Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 70 (1.9.1892)
- Date
- 1892-09-01
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
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1356 Ileker den Merth der Agadah. Von Bernhard Königsberger. Me wissenschaftliche Forschung ist mehr oder minder nur -eine Afterpflicht des menschlichen Geistes! Es mag absurd klingen, in solch' schroffer Form die sonst doch allgemein geachtete Wissenschaft in den-Staub zu ziehen; verwegen dem idealen Gelehrten jene Freude des „Berufes" zu rauben, die ihm bleibt beim Staube der Bücher, bei seinem nur durch Salz gewürzten Brod, der Schale kühlenden Wassers und der harten Lagerstätte, auf der er sich Ruhe gönnt für seine müden Wimpern — aber die Wahrheit fordert zum unparteiischen, zweckdienlichen Urtheil auf. Darum muß das Gemüth kühl werden „bis an's Herz hinan", ginge auch unser Lebensweg nur über gebrochene Herzen von armen Forschern und Fachgelehrten. Man frage sich nur: was hat die Welt, die Menschheit davon, wenn „neue" Sprachen der grauen Vorzeit dem räthselkundigen Weisen ihre Geheimnisse erschließen, und der immer tiefer dringende Rtesengeist mit fast übermenschlicher Denkkraft die Fadenenden ausfindig zu machen weiß, wo sich der Ursprung aller Kulturen zu einem Netze vereinigt, wo sich alle redenden Menschensöhne nur als mehr oder minder von einander differirende Brüder und Söhne eines Vaters wiedererkennen? Höchstens, daß dicke Folianten die neu entdeckten Geheimnisse der Menfchenverdrüdeiung ausnehmen und bald wieder nur tote Buchstaben im sibyllinischen Schrein verschließen. Denn die Menschen erfahren kaum etwas davon, daß die Wissenschaft unwiderleglich nachgewiesen, wir alle seien Müder, „alle Söhne eines Mannes".^ predigen doch noch immer die Apostel der Feindschaft aller Orten Klassen- und Racenhaß. Und ferner! Was frommt es uns, wenn die Erkenntniß astronomischer Gesetze den kundigen Gelehrten mit den Wegen der weitab über uns leuchtenden Gestirne ebenso vertraut macht, als mit den Straßen seiner heimathlichen Fluren? Was, wenn mit - überraschender Genauigkeit der Fachmann den Eintritt von Sonnen- und Mondfinsterniß uns auf Minuten und Sekunden vorherbestimmt, neue Sterne entdeckt, „als wären sie nie gewesen"? Wohl freut sich staunend die Menschheit ob der interessanten Erscheinung und lobt vielleicht auch den Gelehrten, der das.Wunder prophezeit. Aber, welch' dauernde.«. Gewinn, welch' förderliche Errungenschaft hat mit all dem die Welt erlangt für ihr ewiges Wohl? Und wenn auch zu wiederholten Malen der Taucher hinabsteigt in den gierigen Schlund des grundlosen Meeres, um winzige Seepstanzen und -Thierchen herauszuholen, damit das „sectrende" Mikroskop dem Naturforscher auf das Genaueste das Geheimniß dls Ursprungs dieser.Lebewesen enthülle; wenn ein muthiger, wißbegieriger Jünger der Wissenschaft der Erdkunde hinauf - klimmt auf der Felsen himmelhohe Gipfel, um das Aussehen, das Klima ihrer „Oberflächen" zu ergründen und festzustellen: die Höhenzüge des asiatischen Hochlandes überragten bei Weitem die Höhen des europäischen Festlandes; wenn ein kecker Schwimmer den brandenden Wasserfall des Niagara zu durchschwimmen sucht, um den reißenden Flutheu das Scepter ihrer alles überwindenden Macht zu entziehen — die Menschheit hat nichts davon, als die Mittheilung eines sensationellen Ereignisses oder die Nachricht von deni Mißgesch-ck des im Dienste der Wissenschaft verunglückten Forschers. Bei alledem wird es leicht begreiflich, daß die Mediein und philosophische Wissenschaft, insofern letztere durch die Erforschung der Prinzipien und Lehren der Ethik die Gesinnung der Menschen zu bilden strebt, den Anspruch der Werthschätzung uneigeschränkt erheben dürfen; denn auch die Jurisprudenz, welche den streitenden Parteien eigentlich den Frieden nur aufzwingt, hat nur momentanen Werth und verliert denselben, je mehr sich die Denkart der Menschen durch richtige Würdigung der Umstände über einen Streit in xrineixio weghilft. Es bleibt daher immerhin beachtenswerth, daß die alljüdischen Weisen, soweit wir ihre Studienrichtungen aus dem umfassenden Talmud kennen, weder auf eine selbstständige Sprachforschung, noch auf Geologie und Physik Gewicht legten, wohl aber auf eine gesunde Entwickelung des Körpers und Geistes. Und letztere suchten sie zu fördern durch eine an das Buch des Lebens, die Heilige Schrift, angeschlossene gesetzliche und homiletische Schriftforschung, durch Halachah und Agadah. Freilich setzten beide Richtungen geistiger Thätigkeit die genaueste Kenntniß der hebräischen Sprache und des ihr zu Grunde liegenden Geistes voraus, ein Denken und Fühlen iu dem wunderbaren Bau dieses als das älteste, gepriesenen Sprachideoms. Haben doch selbst die Gelehrten heutiger Zeit schon bet ihrer immerhin noch nicht beendigten Forschung erklärt, daß in der Sprache des „Alten Testamentes", der Sprache der Hebräer, Spuren vorhanden sind, welche ihr das Vorrecht des Alters vindiziren, und so begreift man gar wohl die Worte des Midrasch, welcher aus der gleichkliugenden Bezeichnung von Mann und Frau (im 1. Buch Mos. Kap. 2, 24) auf die Anwendung der hebräischen Sprache bei der Schöpfung der Welt schließt. Diesem Beispiele folgend, haben auch im Laufe der Zeit sowohl jüdische als nichtjüdische Forscher — unter ersteren, besonders der