Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 70 (1.9.1892)
- Date
- 1892-09-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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1344 eine Deputation von Gemeindeangehörigen beim jetzigen Minister des Innern nochmals in Sachen der Oberrabbiner-Wahl vorstellig werden. Hamburg, 31. August. Eine schwere, ernste Zeit! Während wir dieses schreiben, werden in unserer Stadt Hunderte von der furchtbaren Seuche hinweggerafft, die seit einigen Wochen uns in heimtückischer Weise überfallen hat. Auch eine erkleckliche Anzahl unserer Glaubensgenossen sind derselben bereits znm Opfer gefallen. In allen hiesigen Synagogen hat man die anhaltende Recitation von D’?nn angeordnet und richten wir an unsere Brüder im Reiche angesichts der drohenden ruDD die innige Bitte, ebenfalls für uns Gebete zum Allvater zu senden, aus daß das Gewitter, das ja bereits an Heftigkeit abgenommen, ganz vorüberziehe und es sich nicht ferner über unseren Häuptern entlade! vow Lübeck, 25. August. Das israelitische Hilfscomite hat dem Vernehmen nach nunmehr seine Thätigkeit in Bezug auf Unterstützung der hier durchkommenden russischjüdischen Auswanderer eingestellt. Wie wir hören, hatte das Comite außerdem auch der Behörde gegenüber die Verpflichtung übernommen, falls einer der rnssischjüdischen Auswanderer krank hier eintreffen oder hier erkranken sollte, für dessen Pflege und Unterbringung in das Krankenhaus sorgen zu wollen. Lübeck, 25. August. Durch den Hafenmeister gelangte gestern eine Verfügung des Polizeiamts an die hiesigen Rhedereien, daß in Zukunft in Lübeck nur noch solche Auswanderer gelandet werden dürfen, die sich durch Vorzeigung eines deutschen Passes als deutsche Unterthanen auszuweisen vermögen. Die Rheder haben von dieser Verfügung sofort ihre Vertreter in Königsberg und Memel telegraphisch in Kenntniß gesetzt, um hiernach ihre Maßnahmen treffen zu können, damit solchen Auswanderern ,die dieser Vorschrift nicht genügen können, die Ueberfahrt mit den Dampfern von vornherein nicht gestattet wird. Oefterr.-Ungar. Monarchie. Wien, 30. Aug. Nach einer Petersburger Meldung der „Polit. Corresp." findet ein Zurückströmen großer Massen ausgewanderter Juden aus Argentinien statt. Die russische Negierung sucht die Nückeinwanderung hintanzuhalten. Budapest. Bischof Dominik Sz^ß, welcher am 13. August in Kronstadt eingetroffen ist, um die dortige neue reformirte Kirche einzuweihen, hat noch am selben Tage eine Deputation der dortigen israelitischen Gemeinde empfangen. Auf die Ansprache des Führers der Deputation, Rabbiner Albert Wesel, gab der Bischof seiner Freude darüber Ausdruck, daß in Kronstadt zwischen der Judenschaft und den Reformirten, welche daselbst zu überwiegendem Theile das Ungarthum repräsentiren, ein so gutes Einvernehmen herrscht. Der Bischof erklärte weiter, er habe den zur Schmach der Civilisation künstlich genährten Antisemitismus stets verurtheilt; derselbe habe übrigens in den ihm unterstehenden Gemeinden keinen Boden gesunden. Kottha, 14. August. In N.-Fajkürth starb am Sabbat-Nachmu Herr Mordechaj Löb Neuhauß im 63. Lebensjahre. Die ungewöhnliche große Betheiligung von Groß und Klein an seinem Leichenbegängnisse legte Zeugniß davon ab, daß er ein ausgezeichneter Jehudt war, der auch seinen Kindern eine streng religiöse Erziehung gab; einer seiner Söhne, Herr Hermann Neuhauß ist ein großer Talmudgelehrter. An seiner Bahre hielten die Herren Rabbiner M. Reich« rd, Koltha, F. Jungreiß, N.-Sallo, H. L. Federwetß, wie auch der vorerwähnte Sohn des Verstorbenen aus Koltha und auch Herr Rabbiner Dr. Richter aus Pilena, Neffe des Verstorbenen, rührende Trauerreden, worin sie die edlen Eigenschaften und Thaten des Verblichenen schilderten. W. I. Schweiz. Bern, 31. Aug. Anläßlich einer konkreten Beschwerde hatte die Bundesversammlung entschieden, kraft der Bundesverfassung dürfte kein Kanton das bei den Juden übliche Schächten verbieten. Gestern haben nun die ostschweizerischen Thierschutzvereine dem Bundesrath 71,246 Unterschriften stimmberechtiger Bürger eingereicht, worin sie die Aufnahme folgender Bestimmung in die Bundesverfassung verlangen: „Das Schlachten der Thiere ohne vorherige Betäubung vor dem Blutentzuge ist bei jeder Schlachtart und Viehgattnng ausnahmslos verboten". Dieses sogenannte formulirte Jnitiativbegehren muß dem Schweizervolk im genannten Wortlaut zur Annahme oder Verwerfung vorgelegt werden. An der Bewegung haben sich die Kantone Aargau mit 23,416, Bern mit 24,351, Zürich mit 16,476, St. Gallen mit 1870, Baselstadt mit 1201 Unterschriften betheiligt; weitere Unterschriften lieferten Waadt, Neuenburg, Freiburg, Schwyz und Solothurn. Für das Jnitiativbegehren hatten schon 50,000 Unterschriften genügt. Rußland. Moskau, 20. August. Während der letzten Wochen ist das Werk der Austreibung der Juden aus Moskau, welches im vorigen Jahre begonnen hatte, zu Ende geführt worden. Es war der letzte Trupp, aus mehreren hundert Personen bestehend, welcher vor Kurzem den Bahnhof füllte und sich von hier aus nach den „jüdischen" Gouvernements vertheilte. Die ehemals so reiche und angesehene jüdische Gemeinde zu Moskau ist auf einige Familien zusammengeschrumpft. Nicht allein die Handwerker find vertrieben, sondern auch die Kaufleute erster Gilde und Lieferanten für die Regierung sind nicht verschont geblieben. Die Schächter, der Rabbiner und die Kultusbeamten mußten die Stadt verlassen, ja auch der jüdische Todtengräber gehörte zu den jetzt Ausgewiesenen. Die Tempel sind geschlossen, denn es fehlt an Besuchern, und die Hauptsynagoge, welche die jüdische Gemeinde aufbauen wollte, muß unvollendet verkauft oder in eine Wohlthätigkeitsanstalt verwandelt werden. Die einzigen Juden Moskaus sind jetzt nur diejenigen, welche sich dorthin ans kurze Zeit ihrer Geschäfte halber