Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 70 (1.9.1892)
- Date
- 1892-09-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXIII. Jahrgang. Erste Beilage ju M 70 des „Israelit". Zeitungsnachrichteu und Correfpoudenzen. Deutschland. Mainz. Von Herrn Dr. Grün erhalten wir mit Hinweis auf § 11 des Preßgesetzes folgendes Schreiben: Geehrte Redaction! Ersuche hiermit um sofortige Berichtigung des tendenziösen, den Thatsachen total widersprechenden Artikels in Rr. 67. Es ist entschieden unwahr, daß ich mich hier als streng orthodox aufspielte und irgendwie die hies. Frommen benutzt habe. — Dem Rabbiner der altisr. Gemeinde bin ich gar nicht näher getreten und besuchte blos die orthod. Synagoge am Sabbat Nachmu, weil zufällig Herr Dr. Silberstein in Rüdesheim war. Mein Vortrag beabsichtigte durchaus nicht eine Asstmilirung des Judenthums mit dem Christenthum, sondern ein mehr friedliches, freundliches Einvernehmen, wie es in Bern gegenwärtig beim Friedenscongreß zwischen den einzelnen Machten angestrebt wird, so soll es ähnlich zwischen den Trägern und Vertretern der verschiedenen Consessionen fortan gehalten werden. Zum Schlüsse protestire ich mit aller Entschiedenheit gegen die Zumuthung hier Jemanden „abgeklopft" zu haben. Hochachtend Rabb. I. Grün, vr. MI. Wiesbaden, 23. August 1892. Diesem Briefe folgte die durch einen Advokakaten ausgesprochene Drohung mit Klage. Wir geben hierauf folgende Thatsachen bekannt, die wir jederzeit gerichtlich nachzuweisen im Stande sind: Herr Dr. Grün speiste anfangs in der strengst koscheren Restauration, wusch sich, nach Vorschrift, vor dem Essen die Hände und behielt sogar während des Essens den Hut aus, was wohl als ein Kennzeichen der orthodoxen Richtung gelten mag. Natürlich Alles nur anfangs, später legte er die Unbequemlichkeiten ab. Seinen Gesprächen nach mußte man ihn für besonders heilig halten; natürlich vergaß er auch nicht, von der Schlechtigkeit anderer Menschen zu reden. Zum Schluß ging er dann mit dem Teller herum und sammelte. Anfangs mit offenem Teller, wuchs die Summe an (und anfangs war sie beträchtlich), so deckte er eine Serviette darüber. Auch seine Tisch-Rede am noro -ivp nyüff gehört hierher: „Man sei hier zur Kur, man sei krank und daher nicht im Stande zu fasten, damit sei man aber nicht der Pflicht entbunden. Man müsse ein kvsi ins geben, man müsse seine Seele auslösen, damit man sich durch das Essen am nana “itpy nicht vergehe, man solle etwas für einen armen Talmid Chochom geben." Rach diesem salbungsvollen Spruch ging er wieder mit dem Teller umher und sammelte. Dieses Treiben setzte er solange fort, bis dem Wirthe, Herrn Hirschberger, diese endlose „Abklopferei" zu stark wurde und er sie verbot. Hierauf suchte sich Herr Dr. Grün ein anderes Feld seiner ersprießlichen Thätigkeit. Herr Dr. Grün erklärt, seine Sammlungen seien für einen Andern. Sachlich ist das indessen ganz gleichgültig, denn Niemand der Gäste würde „dem Herrn Rabbiner" etwas für seinen Zweck gegeben haben, wenn er sich gleich anfangs in seiner wahren Gestalt gezeigt hätte. Unser Material über diesen Punkt weist noch einige interessante Nummern auf, die uns indessen hier zu weit führen würden. — Da Herr Dr. Grün abstreitet, er hätte von einer Amalgamirung des Christenthums mit dem Judenthum, so weit als möglich, gesprochen, führen wir Sätze aus seinem Vortrag nach dem Referate eines völlig unparteiischen - Wiesbadener Lokalblattes an: „Wenn Redner nun wünsche, daß das Judenthum mit dem Ehristenthume sich aussöhnen und vereinigen möge, so sei dies nicht dahin zu verstehen, daß die Juden zur offiziellen christlichen Kirche übergehen und in die eine oder andere christliche Confession eintreten, sondern daß Juden- und Ehristenthum sich vereinigen möchten zu einer unsichtbaren Kirche, zu einem großen Gottesreiche, wie es der Stifter des Christenthums verkündet und erstrebt habe. Dazu sei es allerdings nothwendig, daß das Christenthum, wenn es seine Mission im Sinne des Evangeliums erfüllen wolle, ein solches universelles Reich, in welchem alle Menschen sich als Kinder eines Gottes in Liebe die Hand reichen, endlich proklamire und konstituire, und daß das I udenthum seine überlebten und veralteten Zustände endlich aufgäbe. Wie politische Mächte, trotzdem ihre speziellen Interessen sehr verschieden seien, sich vereinigen könnten, so könne dies auch auf religiösem Gebiete geschehen. Dies sei um so mehr nöthig, da der menschlichen Gesellschaft ein innerer Feind erstanden sei, dem zu widerstehen sich die Mächtigen der Erde, die Besseren und Einsichtsvolleren der verschiedensten Consessionen und Religionen zu einem allgemeinen Glaubens-, Friedens- und Freundschaftsbande zusammenschließen müßten." Herr Dr. Grün sprach auch an einem anderen Orte laut die Absicht aus, „er werde solange Rischus machen, bis die Zustände im Judenthum sich geändert hätten." Probatem est. Aus Altona Die Oberrabbiner-Angelegenheit in der hochdeutschen Jsraelitengemeinde scheint vorläufig nicht erledigt werden zu können. Bekanntlich war eine Deputation hiesiger Gemeindeangehörigen bei dem vormaligen Minister des Innern, Herrfurth, dahin vorstellig geworden, daß derselbe die bis dahin beanstandete Wahl des Dr. Rosenfeld in Oroshaza in Ungarn zum Oberrabbiner doch noch bestätigen möge. Der Minister des Innern hat der Deputation das Versprechen gegeben, die Sachlage nochmals eingehend prüfen zu wollen. Inzwischen ist der Minister jedoch aus dem Amt geschieden, und die Frage einer Bestätigung der Wahl ist nicht erledigt worden. Wie es heißt, wird