Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 71 (5.9.1892)
- Date
- 1892-09-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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1361 Glaubens- und Racen- und Nationalitätenhaß zu allen Zeiten und bei allen Völkern zu gegenseitigen Ungerechtigkeiten führte. Hat nicht der große Voltaire von den Deutschen wie von wilden Australnegern gesprochen? Hat nicht Victor Hugo ihnen alle Laster aufgedichtet, und hat nicht Turgeniew, so oft er in einem seiner Romane einen elenden Schurken brauchte, ihn zu einem Deutschen gemacht? In Italien ist „porco todesco“ ein sehr mundgerechtes Sprichwort und auch dort haben sich die bedeutendsten Männer von Petraca bis auf Alfiere und Goldoni von den gehässigsten Beschimpfungen der Deutschen nicht reinhalten können. Glaubt man aber wirklich, daß eine Sammlung derartiger Aussprüche die Schlechtigkeit des deutschen Stammes beweisen würde? Es ist zu läppisch! Von Marburg aus wird mit der Ueberschrift, „An die hessischen Handwerker" ein Flugblatt folgenden Inhalts verbreitet: Seit einiger Zeit ist der Führer der antisemitischen Volkspartei, Herr Dr. Böckel, eifrig bemüht, Euch hessische Handwerker, durch eine Fülle glänzender Versprechungen für die Besserung Eurer wirthschaftlichen Lage in seine hetzerische Agitation hineinzuziehen. Goldene Berge werden Euch in Aussicht gestellt, wenn Ihr Euch seiner politischen Partei, die er ruhmredig die „Partei des deutschen Mittelstandes" nennt, anschließt. Glaubt Ihr wirklich, daß Herr Dr. Böckel gewillt oder im Stande ist, zu halten, was er Euch verspricht? Glaubt Ihr, daß es überhaupt möglich ist, Eure rein wirthschaftlichen Interessen durch einen Andern als durch Euch selbst vertreten zu lassen? Dr. Böckel mag ein tüchtiger politischer Agitator sein, von den wirklichen wirthschaftlichen Bedürfnissen des Handwerkerstandes jedoch versteht er, wie das von ihm verfaßte Statut seines mitteldeutschen Handwerker-Vereins beweist, herzlich wenig. Lest dieses Statut selbst aufmerksam durch, und Ihr werdet sehr schnell merken, woraus es Herrn Dr. Böckel bei seiner angeblichen Fürsorge für den hessischen Handwerkerstand ankommt: nicht Euch will er helfen, — seine politische Macht zu vermehren, das ist sein eigentlicher Endzweck. In seinem Statut sind fast alle Rechte für den Vorsitzenden, d. h. für ihn selbst reservirt, während die Mitglieder herzlich wenig in dem volksbeglückenden Vereine zu sagen haben. Hieraus wie aus dem ganzen bisherigen taktischen Verhalten des Herrn Dr. Böckel ergiebt sich für jeden denkfähigen Politiker mit voller Klarheit, daß derselbe im letzten Grunde nichts weiter beabsichtigt, als nun, wie früher den Bauernstand, so jetzt auch unsern wackern Handwerkerstand für seine antisemitischen Agitationszwecke auszunützen. Damit ist aber dem unter der Ungunst der Verhältnisse schwer leidenden Handwerkerstande wenig geholfen. Vielmehr ist für ihn eine Besserung seiner Lage nur zu erhoffen, wenn er von seinen rein wirthschaftlichen Bestrebungen jede politische Agitation, namentlich aber die Judenhetze in der Form, wie sie von Herrn Böckel betrieben wird, fernhält. Nur eine stramme Organisation zur Selbsthülfe in rein wirthschaftlicher Hinsicht, wie sie die Gewerbe- und Handwerkervereine bieten, kann hier zum Segen gereichen, nicht aber ein Handwerkerverein, der, wie der von Dr. Böckel projectirte, in erster Linie der politischen Agitation dienen soll. Daß dies aber Böckel's Absicht ist, ersieht man deutlich aus der Entwickelung, welche die von ihm begründeten Bauernvereine genommen haben, die thatsächlich nichts weiter sind, als die Mittel- und Stützpunkte der antisemitischen Agitation. Die von den Mitgliedern des Bauernvereins gezahlten Beiträge werden, wie Herr Dr. Böckel in Laasphe selbst zugab, nicht für die wirthschaftlichen Interessen der Bauern, sondern zur Bezahlung der „Beamten", d. h. Agitatoren der antisemitischen Partei verwendet. Herr Dr. Böckel bezifferte diese Beiträge seiner Bauernvereine in Laasphe auf jährlich 15000 Mark und gab an, daß davon 8—9 Beamte der Partei besoldet würden. Damit mag der antisemitischen Volkspartei sehr viel gedient sein, dem Bauernstände aber sehr wenig. In der That braucht man doch zu den anderen Zwecken des Vereins, die thatsächlich nicht Zwecke, sondern nur Mittel zum Zweck sind, zu gemeinsamen Bezügen von Dungmitteln, Futterartikeln, Sämereien, Kohlen u. dergl. keine Vereinsbeiträge. Wenn zahlungsfähige Bauern gemeinsame Bezüge gegen Baarzahlung machen wollen, dann finden sie auch ohne Vereinsbeiträge, jederzeit solide und leistungsfähige Geschäfte, die ihnen gute Maaren zu billigem Preise liefern. Dazu bedürfen sie des Herrn Dr. Böckel nicht. Das sehen auch die verständigeren Elemente der Bauern immer mehr ein; denn so sehr Herr Dr. Böckel es abzuleugnen versucht, Thatsache ist, daß in vielen Orten zahlreiche Mitglieder aus den Ortsgruppen wieder ausgetreten sind. Natürlich würde der Verlauf bei den Handwerker-Vereinen genau derselbe sein. Denn nicht darauf kommt es Herrn Dr. Böckel an, dem Handwerkerstande wirkliche Mittel zu seiner Besserung seiner wirthschaftlichen Lage an die Hand zu geben, sondern in erster Linie darauf, sich neue Hilfsquellen für seine antisemitische Agitation zu eröffnen, die allmählich so kostspielig geworden ist, daß die 15000 Mark Beiträge des Bauernvereins sie nicht mehr zu decken vermögen. Ihr aber, hessische Handwerker, seid auf der Hut, daß Ihr Euch nicht zu solchen Zwecken mißbrauchen laßt, zeigt Herrn Dr. Böckel, daß Ihr klug seid, um eine mit Euren Berufsinteressen in gar keinem Zusammenhänge stehende, von der überwältigenden Mehrheit der Edelgesinnten unseres Volkes entschieden verurtheilte Bewegung mit Eurem guten Namen zu decken, zeigt Herrn Dr. Böckel, daß Ihr Mannes genug seid, Eure Interessen selbstständig zu vertreten, ohne die Hilfe eines antisemitischen Wunderdoctors, der nicht für Eure, sondern nur für seine eigenen Interessen kämpft. Seid eingedenk des alten deutschen Spruches: Selbst ist der Mann! und schließt Euch solchen Handwerker- oder Gewerbe- Vereinen an, die, nur von Handwerkern gebildet, auch keinerlei andere Interessen vertreten als die des Handwerkerstandes. Hier in Marburg ist ein solcher Handwerker-Verein in der Bildung begriffen, der Euch leisten kann, was Herr Dr. Böckel nur verspricht. Nur wenn Ihr selbst mit allen Euren Kräften für Eure vollauf berechtigten Interessen eintretet, kann Euch wirklich dauernd geholfen werden.