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Der Israelit · 1892-09-15 · Heft 74 (15.9.1892) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 74 (15.9.1892)
Date
1892-09-15
Page
– (sequence 11)
Language
German
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1421 Juden kann kein Konnubium bestehen, denn die Ehe ist ein Sacrament, welches nur unter Christen vollzogen werden kann; ja selbst ein Commercium ist zwischen beiden nur in beschränktem Maße möglich, denn der Jude hält seinen Sabbat mit nachahmenswerther Gewissenhaftigkeit, während das Christenthum den Sonntag feiert. Diese Gegensätze hat bisher noch keine Macht der Welt überwinden können — auch die Civilehe nicht — und es wird auch keiner gelingen. Hier also ist der springende Punkt in der Judenfrage. Unsere Verfassung und unsere Gesetzgebung will keinen Unterschied mehr machen wegen des religiösen Bekenntnisses, Jedermann soll, wenn er nur die nöthige technische Befähigung nachweist, Lehrer, Richter, Regierungs-Beamter und selbst Officier werden können, aber die Uebersetzung in die Praxis stößt allenthalben auf Schwierigkeiten. Wie ist nun aus diesem Dilemma herauszukommen? Ist da auf Aenderung der Verfassung hinzuwirken und den Juden die Befähigung zur Bekleidung autoritativer Stellungen einfach wieder zu entziehen, oder muß man sich trotz aller Unzuträglichkeiten an die „moderne" und „liberale" Anschauung halten, welche neulich auch ein uns befreundetes katholisches Blatt vertrat, indem es schrieb: „an jüdischen Richtern und Regierungsräthen nehmen wir keinen Anstoß, nicht einmal an jüdischen Officieren". — Der „Westphälische Merkur" hält die Entziehung der den Juden loyal zugesicherten Gleichberechtigung für einen Rechtsbruch, den er unmöglich gut heißen kann. Nichtsdestoweniger glaubt derselbe.es seiihnen nicht zu solchen Stellungen Thür und Thor zu öffnen, deren Verwaltung sie in Collission mit ihrer Religion brächte. Die Beispiele, die er anführt, sind jedoch nicht glücklich gewählt. „Der Richter z. B. hat, wie schon bemerkt, den Christen den Eid abzunehmen, vor dem Bilde des Gekreuzigten, vor welchem der Jude ausspuckt." Ich möchte hundert gegen eins wetten, daß die ganze Redaction des „Westphälischen Merkur" noch keinen Juden vor einem Crucifix ausspeien sah, es ist auch religionsgesetzlich verboten, und deßhalb wahrscheinlich nirgendwo in der Welt bet Juden gebräuchlich. Glücklicherweise fuhren wir gerade an einem Heiligenbild vorbei, und ich konnte meinen Reiseonkel nun durch die That überzeugen, daß ich meinen Speichel für mich behielt. Zur Sache selbst sind vom Standpunkt des „Westphälischen Merkur" aus die Schwierigkeiten nicht zu verkennen, die sich hier entgegenstellen, wenn die vollständige Gleichstellung von der Hochachtung vor dem Crucifix abhängig gemacht werden und Getränke gemeinschaftlich in ganz gleicher Weise. Nur Speisen wie z. B. das Fleisch, die durch Schächten, Salzen und dgl. einer besonderen Vorbereitung bedürfen, kann der Jude nicht mit dem Christen genießen, aber ebensowenig mit dem Juden, der die hier zur Beachtung kommenden Satzungen außer Acht läßt. Von einer Unreinheit der Speisen durch das Befinden derselben in christlichen Händen ist nirgends die Rede. soll. Aber da fängt die Schwierigkeit nicht erst bei den jüdischen Richtern an! Diese zahme, schüchterne Sorte Antisemitismus könnte man sich schon gefallen lassen, wenn fie dabei stehen bliebe. Sie schämt sich wenigstens der antisemitischen Flagge. Und sie scheint allen Grund dazu zu haben, denn man scheint im eigenen Lager oder doch in den wahlverwandten Kreisen bereits eine Ahnung davon zu haben, wie dieses wüste Treiben einmal entfesselt, bei den Juden nicht Halt zu machen gewillt ist. Da lese ich im „Reichsboten" vom 24. August eine Pariser Correspondenz über die antisemitischen Bestrebungen in Paris, die mit folgenden Sätzen schließt: „Diese Bewegung, welche sich während des Boulangismus noch im Chaos befand, nahm dann bei Drumonts Feldzug unklare Formen an. Bald schrie man gegen die Preußen, bald gegen Ferry, bald gegen die Magazine des Louvre und Bon Marchö, bis sich alle Notschreie des Unbehagens konzentriren werden in dem Rufe: gegen die Juden ... und bis das Feldgeschrei „Tod den Rothschilds" sich erweitert haben wird in das: „Tod den Reichen. . . ." Leider mußte mein Reisegefährte jetzt den Zug verlassen. Seine Zeitungen ließ er aus Vergeßlichkeit oder Liebenswürdigkeit liegen und hofft vielleicht, daß ich durch ihre Lektüre belehrt und bekehrt, am Ende noch selber Antisemit werde. Warum die Juden aber keine Christen werden, darüber ist der gute Mann jetzt hoffentlich im Klaren. Zeitungsnachrichten und Correspondenze«. Deutschland. Grostgerau, 11. September. In würdiger erhebender Weise fand letzten Freitag die Einweihung unserer neuen Synagoge statt; um 3 llhr Nachmittags wurde in der alten der letzte Gottesdienst abgehalten; in einer weihevollen Abschiedsrede gedachte Herr Rabbiner Dr. Selver aus Darmstadt der Stätte, in welcher über 140 Jahre Geschlecht auf Geschlecht ihre Andachten verrichteten; alsdann wurden die Torah-Rollen in feierlicher Weise durch Herrn Rabbiner Dr. Salfeld in Mainz den Trägern übergeben; der Zug, welcher sich nun durch die mit Fahnen festlich geschmückte Häuser der Hauptstraße, inmitten der nach tausenden zählenden Zuschauermenge, unter den Klängen der Musik nach der neuen Synagoge in Bewegung setzte, bot einen prächtigen Anblick; voran die Schulkinder, das Musikcorps, Ehrendamen, Schlüsselträgerin, beide Rabbiner, isr. Gemeindevorstand, die Behörden, an ihrer Spitze Herr Kreisrath von Löw in großer Uniform, die Geistlichkeit, Stadt- und Kirchenvorstand, Lehrer, ferner eine große Anzahl Festteilnehmer nebst Gemeindemitglieder. Die Uebcrgabe des goldenen Schlüssels erfolgte mit Anrede durch die Tochter des ersten Vorstehers Herrn Bernh.

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