Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 73 (12.9.1892)
- Date
- 1892-09-12
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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1404 gelegt wird. Am genannten Tage war die erste Lokomotive nach der heiligen Stadt gekommen, um sich vorzustellen und den Beweis zu liefern, daß es mit der Ausführung des lange entworfenen, viel besprochenen und von Schwierigkeiten jeder Art umgebenen Planes wirklich Ernst sei. Die Lokomotive wollte Jeder sehen. Welch' sonderbares Ungethüm hier in der Nähe der heiligen Stadt! Wie befremdet blickten die mittelalterlichen Mauern, die Thürme und Spitzen von Zion, dem qualmenden und schnaubenden Ungeheuer hinüber. Das kündet eine neue Zeit an. Die Einen hoffen, die Anderen fürchten. Das Eindringen der Kultur am Ende unseres Jahrhunderts in das Herz des gelobten Landes wird viel Umsturz und Neugestaltung im Gefolge haben. Die Araber, Türken, Christen und Juden, die Bauern und Beduinen betrachteten mit unsäglicher Neugierde die rollende, dampfende Maschine. Sie ging vorwärts und rückwärts, sie zog ein paar Wagen hinter sich her: und doch bemerkte man kein Pferd, keinen Esel und kein Kameel, welche sie in Bewegung gesetzt hätten. Das war verwunderlich! Die Orientalen werden sich schon an das Befremdliche gewöhnen. Die stillen Ebenen Palästinas müssen es sich gefallen lassen, mit dem Gerassel des Bahnzuges und dem Pfeifen der Lokomotive beunruhigt zu werden. Der häßliche Steinkohlenqualm soll auch die reine, klare Luft des heiligen Landes durchziehen. So will es die drängende Civilisation. Für die materielle Lage unserer Brüder im heiligen Lande wird der erleichterte Verkehr mit G. H. von Segen sein." Berlin. Es ist von komischem Interesse, die Aufmerksamkeit zu beobachten, mit welcher die judenfeindlichen Blätter die jüdischen und besonders den „Israelit" beschnüffeln, um ihnen eins am Zeuge flicken zu können. Der Stoff geht den Scriblern aus und sie möchten doch so gern an ihren lieben Juden neue Sünden finden, da die alten schon zum Ueberdruß oft wiedergekaut sind. Wenn Robespterre drei beliebige Zeilen genügten, um den Schreiber aufs Schaffst zu bringen, so darf man sich über die judenfeindliche Findigkeit nicht wundern, die dies Kunststück täglich aufzunehmen sucht. Daß es dabei viele kunterbunte Blüthen treibt, ist auch selbstverständlich. Wir wollen hier zum Ergötzen der Leser einige niedriger hängen. Eigentlich braucht man die verschiedenen Expectorationen in den diversen Zeitungen nur neben einander zu legen. Sie widerlegen sich selber untereinander und erinnern so an das Psalmwort: „Siehe deine Feinde o Gott, siehe sie richten deine Feinde zu Grunde, rs zersprengen sich selber alle Uebelthäter." Kürzlich hat sich die „Neue Westphälische Volkszettung" des Aufsatzes im „Israelit": „Gebrechen der Zeit" bemächtigt und fürchterliche Kritik daran geübt. — Sie zetert unter anderm bet dieser Gelegenheit darüber, daß kein Rabbiner gegen die jüdischen Nationallaster eifert. Daß diese Laster außer in der Phantasie jenes Schreibers gar nicht existiren und deßhalb nicht gegeißelt werden können, das ist nur ein talmudischer Kniff, der bei der „Neuen Westphältschen Volkszeitung" gewiß keine Gnade findet. Vielleicht finden wir leichter Gehör, wenn wir die „Staatsbürgerzeitung" zur Vertheidigung der Juden ins Treffen führen. Diese hat an dem Oberrabbiner von Jerusalem das Verbrechen glücklich herausgewittert, daß derselbe zur Unterstützung einer Schule öffentlich auffordert, in welcher 300 arme Kinder unterrichtet werden. Da derselbe bet dieser Gelegenheit vor Professions-Schnorrern warnt, welche der guten Sache schaden, so findet es die „Staatsbürgerzeitung" ergötzlich, „wenn die Herren sich gegenseitig beim richtigen Namen nennen." In dieser Ergötzlichkett mag die „Neue Westphälische Volkszeitung" eine Rechtfertigung der Rab - biner finden, welche die Nationallaster der Juden nicht tadeln. Extstirten jene Laster und die Rabbinen würden sie tadeln, wie wären dann die Leutchen sofort bereit, statt den Freimuth der Tadler anzuerkennen, über die Getadelten herzufallen, deren Schlechtigkeit nun durch Zugeständntß der Betreffenden selber besiegelt wäre. In demselben Aufsatz nimmt die „Staatsbürgerzeitung" die Worte des Oberrabbtners von Jerusalem unter ihre Lupe, in welchen er von Anstalten spricht, welche wahre Frömmigkeit, die Liebe zur Thora und zu unsrer Nation erhalten und kräftigen. „Da haben wir es schwarz auf weiß", triumphirt die Staatsbürgerzeitung. „Es gibt keine Deutschen, Franzosen, Polen, Ungarn, Engländer, jüdischen Glaubens, es gibt nur eine jüdische Nation." Es ist unbegreiflich, wie Federhelden dieses Schlags nicht etnseheu, daß sie mit dieser Suche nach jüdischen Capitalfehlern und Nationallastern, das völlige Gegenthetl von dem erreichen, was sie sv gern möchten. Es muß sich doch jeder halbwegs Vernünftige sagen: „Was müssen doch die Juden für vollendete Ideale sein, wenn man solche Lächerlichkeiten an den Haaren herbeiziehen muß, um irgend einen Fehler — anlügen zu können." F. Berlin, 7. Bisher war immer in der Berliner Hauptgemeinde die Ansicht verbreitet: der Vorstand verfügt und ordnet an und das Rabbinat hat sich zu fügen. Doch die heiligen Tage nahen heran und das ehrw. Rabbtnat fühlte sich auch einmal berufen, die Anregung zu einer guten