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Der Israelit · 1892-09-15 · Heft 74 (15.9.1892) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 74 (15.9.1892)
Date
1892-09-15
Page
– (sequence 10)
Language
German
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1420 liken werden, so hassen sie die Evangelischen, und werden sie protestantisch, so werden sie von den Katholiken gehaßt. Dann bleiben sie doch wohl besser was sie sind, wenn es denn doch nicht ohne Haß abgeht." — Dieses Argument hatte meinen Gegner so in die Enge getrieben, daß er es mit der Frage unterbrach: „Sie sind wohl selbst Israelit?" „Ich bin ein Jude, sogar ein Talmud-Jude. Sie sind wohl Antisemit?" Als Antwort reichte mir mein Gegenüber den „Westphälischen Merkur" vom 20. August, mit den Worten: „Hier haben Sie meine Antwort." Er verwies auf einen Aufsatz-. Sind Sie Antisemit? Die Frage wird daselbst lakonisch mit: „Nein, keineswegs" beantwortet, dem aber dann einige Wenn und Aber folgen. Im ganzen ist das Räsonnement aber nüchtern und vernünftig gehalten, und ich lasse hier einiges davon im Auszug folgen, um einige Bemerkungen daran zu knüpfen. Die Vorwürfe gegen die Juden faßte der „Westphälische Merkur" in folgende drei Punkte zusammen: „1) in dem schädigenden Einfluß der Juden auf wirthschastlichem und sittlichem Gebiet, 2) darin, daß sie einer fremden Race angehören, 3) daß sie einer Religion angehören, die dem Christcnthum feindlich gegenüber steht. Alle diese Thatsachen sind unbestreitbar und die katholische Presse hat noch nicht verfehlt, auf die hieraus resultirenden Unzuträglichkeiten in jedem besonderen Fall hinzuweisen, z. B. wenn ein jüdisches Blatt die Christen verspottet und gegen einander aufzuhetzen versucht, wie es besonders im Kulturkampf häufig genug geschehen ist und auch noch heute öfters geschieht. Aber gänzlich falsch wäre es, einfach mit Ausnahme-Gesetzen und gehässigen Maßregeln gegen die Juden Uebelstände abstellen zu wollen, deren Grund viel allgemeiner ist und viel tiefer liegt. Was zunächst die Vorwürfe auf wirthschastlichem und sittlichem Gebiet angeht, welche den Juden gemacht werden, so ist es schon ganz verkehrt, die Wurzel hierzu allein bei den Juden als solchen zu suchen. Den Juden ist durch ihre Religion die schrankenlose Jagd nach irdischen Gütern, die Speculation und Ausbeutung des Nächsten gerade so verboten, wie auch den Christen; ja das jüdische Gesetz hat mit seinen Bestimmungen über das Jubeljahr, wo jede Schuld erlassen wird, die sociale Frage für die damals bestehenden Verhältnisse geradezu mustergültig gelöst. Leider richten sich nun die Juden nicht nach dem Geiste ihrer Gesetzes-Vorschriften sondern sie tanzen heute ebenso um das goldene Kalb, wie sie in ihrer Herzenshärtigkeit schon zu des Moses Zeiten gethan haben. Das war damals ein heidnisches Beginnen und ist es auch heute noch. Aber die Christen thun Unrecht, wenn sie den Juden daraus einen besonderen Vorwurf machen wollen; die Christen haben noch bessere Vorschriften in ihrer Religion und sie richten sich auch nicht darnach. Mag der Proccntsatz der Juden in einer gewissen Verbrecherkategorie noch so hoch sein, so sind doch immer auch Christen dabei betheiligt. Und wenn wir heute sämmtliche Juden aus dem Lande jagen würden, so würden sich morgen mehr als genug unbeschuittene Individuen finden, welche die frei gewordenen unsauberen „Geschäftchen" von Herzen gern weiter führen würden. (Man denke nur an das „judenfreie Spanien", wo der Wucher in weit höherer Blüthe steht, als in irgend einem anderen europäischen Staate. Red. d. Jsr.) An den den Juden vorgeworfenen Verbrechen sind also die Christen stark betheiligt. Zum guten Theil sind sie aber auch daran Schuld. Wenn der Bauer vom Bauer, der Nachbar vom Nachbar bei Kauf und Tausch, Handel und Wandel nur ehrlich nach dem wirklichen Werth die Sache nehmen und den Preis geben wollte, wie die christliche Moral es vorschreibt, ohne auf ein besonderes Profitchen zu speculiren, so würde der Vieh- und andere Wucher schon ganz von selbst wegfallen. Ebenso ist es auf dem Gebiete der Presse. Man klagt so viel über die jüdischen Zeitungen: was wären dieseben denn, wenn sie ihre Leser nur unter ihren Leuten fänden und nicht Christen — häufig noch solche, welche hernach tüchtig über die Verkommenheit der Welt räsonnireü, sich zu ihrer Unterstützung und Lectüre hergäben? Das Gleiche gilt von unserer Gesetzgebung, welche die schrankenlose Ausbeutung und noch manches Andere ermöglicht. Wer hat denn diese Gesetze gemacht? Die Juden allein haben dazu doch niemals die erforderliche Majorität gehabt; gemacht sind sie von Christen, freilich nur Namenschriften, und nicht nach christlichen und auch nicht nach jüdischen, sondern nach heidnischen Grundsätzen des goldenen Kalbes, der Astarte u. f. w. wie die Götzen alle heißen, denen unsere moderne Welt opferte, gerade so, wie die Juden vor 5000 Jahren. Der zweite Vorwurf gegen die Juden ist derjenige, daß sie einer fremden Raee angehören. Aber die Race spielt in unserem heutigen Staatsrecht gar keine Rolle mehr. Der Staat deckt sich überhaupt nicht mit irgend einer Race oder Nationalität. Das Volk hat gar mannigfache Racen in sich ausgenommen und nimmt sie fortwährend aus, bald in einzelnen Personen und Familien, bald in ganzen Stämmen, bis auf den heutigen Tag. Auch viele Judenfamilien, welche zum Christenthum übertrateu, sind im Laufe der Zeit im deutschen Volke ebenso, wie in anderen Culturvölkern aufgegangen, haben sich vollständig assimilirt und dem Staate manches Brauchbare, ja oft mit Ehren und Auszeichnungen überhäufte Mitglieder geliefert. Also auch die semitischen Raceneigenthünilichkeiten ziehen hier gar keine unüberwindliche Schranke. Das, was den Juden scheidet von allen anderen Völkern im Alterthum wie in der Neuzeit, das ist seine Religion. Sie ist es, die keine Tischgemeinschaft mit anderen Völkern aufkommen läßt, denn was der Christ ißt, ist dem Juden unrein *)! zwischen Christen und *) Das ist in dieser Form durchaus falsch und geeignet, unrichtige Anschaunngen über die jüdischen Speisegesetze zu verbreiten. Das was der (Christ ißt, ist dem Juden durchaus nicht unrein, Beweis: beide getiießen Hunderte von Speisen

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