolgung Vorschub leistende Posse „Unser Verkehr" von Neumann-Sessa (man kann sie in der Reclamschen Sammlung Nachlesen) verbreitete sich epidemisch über die Bretter, welche damals die Welt bedeuteten. Das übrigens mit komischem Geschick verfaßte Stück wurde von einem beliebten Komiker Namens Wurm auf seinen Gastspielen von Bühne zu Bühne getragen. Wo die Posse gegeben wurde, knüpften sich wüste Skandale und häßliche Semen an dieselbe, so daß die Polizei endlich einschritt und das Stück verbot. Wo war die Zeit hin, in welcher der edle humane Jude, wie er in Lessings Nathan und Cumberlands Schema Gestaltung fand, von der Bühne zu den Herzen sprach? Erst durch die JulirevoluUon, die auch dem deutschem Geist einen frischen freien Hauch brachte, erlosch die Epidemie des Volkshasses, um dann vierundvierzig Jahre später wieder hervorzubrechen. Symptome und Krankheitserscheinungen wiederholten sich genau so, wie kurz nach den Befreiungskriegen Der nationale Aufschwung der Siege von 1870 hatte wiederum teutonistiche Auswüchse im Gefolge. Drei Motive sind in der Bewegung gegen die Juden thätig: das religiöse, das nationale, das wirthschaftlichsoziale. Das erste Motiv ist im Mittelalter, das zweite in der Bewegung des zweiten Dezenniums unseres Jahrhunderts, sowie in den Anfängen des modernen Antisemitismus wirksam, der im Jahre 1874 in der Presse greifbare Gestalt erhält. Damals ist es noch eine Rassenfrage, eine Ueberhebung des Stammesbewußtseins. Eigentümlich ist es, daß gerade in Deutschland die Epidemie so schnell um sich greift; in Deutschland, wo die Reinheit des Stammes nur in Westphalen und dem westlichen Niedersachsen feststeht, während unsere Nationalität im Nordosten mit slavischen, im Südwesten mit keltischen Elementen stark durchsetzt ist, ganz abgesehen von vielfachen Rassenmischungen, die durch die großen Kriege und die französischen Einwanderungen entstanden. Merkwürdigerweise kann man beobachten, daß gerade die Länder, welche die unverfälschtesten Rassen besitzen, die Niederländer, die Dänen, die Schweden dem Antisemitismus keinen Raum geben. Seit den

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.