Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 72 (8.9.1892)
- Date
- 1892-09-08
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2448218-2448287--34838-2482796- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1381 meiner verzehrenden Ungeduld wie eine Ewigkeit, endlich stürzte unser armes Kind — kaiserliche Hoheit wollt ich sagen — thränenüberströmt aus des Kaisers Kabtnet. Da sich in der Anticamera einige Personen befanden, konnte ich nicht fragen, was die kaiserliche Hoheit so alterirt hat und konnte es nicht erwarten, daß wir in den Wagen gelangten. Bevor wir einstiegen rief die Frau Erzherzogin dem Kutscher zu, „zur Gräfin Battiany-Strattmann! Als wir endlich im Wagen saßen, fragte ich, „kaiserliche Hoheit, was ist denn eigentlich vorgefallen?" darauf erwtederte die Frau Erzherzogin noch immer schluchzend: „Alles ist verloren, — aber ich bin jetzt zu aufgeregt, bei der Gräfin Battiany werd' ich Alles erzählen und so weiß ich bisher nichts mehr, als Sie, liebe Excellenz!" „Kaiserliche Hoheit!" wandte sich Eleonore Battiany an Maria Josefa, „was hat das Weinen für Zweck? Damit wird nichts gewonnen, davon bekommt man nur eine dicke, rothe Nase und beim Weinen verzerrt man das Gesicht, was Beides gar nicht hübsch ist ... . kaiserliche Hoheit, ich fürchte, wenn Sie Prinz August, der wahnsinnig in Sie verliebt ist, jetzt sehen würde, Sie würden ihm not a Bisserl gefallen, vrairnent, alt6886 imperial!“1) Die geistreiche, menschenkennende Gräfin Battiany hatte das richtigste Mittel, die Erzherzogin zur Selbstbeherrschung anzuspornen, gewählt. Diese trocknete sich die Thränen und sprach allerdings noch immer mit etwas schwankender Stimme: „Ja, liebe Gräfin, dös is Holter scho wohr, wann i a dicke, rothe Nosen krieget, würd' die Soch eh' nit besser.Sans so gut, lossen S' mir an Weng Wosser bringen, daß i mir das G'sicht obwosch." Die Gräfin brachte selbst ein silbernes Lavoir, und nachdem die Erzherzogin sich einigemal mit einem feuchten Tuche über die Augen gefahren, begann sie, zuweilen in ganz eigenthümlicher Weise aus dem reinsten Hochdeutsch in den Wiener Dialekt überspringend: „Ich betrat das Kabinet des Kaisers mit freudigem Herzklopfen; aber gleich, als ich den Kaiser erblickte, ward mirs höchst bedenklich zu Muthe — mir wars, wie soll ichs nur schildern? als wenn mir jemand eine Eiskugel ins Herz geschossen hätte." „Kaiserliche Hoheit", meinte die Battiany ernst lächelnd, „Gräfin Pallavicini und ich verzehren uns in Ungeduld, beschränken Sie sich in Ihren Mittheilungen auf das Wichtigste. Was sprach der Kaiser?" „Längere Zeit gar nichts. — Er ist immer so unnahbar, erhaben, aber heute war er noch unnahbarer, noch erhabener als sonst. Sonst pflegte er mir die Hand zu reichen, wenn er sehr gnädig war, sogar mich auf die Stirne zu küssen, — heute zuckte er nicht einmal mit der Augenwimper. Eine Minute lang herrschte in dem Kabinete so tiefes Schweigen, daß ich nichts als das Klopfen meines armen Herzens hörte — endlich wird mir die G'schicht zu langweilig und ich sog kurzweg: „Majestät, Onkel, Allerhöchst Sie haben mich hierherbefohlen, offenbar haben Allerhöchst Sie mir etwas mitzutheilen; — und wie er Holter noch immer schweigt, platz' ich raus, „also was gibt's?" Die Gräfin Battiany konnte ein Lächeln nicht unterdrücken, aber sie sprach: „Kaiserliche Hoheit, das war recht kindisch und unüberlegt; diese Sprechweise muß des Kaisers Mißfallen erregt haben!" „No freili!" gestand das schöne Mädchen beschämt zu. „Der Kaiser runzelt fürchterlich die Stirne und fängt an italienisch zu sprechen, und wie ich hör', daß er die Sprach redt, denk' ich mir in meinem armen, gepreßten Herzen: „Ei pfui Deixel, dös geht schief, der Onkel Kaiser will Dir g'wiß den Italiener zum Gemahl aufpelzen." „Lassen Sie das, was Sie dachten, kaiserliche Hoheit, bei Seite", verwies die Battiany, aber unwillkürlich mußte sie wieder lächeln, „was sprach der Kaiser?" „Ich werd's, so gut ich's kann, deutsch wiedergeben. ... Ich sehe mit Bedauern, daß Dir der Lebensernst abgeht, und daß wir in der Wahl der Personen, die Deine Erziehung leiten und überwachen sollten, — da hat er Sie gemeint, Gräfin Pallavicini", interpolirte Maria Josefa, „einen großen Fehlgriff begangen haben. Leider können begangene Fehler nicht immer gut gemacht werden, auch bist Du in dem Alter zu weit vorgeschritten, um mit Deiner Erziehung von Neuem beginnen zu können. Es ist nothwendig, daß Du dem schädlichen Einflüsse Deiner Umgebung — dös san Sie und Sie," erläuterte wieder in höchst überflüssigerweise die Erzherzogin hierbei mit ihrem schlanken Zeigefinger die beiden anwesenden Gräfinnen bezeichnend —, „entzogen wirst. Auch stehst Du jetzt in dem Alter, um einem von uns gewählten Prinzen die Hand zu reichen. Wir haben auch schon diesbezüglich unsere Entschließung gefaßt. Ich habe Dir schon einmal mitgetheilt, daß es unsererseits nur einer kleinen Aufmunterung bedarf, um den Prinzen Karl Emanuel zu veranlassen, Deine Hand von uns zu erbitten und wir sind nun geneigt ihm in geeigneter Weise den sehnlichst gewünschten Wink zukommen zu lassen." „Aber Onkel Majestät, hatte ich fast weinend aufgeschrien, ich lieb den sardinischen Kronprinzen 1) Wahrhaftig, kaiserliche Hoheit.