Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 73 (12.9.1892)
- Date
- 1892-09-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2448218-2448288--34854-2482813- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1396 für die Juden verdächtig ist, und daß der Czar nicht um der Juden willen den Pariser Antisemiten seine Gunst versagt, versteht sich von selbst. Es muß wohl der Antisemitismus selber sein, mit welchem Niemand etwas zu schaffen haben will, wenn er ihn genauer kennen gelernt hat. Selbst diejenigen, welche meinen, ihn für ihre Zwecke ausnützen zu können, kommen auf die Dauer zu der Einsicht, daß sie sich durch diese Gemeinschaft arg compromittiren. An Beispielen solcher endlich zum Durchbruche gelangter Einsicht fehlt es weder auf der Höhe noch in der Tiefe. An dem Fürsten Bismarck hat der Berliner Antisemitismus in seinen Anfängen einen sehr wohlwollenden Schutzherrn gehabt, der sich der irrigen Meinung hingab, daß er Herrn Stöcker und dessen turbulenten Anhang gegen den Liberalismus aufspielen könnte, ohne sich dabei selbst moralisch zu schädigen. Aber Herr Stöcker wuchs unter der liebevollen Pflege, die man ihm angedeihen ließ, höher und höher, es gesellten sich zu ihm nicht blos dunkle Ehrenmänner, welche durch die Agitation emporkommen wollten, sondern auch mächtige Leute, deren Einfluß bis zu den obersten Stellen htnanreichte, und schließlich merkte Fürst Bismarck, was für eine Sorte von Bundesgenossen er in seinen Dienst genommen hatte. Er merkte es zu spät und mußte gegen Stöcker und dessen Gefolge einen förmlichen Feldzug ins Werk setzen, um ihn von sich abzuschütteln. Wie Fürst Bismarck, so hat auch ein Kleinerer nach langem Jrrthume sich aus der Gemeinschaft mit dem Antisemitismus retten müssen, um nicht in dem Schlamme zu versinken. Der National-Oekonom Adolf Wagner war ein Busenfreund und Agitations-Genosse Stöcker's, er machte den Antisemitismus kathederfähig und bahnte ihm den Weg zu der deutschen Studentenschaft, die sich ihm ergab; jetzt ist der Professor eifrig auf dem Rückzuge, versäumt keine Gelegenheit, um in öffentlichen Versammlungen seine Gemeinschaft mit dem Antisemitismus zu widerrufen und seine socialen Doctrinen von dem antisemitischen Flecke, der sie lange genug entstellte, zu säubern. Das sind Berliner Beispiele. Aber auch anderwärts dämmert die Erkenntniß, daß man sich die Antisemiten nicht zu intimen Genossen wählen darf, wenn man nicht an der eigenen Schätzung unheilbaren Schaden nehmen will. Die sozial-politischen Verirrungen, welche dem Antisemitismus den Pfad zum öffentlichen Leben bahnten, dienten ihm zugleich als Passirschein, um in die Mitte der niederen Geistlichkeit einzudringen, und wir haben auch in Oesterreich das Schauspiel erlebt, wie der Clerus zum Antisemitismus hinüberschwenkte, wie der Pater Schnabl zum Agitator für den Prinzen Lichtenstein und für Herrn Lueger wurde. Doch auch gegen diese Gemeinschaft beginnt die bessere Einsicht der kirchlichen Kreise sich aufzulehnen, und es fehlt an Zeichen nicht, daß Einflüsse thätig sind, um den agitatorischen Clerus zu dem Berufe, die Liebe zu predigen, zurückzuführen, ihn der Verirrung, den Haß zu säen, zu entreißen und die Kirche vor dem Makel der antisemitischen Gemeinschaft zu bewahren. So ist allmählich überall die Eindringlichkeit des guten Sprüchleins: „Sage mir, mit wem du umgehst, und ich will dir sagen wer du bist" wieder zu verspüren. Das allerneueste Beispiel nun ist dasjenige des Czars, der die Sammlung der Pariser Antisemiten zu Gunsten der russischen Nothleidenden zurückweist. Der Czar hat nichts dagegen, daß die Juden aus seinem Reiche ausgewiesen werden und wie gehetztes Wild, entblößt, besitzlos in die Fremde wandern müssen. Man sagt ihm, ihre Austreibung sei nothwendig für die Wohlfahrt Rußlands, und er gestattet seinen Rathgebern, eine unerhörte Barbarei zu verüben. Aber wenn der Czar die Juden nicht liebt, so will er deßhalb noch nicht mit den Pariser Antisemiten Kameradschaft halten und auf die Stufe des Marquis o. Morös niederfteigen. Der Czar hat einen ausgesprochenen Sinn für persönliche Sauberkeit. Man ist in Rußland geneigt, die Franzosen in der Jllussion der russischen Freundschaft möglichst zu bestärken, man hat sogar mit Boulanger Ehrensäbel ausgetauscht; aber mit dem Pariser Antisemitismus will man keine Geschäfte machen, weil es compromittirende Geschäfte wären. Bisweilen nimmt auch ein Hungernder nicht aus Jedermanns Hand ein Stück Brot. Wenn aber der Antisemitismus sogar den Russen zu schlecht ist, um sich von ihm verführen zu lassen, so fragt es sich nur, wann die Stunde kommen wird, in welcher man sich anderwärts an dem russischen Vorbilde ein Muster nimmt. Die Pariser Antisemiten sind nicht anders als die Wiener und Berliner Antisemiten, und wenn der Czar sich der Gemeinschaft mit jenen schämt, so sollte man denken, daß auch die Gemeinschaft mit diesen Niemanden ehrt, der Sinn und Verständniß hat für das, was im politischen und im sozialen Leben statthaft und ersprießlich ist. Zeitrrugsrrachrichteu und Correspoudeuzeu. Deutschland. Berlin, 7. Sept. Wegen vorzeitiger Veröffentlichung von Gerichtsbeschlüssen in der Strafsache wider Ahlwardt wurden am Mittwoch die verantwortlichen Redakteure der „Deutschen Warte" und der „Berliner Zeitung" vor der 3. Strafkammer des Berliner Landgerichts 1 zur Verantwortung gezogen. Die „Deutsche Warte"