Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 69 (29.8.1892)
- Date
- 1892-08-29
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXIII. Jahrgang. Mage ju M 69 des „Israelit". Literarischer Wericht. Nahida Remy, das Gebet in Bibel und Talmud. Berlin 1892. Emil Apolant.- Es brachte dieses Blatt jüngst bereits eine kurze Notiz über den unter obigem Titel von Nahida Remy in Berlin gehaltenen Vortrag. Derselbe ist nun im Druck erschienen. Nahida Remy hat sich durch ihr „jüdisches Weib", dessen Vortrefflichkeit wir vor Kurzem au dieser Stelle würdigten, rasch viele und aufrichtige Freunde erworben. Wie der Verleger im vorgedruckten Prospect des vorliegenden Schriftchens mittheilt, ist dies nur ein Theil eines demnächst erscheinenden, größeren Werkes der Verfasserin, Namens: „Die jüdische Volksseele." Der klare Blick und das warme Herz, mit denen Nahida Remy das jüdische Gebet behandelt, hat wieder eine Darstellung gezeitigt, die an richtiger Erkenntniß so reich ist als an gemüthvollem Verständniß. Es ist wohl noch in allgemeiner Erinnerung, daß N. R. Nichtjüdin ist, und bewunderungswürdig ist der Fleiß und die Liebe, mit denen sie sich in den tiefen Gehalt und die wunderbare Poesie des jüdischen Gebetes versenkt bat. Eine größere Anzahl von Stellen befindet sich jedoch in der Schrift, die entschieden zu mißbilligen sind, die wir wohl mit Recht darauf zurückführen, daß die Verfasserin aus Quellen geschöpft, die nicht auf dem Boden echtjüdtscher Gesinnung entsprungen sind. Wenn das angekündigte Werk: „Die jüdische Volksseele" in diesen Kreisen Eingang finden soll, so muß eine ganze Reihe von Aenderungen etntreten, so (um nur Einiges hervorzuheben) SS. 8, 10, 14, 15, 19, 22, 33, 39 und Sonstiges. Nahida Remy würde wohl gut thun, sich mit einem kenntnißreichen, streng gesonnenen Manne in Verbindung zu letzen, sie hat ja in Berlin Gelegenheit dazu. Es wären alsdann ihre weiteren literarischen Produkte mit ungeschmälerter Freude zu begrüßen. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutsch! and. Berlin. Von jüdischer Seite erhalten die „Mittheilnngen" folgende Zuschrift, mit deren Tendenz wir uns völlig einverstanden erklären: In Nr. 32 der „Allg. Zeitung des Judenthums" findet sich eine Erörterung des Herrn Dr. Adolf Jellinek über die Möglichkeit, wie der Vorwurf der Blutbeschuldignng am rationellsten aus der Welt zu schaffen sei. Jedermann, der nicht gerade antisemitisch rassenrein ist, wird mit Herrn Dr. Jellinek die demagogischen Umtriebe beklagen, die sich an den Tantener Prozeß geknüpft haben. Aber Herr Dr. Jellinek schlägt ein Mittel zur Abhilfe vor, das ich nicht billigen kann, ja das ich, und mit mir gewiß der größte Theil der jüdischen Deutschen, auf das schärfste ablehnen muß. Er schreibt nämlich: „Die Regierungen müssen unter Mitwirkung der Parlamente in allen Kulturstaaten den rechtsgiltigen Beschluß proklamiren, daß jede Anklage auf Blutbeschuldigung „ans rituellen Motiven" gegen die Juden von den Gerichten zurückgcwiesen würde, da cs nach dem Ausspruch vieler Päpste und dem Urtheile Hunderter von Sachverständigen ein für alle Mal konstatirt ist, daß die Blutbeschuldigung der Juden grundlos, ein Volksmärchen oder ein Agitationsmittcl von Judenfeinden ist." „Der Herr Rabbiner Dr. Jellinek befindet sich vor allem in einen: bedauerlichen logischen Jrrthum. Ein deutsches Gericht hat in dem letzten Jahrhundert niemals eine Anklage wegen Ritualmord erhoben, sondern nur, wie es juristisch richtig ist, Anklage wegen Mord, Todtschlag, Körperverletzung?c. erhoben, wenn eben schwerwiegende Verdachtsmomente Vorlagen. Erst die naive Phantasie des Volkes, die auf Minoritäten, namentlich auf Juden, förmlich dressirt ist, macht aus einer Körperverletzung, aus einem Mord :c. eine „Blutbeschuldigung". Gegen diese naive Volksphantasie will nun Dr. Jellinek einen — Parlamentsbeschluß zu Hilfe rufen. Dieser Vorschlag entbehrt nicht nur einer gewissen Komik, nein, wir müssen ihn als Juden um so energischer als höchst unpassend zurückweisen, als wir selber ans unserer langen Leidensgeschichte wissen, daß nmn nicht mit Strafparagraphen gegen Ideen ficht, daß Ideen, namentlich Volksphantasien, bei starkem Gegendruck, um so elastischer und siegreicher fortleben. Dr. Jellnek's Vorschlag verdient gerade von jüdischer Seite eine um so schärfere Zurückweisung, als er den Gegnern wieder eine wirksame Waffe bietet. Und in der That sind bereits Zeitungen, welche die extremsten politischen Weltanschauungen vertreten, die katholischklerikale „Germania" und der sozialdemokratische „Vorwärts" über Dr. Jellinek's Artikel hergefallen. Hoffentlich geht die Ehrlichkeit dieser Zeitungen so weit, daß sie auch von dieser Entgegnung Kenntniß nehmen." „Wir wollen keine Staatsbürger zweiter Klaffe sein, aber wir wollen auch nicht einer Bevorzugung der Juden das Wort reden, sondern verlangen lediglich die Aufrcchthaltung der vollen bürgerlichen Gleichstellung, wie sie in der Reichsverfassung ausgesprochen ist." Es sei noch erwähnt, daß der größte Theil der jüdischen und judenfreundlichen Presse den Vorschlag des Herrn Dr. I. auf das Schärfste verurtheilt. Red. d. Jsr. Berlin, 22. August. Wie dem „Leipz. Tgbl." mitgetheilt wird, sind die Referate für den bevorstehenden Parteitag der Sozialdemokraten, welche bekanntlich in Berlin abgehalten wird, bereits ver-