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Der Israelit · 1892-09-05 · Heft 71 (5.9.1892) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 71 (5.9.1892)
Date
1892-09-05
Page
– (sequence 2)
Language
German
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1360 feit und Lächerlichkeit des albernen Vlutmärchens erwiesen wurde. Und als alle, die es nicht schon vorher wußten, durch den Verlauf und Ausgang des Prozesses erkannten, daß die Blutbeschuldtgung nichts als die Ausgeburt eines hirnverbrannten Kopfes sei, von gewissenlosen Hetzern als zündender Funke unter die fanatische Menge geworfen, da schlugen im Kreise Grevenbroich die Flammen des Hasses bis zum Himmel hinan. „Er hat es doch gethan", war die Losung, „er wird doch gehenkt", das Feldgeschrei. In einem Dorfe wurden einige Verhaftungen vorgenommen und nun schien für die Juden dieses Ortes das letzte Stündlein gekommen zu sein. Als dieselben gegen Abend zur Synagoge gehen wollten, wurden sie plötzlich von einer vielhundertköpfigen, von allen Seiten herbeieilenden Menge umringt, die wie eine Meute blutgieriger Wölfe auf das kleine Häuflein eindrang. Da hörte man, wie Einer dem Andern zurief: „Jetzt werden sie geschlachtet" oder „jetzt geht's los, hast Du Dein Messer bei Dir?" oder „nun will ich schnell essen, damit ich gleich, wenn es dran geht, die nöthige Kraft habe" u. s. w. Und hätten die Juden nur ein Wort auf die ungeheuersten Beschuldigungen erwiedert, und wären sie nicht langsam auf Umwegen in ihre Häuser geflüchtet, wer weiß, was ihnen geschehen. In einem anderen Dorfe machte man eine große Puppe, welche Buschhoff darstellen sollte; auf offener Straße wurde Gericht über ihn abgehalten und er zum Tode verurtheilt; mitten im Dorfe wurde er an einem Baum aufgehängt, wo er einen ganzen Tag hängen blieb, bis ein Gensdarm das Entfernen der Buschhoff-Puppe veranlaßte. In einem Dorfe wo gar keine Juden wohnen, stand und lagerte die thatendurstige Menge an einem Sonntag Abend auf Straßen und Plätzen. Da kommt ein Fremder des Wegs und gleich erschallt der Ruf: „Da ist ein Jude, der wird geschlachtet." Der Fremde wird umringt, und schon wollte man Hand an ihn legen, da ruft der Geängstigte: „Kennt ihr mich nicht? ich bin N. N. aus E., kein Jude", und man läßt ihn seines Wegs ziehen mit den trostreichen Worten: „Das ist Dein Glück; wenn Du ein Jude wärst, kämst Du nicht lebendig aus unserem Dorfe". So geschehen am Ende des 19. Jahrhunderts in Laach, Kreis Grevenbroich. Solche Einzelheiten könnte man noch eine ganze Reihe aufzählen, aber eine ist so unerquicklich wie die andere. Trotzdem die Polizei in fortwährender Thätigkeit ist, kann sie doch nur wenig ausrichten, denn die lichtscheuen Thaten werden größtentheils im Schutze der dunkeln Nacht ausgeführt, und sobald sich Gensdarerie blicken läßt, ist alles ruhig. Es sind bereits 6 Wochen seit jener denkwürdigen Gerichtsverhandlung in Cleve verstrichen und die Ruhe ist immer noch nicht hergestellt, die Aufregung hat sich immer noch nicht gelegt.*) Die frühere schöne Eintracht unter den Bewohnern der Rheingegend wird auch nicht eher vollständig wiederkehren, bis die Verführten und Irregeleiteten eingesehen haben, daß sie sich selbst und andern schaden und nur einem verschwindend kleinen Theile unseres deutschen Vokes dienen, welcher sich in selbstsüchtiger Weise den Haß und Zwiespalt zu Nutzen macht und Kapital daraus schlägt. Zeituugsuachrichleu nttb Correspoudenzeu. Deutschland. Berlin 27. August. Seit einiger Zeit findet eine Massen-Auswanderung ruthenischer Bauern nach Rußland statt. Wie der Lemberger „Przegland" meldet, verlassen allnächtlich mehrere Familien in aller Heimlichkeit das österreichische Gebiet. Unter den Bauernist nämlich der Glaube verbreitet, daß den Auswanderern in Rußland Grundbesitz und das Eigenthum der vertriebenen russisch enJuden zurVerfügung gestellt wird. Die Auswanderer werden an der Grenze von den Kapitänen der russischen Grenzwache empfangen, in den Kasernen der Grenzwache reichlich bewirthet, mit Geldunterstützungen versehen und zu Wagen nach Kremenetz befördert. Hier erfolgt die Bekehrung der griechischkatholischen Auswanderer zum russisch-orthodoxen Glauben. Die Konvertiten werden sodann partienweise nach dem Kaukasus zu Kolonisationszwecken verschickt; auf dem Wege dahin ändert sich bereits die Behandlung. — Aus dem Zbarazer Bezirk sind bereits 700, aus dem Skalater Bezirk 200 Bauern ausgewandert. Jetzt hat aber, wie aus Lemberg telegraphisch gemeldet wird, die Regierung geeignete Vorkehrungen gegen die herrschende Auswanderungssucht getroffen. Berlin. Die „Deutsch-socialen Blätter" unternehmen es allen Ernstes, den Koran auf seinen antisemitischen Gehalt zu prüfen, und einige gegen die Juden gerichtete Suren zu antisemitischen Hetzzweckeu zu benützen. O, diese Herren sind wirklich von einer unausstehlichen Gescheitheit. Jeder in der Geschichte nur einigermaßen bewanderte Mensch weiß, daß der Semite Muhamed auch seine Zeit hatte, wo er gar eindringlich um die Gunst der Juden buhlte und ihnen beträchtliche Concessionen machte. Erst als er sah, daß eine vollständige Verschmelzung des Judenthums mit seiner neuen Lehre an dem Widerstande des ersteren scheiterte, bekämpfte er die Juden auf Leben und Tod. Aber haben denn Muhamed und seine Nachfolger nicht auch die Christen bekämpft und ihnen alle nur erdenklichen Schlechtigkeiten nachgesagt? Was sollen denn überhaupt — ein für allemal sei's gesagt! — solch' alberne Citate beweisen? Offenbar nichts Anderes, als daß der *) Inzwischen wird aus einem der angeführten Orte — Gindorf — gemeldet, daß durch nächtlicherweise entstandenen, höchst wahrscheinlich angestecktes Feuer mehrere jüdische Häuser und Scheunen eingeäschert wurden.

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