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Der Israelit · 1892-09-20 · Heft 75-76 (20.9.1892) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 75-76 (20.9.1892)
Date
1892-09-20
Page
– (sequence 2)
Language
German
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1432 glauben ließ, aller drückenden Sorgen enthoben zu sein. Und wie ernster Schofarton mahnt uns dieser Wechsel in unserer bisherigen Lebensweise, daß wir zu leichtsinnig in den Tag hineingelebt. Wollend oder nicht, und mag man sich auch dagegen sträuben. schaut man, wenn auch in erster Linie in die Zukunft mit der bangen Frage: Was soll nun werden? Doch auch zurück und fragt sich: Wie habe ich gelebt? Für Andere wiederum gibt es keine Gewissenssache. Man prüft und überlegt nicht, ob man recht oder unrecht thut, sondern ob man Nutzen und Vortheil hat, und fragt niemals, hat ein Dritter keinen Schaden, keinen Nachtheil durch mich? Er kennt nur sich, rechnet nur mit sich; muß ja, wie er sagt, jeder Andere gerade so für sich sorgen, nimmt auch auf mich keine Rücksicht, rechnet auch nicht mit mir. Man wird gefühllos und hartherzig. Da tritt ihm vielleicht ein gleich hartherziger Mann gegenüber in einem Falle, wo er Nachsicht, Mitleid, Mitgefühl für sich fordert. Doch, unbarmherzig weist Jener ihn zurück. Es gilt vielleicht feinen guten Ruf, seine Ehre, seine Existenz; aber Jener kennt kein Mitleid, kein Erbarmen. Wie ein erschütternder Schofarton tönt es nun in ihm: So bist ja auch Du, so hast auch Du stets gehandelt, unerbittlich, unbarmherzig, mitleidslos, gewissenlos. Abraham sah zurück und erblickte einen Widder, mit seinen Hörnern im Gebüsch verwickelt. Die Hörner sind der Schmuck, der Stolz, die Waffe des Widders. Ein paar Ranken winden sich um dieselben, halten den Widder fest, machen ihn wehrlos. — Das sollte Abraham sehen. d^boid diu ya 3W roni piann td rrnn ,]nn> rr nsa o!n*£ ntmsn nma mn ’npa iron nns bi n»ya Yffyn ,moana „sofort begriff er und sah es, daß die meisten Menschen straucheln und gefangen wurden durch ein Netz, das vor ihrem Fuße ausgespannt, durch das, was ihrenVorzug bildet, der Gelehrte durch seine Weisheit und Kenntnisse, der Reiche durch seinen Retchthum, jeder Einzelne durch die Hörner seines Schmuckes." Unsere Vorzüge bilden zugleich unsere Schwächen, bilden das Netz, in das wir uns so leicht verstricken, durch das wir straucheln und fallen. Der Gelehrte ist stolz auf sein Wissen und seine Kenntnisse. Und diese lassen ihn oft im Stich. Er gerüth in und durch seine Forschungen zuweilen auf falsche Bahnen und zieht falsche Schlüffe. Gar mancher stolze Gelehrte, der anfangs bewundert wurde, ist bald wieder vergessen worden, hat sich anderen wissenschaftlichen Resultaten gefangen geben müssen. Wie vielfach, ja alltäglich macht man die Beobachtung, daß der Reichthum zu gewagten Unternehmungen reizt, die den Ruin, den Verlust oft des ganzen Vermögens nach sich ziehen. Wer auf seine Kraft baut und sie zu sehr anstrengt, durch sie selbst verleitet, weil er sie für stets .gleich bleibend hält, wird diese Ueberanstrengung rasch büßen müssen. Wohin wir blicken, finden wir Hunderte von Beispielen, machen wir überall die gleiche Erfahrung, daß das, worauf wir stolz sind, was unfern Vorzug bildet, zugleich auch die Ursache von Demüthigungen, die Ursache von Kummer und Leid für uns ist. Darum spricht Gott zu Abrahan, nachdem dieser zurückgeblickt und den Widder mit seinen Hörnern verwickelt und gefangen sah: yypin vrr □n’nuij/D d-jsni dj/’bw) by« bw ppa ’JdV. Mit diesen ihren Vorzügen, mit dem, was ihren Stolz bildet, sollen sie zu mir sich wenden, sollen sie sich auf- und wachrütteln am n"-). Am m, wenn der Schofarton an unser Ohr dringt und uns zuruft: Du Mann mit dem Selbstvertrauen, blicke hinter Dich und siehe, was ist aus Deinem stolzen Selbftbewußtsein geworden? — Und Du mit Deinem leichten Sinn, der Du nicht vor-, nicht rückwärts schaust, wohin hat Dich Deine Vergnügungssucht gebracht? Bist Du jetzt, da die schönen Tage vorüber, wo die schwarze Sorge Dich packt, wie Du nun Dein Leben fristen sollst, nicht viel unglücklicher, hast Du nun nicht ernstlichere, schwerere Sorge, als wenn Du nur für den kommenden Morgen gesorgt hättest? — Und Du Hartherziger, der Du kein Mitleid hattest, keine Gewissensbisse Dir machtest; wie bemitleidenswerth bist Du nun heute, da Du nicht einmal den andern Hartherzigen anklagen darfst, ohne Dich selbst damit hart zu treffen; am n"->, wo der b'x bw pp ertönt und uns zurnft, wie aller Stolz und Uebermuth, alle Schuld und jeder Fehl sich selbst bestraft und uns zugleich auffordert, uns dem Richterurtheil des Höchsten zu unterwerfen: Da sollen wir unsere stolzen Hörner beugen, sollen zurückblicken und einsehen, wie wir nicht rechten dürfen mit Gott, der oft von uns etwas verlangt, was wir nicht begreifen, wie es auch Abraham unbegreiflich war, warum Gott von ihm ein so großes, so schweres Opfer verlangte. Als Abraham am Morijah stand, nachdem er glänzend die Probe bestanden, da sprach er: „Ich hätte Dir o Gott einwenden können, habe aber geschwiegen. Ich sehe jetzt ein, daß Du mich nur geprüft hast. Aber jetzt wenigstens lasse es den Nachkommen Jizchaks zu Gute kommen, wenn sie sündigen".

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