Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 73 (12.9.1892)
- Date
- 1892-09-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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JSs 19. Der Israelit. Ein Aentrak-Hrgan für das orthodore Iudenthum. Begründet von Dr. Lehma«« in Mainz. Montag, de« 12. S e P t. 5652 (1892). Da mit dem 1. Oktober 1892 ein neues Quartal beginnt, so erlauben wir uns, die geehrten Abonnenten darauf aufmerksam zu machen, daß namentlich bei der Post das Abonnement frühzeitig erneuert werden muß, damit die Versendung keine Unterbrechung erleidet. Leitender Artikel. Der Gzar und die pariser Antisemiten. Die Antisemiten von Paris haben eine gründliche Lectton empfangen. Sie hatten eine Sammlung zu Gunsten der russischen Nothleidenden veranstaltet, aber als sie den Betrag dem russischen Botschafter in Paris übergeben wollten, erhielten sie den Bescheid, daß der Czar die Annahme untersagt hätte. Dies widerfährt nicht etwa allen Sammlungen, welche in Frankreich zu Gunsten der russischen Nothleidenden veranstaltet werden, denn fast gleichzeitig wurde der Ertrag einer zudeu^MmUchen Zwecke in Brest stattgehabten Collecie von dem Baron Mohrenheim mit Dank angenommen; es war die antisemitische Provenienz, gegen welche der Czar sich verwahrte, und noch mehr die antisemittsche Aufdringlichkeit, von welcher er nichts wissen wollte. Die Beiträge nämlich, welche bei dem antisemitischen Blatte in Paris eingegangen waren, hatten die albernsten Devisen, und diese hatte das Blatt thörichterweise publicirt. Eine derselben lautete: „Für die Bekehrung des Czars", eine andere: „Es lebe Morös und der Czar", eine dritte: „Dem Czar, der die Juden hinauszuwerfen versteht". Das geistige Niveau, schreibt die „N. Fr. Pr.," ist in Frankreich, wie man sieht, kein höheres als anderwärts, und die Pariser Antisemiten-Häuptlinge sind in ihrer Sprache wie in ihren Mitteln nicht wählerischer, als ihre Cumpane in anderer Herren Ländern, aber daß der patriotischen Heuchelet, mit welcher sie dem Antisemitismus ein nationales Mäntelchen umzuhängen gedacht, von dem Czar ein so derber Schlag applicirt wurde, das wirkt in Frankreich besonders empfindlich, denn dort ist das Maß der Gunst, welche man in Petersburg genießt, ein Maßstab für die patriotische Gesinnung. Und wenn nun der Maquis v. Morös, um sich für die empfangene russische Ohrfeige zu revanchiren, allerhand pikante Geheimnisse über seine Beziehungen zu dem Baron Mohrenhetm ausplaudert, so ändert dies nichts an der Thatsache, daß der Czar abwehrend die Hand vorhtelt, als sich die Antisemiten von Paris an ihn herandrängen wollten. Man kann einen jüdischen Hauptmann, der die antisemitische Verunglimpfung seiner militärischen Glaubensgenossen nicht dulden will, im Zweikampfe mit der Degenspitze niederrennen, man kann einem hochgeachteten Volksvertteter durch hämische Anspielungen auf seine angeblichen Beziehungen zu jüdischen Bankiers die Ehre abschneiden; aber vor dem Czar muß heutzutage jeder Franzose sich ehrerbietig ducken, und auch ein antisemitischer Raufbold, wie der Marquis v. Morös, muß demüthig die Hand des nordischen Nationalfreuudes küffen, die ihn geschlagen hat. Das ist die französische Seite der Sache, und wenn es dem Herrn Mohrenheim recht peinlich sein mag, daß seine geheimen Beziehungen zu den Pariser Antisemiten aufgekommen sind so werden andererseits wohl auch alle vernünftigen Franzosen sich nicht verhehlen können, wie sehr der Pariser Antisemitismus die nationalen Jntereffen Frankreichs an der empfindlichsten Stelle compromitirt hat. Man hat in Petersburg gegen deutsche Sammlungen zu Gunsten der russischen Nothleidenden sich verwahrt; darüber wurde in Frankreich große Genugthuung geäußert. Daß aber auch französische Sammlungen in Petersburg zurückgewiesen werden könnten, hat man in Paris sich nicht träumen lassen, und nun ist es doch geschehen, und das ist den Antisemiten zu verdanken, deren angeblicher Wohlthättgkeitssinn mit seinen pöbelhaften Hintergedanken den Czar indignirte. Die französisch-russischen Beziehungen werden dadurch nicht getrübt werden; aber was diese von Morös und Drumont commandtrte Bande anzurichten im Stande ist, wie sehr man sich durch' die Berührung mit ihr beschmutzt, davon besitzen jetzt die Franzosen und besitzt Baron Mohrenhetm ein sauberes Pröbchen, das für jene wie für diesen recht beschämend ist. Daß das offizielle Rußland keiner Vorliebe