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Der Israelit · 1892-09-15 · Heft 74 (15.9.1892) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 74 (15.9.1892)
Date
1892-09-15
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXIII. Jahrgang. Erste Beilage ju M 74 des „Israelit". Leitender Artikel. Warum die Juden Keine Christen werden. Köln, 13. September. K. Dieser Tage traf ich auf der Fahrt von hier nach Aachen einen Herrn, der, da wir allein in einem Etsenbahncoupe fuhren, meine Aufmerksamkeit mehr als gewöhnlich auf fick zog. Ich verstehe mich schlecht auf Physignomik und hatte daher anfänglich an meinem vis-ä-vis nichts Ungewöhnliches bemerkt, als höchstens eine stark ins Kupferfarbige schillernde Nase und etwas Erregtes, Unstätes im Blick. Bei meiner sehr schwach entwickelten Menschenkenntniß bilde ich mir mein Urtheil über die politische, religiöse und soziale Gesinnung meiner Mitreisenden aus allerlei kleinen Nebenumständen, die oft viel instruktiver sind als das Beobachtungsfeld, welches die Gesichtsmienen bilden. Einen der sichersten Maßstäbe zur Beurtheilung der Mitreisenden sind die Zeitungen, die sie lesen. Ich selber hatte mich in die politische Wetterfahne Englands, in die „Times" verlieft, die sich jeden Tag nach jedem Winde dreht und aus deren Lektüre man daher keine Schlüffe auf den Leser ziehen kann. Mein Partner las mit vieler Andacht die — „Staatsbürger-Zeitung." Ich wußte nun schon ohne viel prohpetische Gabe, wie viel Uhr es war. Als er seine Lektüre beendet hatte, legte er sie mit viel Umständlichkeit auf meine Bank so breit hin, daß diese ganze Manipulation einer Art stiller Aufforderung gleich kam, das Blatt ebenfalls zu lesen. Ich widerstand der Versuchung. Dann holte der gute Mann aus seiner rechten Rocktasche ein neues Blatt, es war die „Neue Westphälische Volkszeitung." Als auch diese abgethan und ebenfalls zur Tapezierung der Coupe- Polster benutzt worden war, folgte der „Westphälische Merkur", der „Reichsbote" und die „Post." Die Rückenlehnen der Sitze waren zum Theil schon von den Zeitungen tapeziert, aber ich konnte meine Neugierde immer noch bezähmen, obwohl ich meine „Times" längst aus der Hand gelegt hatte. Da versuchte mein Partner ein anderes Mittel, mir die Weisheit seiner Zeitungen zugänglich zu machen. Er fragte mich, ob ich ihm mein Blatt einen Augenblick gestatte, seine Zeitungen stelle er zu meiner Verfügung. Das half; und ich ging nun an die Lektüre seiner Blätter. Ich hatte — zu meiner Schande oder zu meiner Ehre sei es hier gesagt — noch niemals eine antisemitische Zeitung gelesen, ich kannte sie nur aus den Citaten der sie bekämpfenden Blätter. Und nun ein solches Convolut von Blättern dieses Schlags auf einmal, das war eine starke Zumuthung an mein Verdauungsvermögen. Die Beschränktheit, Rohheit und Verbissenheit des ganzen Tones verletzten mich im ersten Augenblick und mein Mißbehagen sprach sich in meinem Stirnrunzeln so unverkennbar aus, daß es meinem Gegenüber nicht entging. „Eine unangenehme Lektüre das, nicht wahr?" meinte er. Die Vorsehung hat mir meine Zugehörigkeit zum jüdischen Stamm so markant in die Gefichtszüge geschrieben, daß mein Begleiter darüber nicht im Zweifel sein konnte. Das hinderte ihn aber nicht, mit echt antisemitischer Unverfrorenheit noch hinzuzufügen: „Es ist doch merkwürdig, daß die Juden noch immer nicht Christen geworden sind!" „Das finde ich so merkwürdig nicht," replicirte ich, „die Liebenswürdigkeit, die aus diesen Zeitungen spricht, enthält wenig Verführerisches für die Religion ihrer Schreiber. Aber ich glaube gern, daß dies jedenfalls nicht der Grund der jüdischen Abneigung ist, Christen zu werden; denn die Juden lesen diese Blätter nicht. Aber ich kann mir nicht denken, daß ein gläubiger Christ es den Juden übel nehmen kann, wenn er sich zu der Religion bekennt, zu welcher der Stifter des Christenthums sich selber sein ganzes Leben lang bekannt hat." „Von Uebelnehmen ist eigentlich keine Rede, sondern es ist nur eigenthümlich, daß die Juden, die sich doch sonst auf ihren Vortheil so gut verstehen, nicht einsehen, wie sie sich aller Unannehmlichkeiten, unter denen sie doch offenbar leiden, entschlagen könnten, wenn sie sich eben zum Christenthum bekennen wollten." Ich hätte dem Herrn antworten können, wie er mit seiner Bemerkung doch selber zugesteht, daß es für die Juden etwas Höheres, Erstrebungswertheres giebt, als das, was er ihren Vortheil nennt. Aber ich wollte keine Perlen vor Antisemiten werfen, und beschränkte mich daher auf die Bemerkung: „Der Jude kann selbst durch die Taufe kein Christ werden, er wird nicht einmal von Ihnen als solcher anerkannt. Auch nach der Taufe nennt man ihn immer noch einen getauften Juden, von einem getauften Christen hat man noch nie reden hören. Aber davon abgesehen, wenn die Juden sich wirklich auf ihren Vorthetl verstehen, so können sie erst recht keine Christen werden. Sollen sie Katho-

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