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Der Israelit · 1892-09-01 · Heft 70 (1.9.1892) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 70 (1.9.1892)
Date
1892-09-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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durch Gewährung von Mitteln, Kredit und Empfehlungen wieder die Wege öffnet, ein neues Geschäft zu beginnen. Wie die Glieder der Gemeinde sich eng aneinander schließen, so ist auch das Familienleben überaus innig und meist glücklich. Obgleich dem Juden die Vielweiberei gestattet ist, macht er doch von diesem Rechte nur in seltenen Fällen Gebrauch. Gewöhnlich findet die Heirath schon in sehr jugendlichem Alter statt, zwischen Jünglingen von 16 oder 18 Jahren und Mädchen von 12 bis 14 Jahren, die kaum die Grenze der Mannbarkeit erreicht haben. Sehr gern vermählen auch Väter ihre jungen Söhne mit Mädchen, die um 10 oder 12 Jahre älter sind, als diese, ohne befürchten zu müssen, daß diese Ehen bei dem großen Altersunterschiede unglücklich werden möchten. Am liebsten werden Ehen im nächsten Verwandtenkreise geschlossen, um nicht das Vermögen der Familie zu zersplittern; Heirathen mit Andersgläubigen finden eigentlich nie statt; fällt ein Jude einer solchen Verirrung anheim, so wird er aus der Gemeinde gestoßen. Eine natürliche Folge der krassen Unwissenheit, in der die meisten Juden leben, war, daß der Aberglaube üppig ranken und die Sitten und Gebräuche vielfach beeinflussen konnte. Durch die Bemühungen der „Alliance isratzlite", die in allen bedeutenderen Städten gut eingerichtete und mit tüchtigen Lehrern besetzte Knaben- und Mädchenschulen begründet hat, ist in den letzten Jahren auch schon mehr Aufklärung in breiteren Volksschichten geschaffen und das Loos der Juden in Marokko und Tripolitanien (wo sie noch vollständig von der muhammedanischen Bevölkerung abhängig sind, im Ghetto wohnen und ein Schutzgeld zahlen müssen) gebessert worden. In Algerien sind die Juden heute vorwiegend europäisirt und haben sogar das französische Bürgerrecht erhalten. (Einige verleumderische Ausfälle gegen die afrikanischen Juden, von Ausbeuterthum rc. als Concession an die^ herrschende Zeitströmung, konnte Fitzner nicht unterdrücken. Diese Ausfälle werden nun von den antisemitischen Blättern, allen voran die „Staatsbürgerztg.," unter Hinweglassung des den Juden gespendeten Lobes zum Abdruck gebracht. Red. d. Jsr.) Leipzig, 22. August. Das „Vaterland", Organ der sächsischen Konservativen, richtet einen Artikel, überschrieben: „Verleumdungsseuche", gegen die antisemitische Parteipresse. Da Herr v. Friesen seine antisemitischen Dutzbrüder ja kennen muß, reproduziren wir das gewiß aus bester Quelle erflossene Urtheil: „Die Judenpresse und die Judenmache hat recht gelehrige Schüler gefunden und zu den gelehrigsten Schülern zählt Mancher von Denen, die die Bekämpfung des Judenthums als Geschäft treiben. Heute treiben's manche antisemitische Blätter fast ärger als die jüdischen im Punkt der Verleumdung. Die grassirende Verleumdungsseuchc ist stets das Kennzeichen einer sinkenden Zeit, eines krankenden Volksthums. Als das Römerreich zu Grunde ging, trieben die Delatoren ihr verächtliches Handwerk. Ob man bei dem blutgierigen römischen Kaiser oder bei der urtheilslosen großen Menge sein Denunziantenhandwert treibt, das bleibt sich gleich. Die Delatoren von damals und von heute sind gleichwerthig." Na, zu Grunde wird das Deutsche Reich an den antisemitischen Delatoren nicht gehen! Dafür stehen andere Parteien gut, wenn auch nicht die konservative, die in jenem Urtheil ihrer selbst spottet und nicht weiß wie. Köln, 19. August. Ueber antisemitische Ausschreitungen wird der „Köln. Zig." aus Frimmersdorf (Kreis Grevenbroich) vom 15. August geschrieben: „Aehnlich wie in den benachbarten Orten Grevenbroich, Gustors und Gindorf, nur seit Wochen anhaltend, sind die Ausschreitungen, die in unserer Gemeinde aus Anlaß des Xantener Knabenmordprozesses allabendlich gegen die israelitischen Mitbürger stattfinden. Auch hier sind auf dem israelitischen Friedhöfe Grabsteine umgeworfen worden, die Häuser der Israeliten werden mit Steinen beworfen, ihre Kartoffelfelder und Gemüsegärten zerstört und auf den Straßen werden rohe, verhetzende Lieder gesungen. Da ein Bürgermeister zur Zeit nicht vorhanden ist, so haben sich die isr. Einwohner um Schutz an den Landrath gewandt, allein die von diesem beauftragte Gendarmerie kann allein den Unfug nicht steuern. Sie blicken angesichts dieser Thatsachen mit ernster Sorge in die Zukunft, wenn nicht die Regierung Schritte gegen die Rädelsführer bei diesen Ausschreitungen thut und im Verein mit der geistlichen Obrigkeit die Bevölkerung von ferneren Thätlichkeiten gegen die hiesigen Israeliten warnt." Köln, 28. August. Die Verwaltung der gesammelten Gelder für Buschhoff ist nunmehr ganz in die Hände des Kölner Comitös übergegangen. Die Eheleute Buschhoff haben durch notariellen Akt das hiesige Comitö zu Curatoren ihres Vermögens unter Verzichtleistung auf dasselbe mit der Maßgabe eingesetzt, daß sie lediglich auf den Zinsgenuß Anspruch behalten, der im Falle Abscheidens auf den Ueberlebenden übergeht. Das Comit« ist berechtigt, bei Verheirathung oder Niederlassung der Kinder geeignete Kapital-Antheile zu entnehmen, die von den Kindern bis zum Lebensende der Eltern zu verzinsen sind. Nach dem Tode beider Eltern geht das Vermögen auf die Kinder über. Die in vielen Blättern coursirende Nachricht, daß die Eheleute Buschhoff in Wiesbaden zur Kur weilen, ist unwahr. Sie halten sich, da sie leidend sind, in einer waldreichen Landgegend auf. Memel, 25. August. Wie das Memeler Dampfboot meldet, hat die Regierung für die aus Altona und Hamburg kommenden Schiffe telegraphisch eine Quarantäne angeordnet. O e st e r r. - U n g a r. Monarchie. Wien, 27. August. Die Tiroler Clerikalen scheinen sich, vorläufig wenigstens, mit den Antisemiten vollständig überworfen zu haben, denn sonst

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