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Der Israelit · 1892-09-01 · Heft 70 (1.9.1892) · page 23

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 70 (1.9.1892)
Date
1892-09-01
Page
– (sequence 23)
Language
German
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1357 im 16. Jahrhundert lebende R. Asarjah de Rosst in seinem wiederholt edirten Werke Meor Enajim („Leuchte der Augen") — unter Bekräftigung der Anschauung von der Authentie der hebräischen Sprache und ihres Lehrgehaltes die Aneignung und Durchforschung derselben empfohlen. Die Jetztzeit aber geht immer noch achtlos in verdammenswerthen Jndifferentismus an diesen Schätzen vorüber, und kaum kann eines Lehrers Wort die Lässigen mit Erfolg an die Pflege des unbeachteten Sprachgutes mahnen. Und wenn man dem trägen Zettgeiste Rechnung tragen zu müssen glaubt, indem man Kenntniß und Gebrauch der heiligen, gehaltvollen Sprache immer mehr selbst aus dem gottesdienstlichen Leben der Israeliten verdrängt, so zeugt dies entweder von einer falschen Auffassung der pädagogischen Hilfsmittel oder von einer Bequemlichkeit der Lehrer unseres Volkes, die sich auf dieses leicht forterbt. Wahrlich, wenn der Wallenstein'sche Kapuziner heut seine Predigt an die „Welt der Gebildeten" richten würde, er würde ihr mit beißendem Spotte vorwerfen können, daß sie die Sprache des Lebensbuches zur Sprache eines alten Testamentes eines längst Gestorbenen gemacht. Weil nun die Verwerthung der altjüdischen, homiletischen Werke, welche man mit dem Gesammtnamen: Agadah zu bezeichnen pflegt und deren Empfehlung uns am Herzen liegt, erst auf Grund hebräischer Sprachkenntniffe eine vollständige werden §ann, so seien hierfür jene heute noch passenden Worte angeführt, welche zu Beginn des vorigen Jahrhunderts Daniel Weimar in der Einleitung zu seiner Edition der Halbauer'schen Schrift: Usus accentuationis Biblicae aus dem Werke: Bo schem hammephorasch (von Dr. Stephani?) citirt, um an die gründliche Durchforschung der heiligen Schrift und ihrer Sprache zu mahnen. Er sagt: „Weil den Christen gebühret, die Heilige Schrifft zu üben als ihr eigen Buch, und eine Sünd und Schande ist, daß wir unser eigen Buch nicht wissen, noch unsres Gottes Sprach noch Wort nicht kennen, so ists noch vielmehr Sünde und Schande, daß wir nicht Sprachen lernen, sonderlich so uns itzt Gott darbeut und gibt Leute und Bücher, und allerley, was darzu dienet, und uns gleich darzu reizet, und sein Buch gern wollt offen haben. O wie froh sollten die lieben Väter gewesen sein, wenn sie hätten so könnt zur Heiligen Schrifft kommen, und die Sprachen lernen, als wir konnten? Wie haben sie mit so grosser Mühe und Fleiß kaum die Brocken erlangt, die wir mit halber, ja schier ohne alle Arbeit das ganze Vrodt gewinnen könnten. O wie schändet ihr Fleiß unser Faulheit, ja wie hart wird Gott auch rächen solchen unfern Unfleiß und Undankbarkeit!. Denn der Prediger oder Lehrer mag wohl die Biblia durch und durch lesen, wie er will, er treffe oder fehle, wenn niemand da ist, der da urtheile, ob ers recht mache, oder nicht. Soll man denn urtheilen, so muß Kunst der Sprachen da sein, s o n st i st s v e r l o h r e n. Darum ob wohl der Glaube und das Evangelium durch schlechte Prediger mag ohne Sprachen gepredigt werden, so gehet es doch faul und schwach, und man wirds zuletzt müde und überdrüssig, und fället doch zu Boden. Aber wo die Sprachen sind, da gehets frisch und stark, und wird die Schrifft durchtrieben, und findet sich der Glaube immer neu durch andere und aber andere Wort und Wercke. El post. Weil sie ohne Sprachen bleiben, wird ihnen manglen müssen, daß sie die Schrifft gewiß und gründlich uicht handeln mögen, weil sie aber das wol thun könnten, und nicht thun wollen, mögen sie zusehen, wie es für Gott zu verantworten sey 2C." Es dürfte nicht allzuschwer sein, obige Worte des christlichen Gelehrten auf manchen unserer gegenwärtigen Prediger und dessen Zuhörerschaft zu beziehen; und folgende Wandlung in den Begriffen dürfte als sprechender Beweis dafür angeführt werden, wie sehr trotz vorschreitender Allgemeinbildung das positive religiöse Wissen und geschulte Denken zurückgegangen ist. Das jüdische Leben kennt zwei verschiedene, wenn auch bei oberflächlicher Erwägung gleichartige Begriffe für Gesetz und Ethik; sie lauten nz&n und pN m. Das elftere Wort bedeutet, genau genommen, „Gang", das letztere „Weg des Landes". Scheinbar besagen beide Worte dasselbe; in Wirklichkeit aber bezeichner die Ha lach ah die positiven gesetzlichen Vorschriften für jede Art gottesdienstlicher Handlungen, das rituelle Leben und den gewerblichen Verkehr, während wir unter „D e r e ch erez" die gute Sitte, den guten Ton, den Anstand begreifen. Doch geht im echtjüdischen Leben beides Hand in Hand, und mit richtigem Blicke haben unsre altjüdischen Weisen (am Ende des Tractates Niddah) an das Prophetenwort „halichot olam lo“, ein Weg bis in die Ewigkeit steht ihm offen, die pädagogische wichtige , besonders vom Standpunkte des Judenthums aus begreifliche Bemerkung geknüpft: nrabn no’bn npn — sprich nicht von einem ununterbrochenen Lebenswege, insofern in ihm das Gesetz außer Anwendung bleibt. (Fonsetzung folgt.)

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