Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 69 (29.8.1892)
- Date
- 1892-08-29
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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1318 theilt. Bebel wird über das Verhältniß der Sozialdemokratie zum Antisemitismus sprechen. Berlin. (Wo steckt der Arier?) Den Gegensatz des „feigen", „tückischen", „hinterlistigen", „gewinnsüchtigen" Semiten bildet der „männliche", „großmüthige", „edle", „wahrhaftige" Arier. Durch diese Eigenschaften ist aber der Kreis der Arier sehr beengt. Das „perfide Albion" kann nicht die Heimath des wahrhaften Ariers sein, der weibische Welsche hat dessen männliche Tugenden nicht, des Russen Rohheit und Bestechlichkeit gewährt ein anderes Bild als das leuchtende Bild eines Ariers. Und wenn wir den asiatischen verjudcten Ungarn, den betrügerischen Griechen, den schmutzigen und' schlauen Italiener ins Auge fassen, müssen wir leider gestehen, daß sie ebenfalls den Ehrentitel des Ariers nicht verdienen. Ziehen wir uns aber enttäuscht in unser deutsches Baterland zurück, so finden wir auch hier die Arier dünn gesäet. Daß die „Judenschutztruppe" nicht zu den „Ariern" zählt, braucht wohl keines Beweises. Und die Jndenknechte sitzen mehr oder weniger in allen Parteien. Als Arier hätten deßhalb nur die deutschen Antisemiten zu gelten. Doch selbst über diesen kleinen Kreis sind die Meinungen der Antisemiten getheilt. Einer beschimpft den andern und erklärt ihn für alles Andere als für den echten Arier. Schönerer beschimpft Bergan!, Bergan! wieder Schönerer; Böckel wird von der „Kreuzzeitung" als Sozialdemokrat abgethan, während selbst Licbermann und Genossen für abkommandirte Conservative erklärt werden. Schließlich kommt dann der greise Antisemitenführer Marc und erklärt die ganzen Antisemiten zusammen für eine Erzschelmenbande, wie sie schlimmer nicht denkbar sei. Diese Zwistigkeiten sind für den ernsten Deutschen höchst betrüblich, der sich nach dem echten Arier umsieht, um ein Ideal an Edelsinn und Großmnth zu finden, in dieser Zeit der feigen und erbärmlichen Eharaktere. Der Mensch muß eben ein Ideal haben, an dem er sich aufrichten kann in schwerer unmännlicher Zeit. Aber Polen ist noch nicht verloren, noch weniger aber der rassenunverfälschte Arier! Wenn auch die Antisemiten sich nicht gegenseitig diesen Titel gönnen, so steht doch eines fest, daß jeder als Einzel-Persönlichkeit sich selbst dafür hält. Und in der That hält jeder einzelne Antisemit nur sich allein im tiefsten Kämmerlein seiner Seele für den einzigen, für den letzten großen Urarier, dessen heilige Mission der Kampf gegen das parasitische Semitenthum ist, und der allein noch den großen Schatz seiner Väter hütet, als da sind Großmuth, Edelmuth, Treue u. s. f. Nur schade, daß er in der Werthschätzung seines Arierthnms und seiner Persönlichkeit Niemanden zu Gesinnungsgenossen hat als — sich selbst! (Aus Gräbners „Mittheilnngen.") Berlin. In der „Hann. Post" (stummer 189 d. I.) befindet sich folgende auch in andern antisemitischen Zeitungen abgedruckte Notiz: „Bekanntlich legt die „Alliance Jsraelite" auf den Besitz von Zeitungen den ungemessensten Werth. Damit nicht zufrieden, legt sich ihre Hand auch auf die großen Telegraphen-Agenturen, welche die öffentliche Meinung beherrschen. Unlängst — d. h. vor dem damals noch wie ein Damoklesschwert über Israel in der Luft schwebenden Lantener Mordprozeß — gelang es dem reichen jüdischen Gründer Ha llgarten in Bockcnheim bei Frankfurt a. M., einem Busenfreunde des berüchtigten Millioncngaiiners „Baron" Hirsch, das Depeschenbnrean „Herold" anfzukaufen. Professor Joseph Kürschner in Stuttgart, der Christ zu sein behauptet, wurde zum Director, und Redacteur Levh vom „Actionär" in Frankfurt a. M. zum politischen Leiter bestellt. Seither besteht die Aufgabe des „Herold" in der Wahrnehmung jüdischer Nationalinteressen, so daß die deutschnationale Presse, die sich seiner bisher bediente, allmählich gezwungen iverdcn wird, sich anderweitig zu behelfen, lieber den Clever Prozeß brachte der „Herold", wie man sich erinnert, auffallend langathmige Telegramme, deren wahrer Zweck nach obiger Enthüllung erst recht erkennbar wird." Hierzu schreibt Herr Hallgarten an die „Mittheilungen:" „Mit Ausnahme dessen, daß ich Jude bin, ist alles, was das Blatt über mich und das Depeschen-Büreau Herold sagt, gelogen. Ich war nie Gründer, ich wohne nicht in Bockenheim, ich kenne Baron von Hirsch nicht (habe nie ein Wart noch eine Zeile mit ihm gewechselt) und ich habe das Depeschen-Bnrean nicht aufgekaust. Dieses Depeschen-Bnreau ist eine Aktiengesellschaft, und es ist eine in Berlin und Frankfurt wohlbekannte Thatsache, daß vor einigen Monaten die Aktien in den Besitz eines Frankfurter Herrn übergingen und der Sitz der Gesellschaft von Berlin nach Frankfurt verlegt wurde. Mit der ^Erwerbung dieser Aktien hatte ich weder direkt noch indirekt etwas zu thnn; ich besitze keine einzige Aktie, habe nie eine besessen, und beabsichtige nie, Aktien der Gesellschaft zu erwerben. Charles L. Hallgarten. Wir können noch hinzusügcn, daß Herr Levh weder Redacteur des „Actionars" gewesen, noch politischer Leiter des Depescheu-Büreau's „Herold" ist. Eine Berichtigung von Seiten der Lügenblätter wird wohl kaum erfolgen, dagegen in den nächsten Nummern eine Reihe — nenerdachter Lügen. Red. d. Jsr. Ettlingen i. Baden. Dieser Tage starb dahier im Alter von 80 Jahren der Kaufmann Abraham Mayer. Derselbe, welcher schon vor der Geburt den Later verloren hatte, wurde von seiner Mutter, einer geb. Ettlinger aus Karlsruhe, nach der frommen Weise ihrer Familie erzogen, und war er während seines ganzen Lebens ein echter Jehndi im wahren Sinne des Wortes. Zn einem großen Theik seines Lebens war er Vorstand in der hiesigen Gemeinde und konnte durch seinen Einfluß die Neologie keinen Fuß hier fassen. Da der Lehrer- und Vorbeterdienst in der Gemeinde durch einen Zögling des hiesigen Großh. Schulseminars zu versehen war, dieiem aber oft die Zeit zur gehörigen Vorbereitung fehlte, als jjn und Niip fungiren zu können, so hat der Verblichene seit fast einem halben Jahrhundert diese Funktionen nicht nur an den er»' □•soui, sondern das ganze Jahr hindurch versehen. Den Lehrer-Seminaristen stand er stets mit Rath und That bei.