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Der Israelit · 1892-08-29 · Heft 69 (29.8.1892) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 69 (29.8.1892)
Date
1892-08-29
Page
– (sequence 8)
Language
German
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durfte unangemeldet zum Mittagmahl in seinem Palais erscheinen, sich an die großen, reichbesetzten Tafel, die in einem ebenerdigen Saale bereit stand, setzen, nach Belieben essen und trinken und sich dann ohne einem Menschen einen Dank auszusprechen, entfernen. Die Lakaien, die bei dieser Tafel aufwarteten, hatten den strengsten Befehl diese seine Gäste genau mit demselben Eifer und derselben Höflichkeit zu bedienen, als jene, welche mit ihm selbst an einem Tische auf dem Gold- und Silberservice speisten, das ihm Kaiser Leopold „in Gnaden und zum Gedächtniß" zur Schmückung seiner Tafel verehrt hatte. Allein die Zahl der armen Juden, die nach Wien strömten, war eine so große, daß selbst der fürstliche Reichthum und die königliche Großmuth Wertheimers allein, es nicht vermochten Allen zu helfen und es mußten sich auch die andern reichen Juden an diesem Liebeswerke belheiligen, und sie thaten dies auch willig und nach besten Kräften. Da es den christlichen Gasthofbesitzern untersagt war, Juden zu beherbergen, hatten die jüdischen Vorsteher bei dem Gemcindediener Koppel Kanitz eine Herberge für zugereiste Glaubensgenossen errichtet. Hier standen in einem geräumigen, luftigen Zimmer einige Reihen saubere Betten und Koppel Kanitz verabreichte jedem, der es verlangte, auf Gemeindekoften Frühstück und Nachtmahl. Für den Mittagstisch war, wie schon erwähnt, in dem Wertheimerschen Palais ausreichend gesorgt. Es war ein Freitag Nachmittag, als Lea Arnstein in gewohnter Weise bei Koppel Kanitz Nachfragen wollte, ob wieder Hilfsbedürftige angekommen wären. Den Diener, der sie begleitete, ließ sie vor dem Hause warten. Als sie den Flur betrat, erkannte sie aus den Worten, die aus der halb offenen Zimmerthüre drangen, daß sich Jemand schon vor ihr, in gleicher Absicht wie sie, bei dem Gemeindediener eingefunden haben mußte, denn dieser berichtete: „Es sind hier seit gestern Mittag nur sieben Personen angelangt, ein polnischer Ros *), dessen Gemeinde abgebrannt ist, und der hier eine Sammlung veranstalten will und beim Oberrabbiner und Oberhoffaktor wohnt. ..." „Weiter, weiter!" hörte Lea eine Stimme, in welcher sie sogleich jene ihres Retters erkannte. Ihr Herz begann zu klopfen und sie zitterte so heftig, daß sie, wie eingewurzelt stehen bleiben mußte und hierdurch unwillkürlich Ohrenzeugin des weiteren Gespräches wurde. „Dann eine Frau", fuhr Kanitz fort. „Von wo kam sie?" fiel ihm Rafael Levy heftig ins Wort. „Eine Wittwe ans Schlackenwörth in Böhmen", sprach Kanitz weiter. „Ihre christlichen Nachbarin hat deren einziges Kind getauft, ihr dasselbe entrissen und in ein Kloster gebracht, der vierjährige Knabe ist vor Angst, vor Leid, vor Sehnsucht nach der Mutter erkrankt; die arme, fromme Frau ist dem Wahnsinn nahe. Sie hat das Letzte, was sie besaß, verkauft, um nach Prag zum Oberstbnrggrafen zu fahren, es war vergebens! Sie ist zu Fuß von Prag nach Wien gegangen, sie hat sich hungernd und bettelnd bis hierher durchgeschlagen und ist mit wunden Füßen, zu Tode ermattet, hier angelangt. Sie setzt ihre letzte Hoffnung auf unseren großen Stadlens *), Reb Schamschon Wertheimers mächtige Verwendung." (Fortsetzung folgt.) 1) Nabbitter. 2) Fürsprecher, welche bei Hofen oder bei angesehenen Personen ihren Einfluß zu Gunsten ihrer gedrückten Glaubensgenossen geltend machten. D« ,J»r«iltt' erschrtnt wöchentlich zweimal, Montag- und Donnerstags, jedeSmal in mindestens zwei Bogen. Preis des Jahrgangs für Deutschland und Oesterreich 12 Reichs-Mark, für's Ausland!6 Reichs-Mark. Man abonnirt ganzjährig, halbjährig oder vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Durch Len Buchhandel ftt tzrstetzrn dri E. $. Ai letnnckrr, Leipzig, Doßpiah IS. — Inserate 25 Pfennig die dreigespaltene Petitzeile oder deren Rem«. — Oesterreichtfche Banknoten laut CourS. — Dtrecte Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland mck Oesterreich 14 RelchS-Mark oder 8 fl. österr., für'S Ausland 16 Reichs-Mark, an die Expedition franco einzusenden. Inhalt (Hauptblatt): Leitender Artikel: Zur 4. Säkulaifeier der Vertreibung der Juden aus Spanien. Ein Appell an das jüdische Herz. Von Bernhard Traubenberg. (Schluß.) — Zeitungsnachrichten und Korrespondenzen: Deutschland: Berlin. Breslau. Leipzig. Hamburg. Insterburg. Posen. Memel. — Oestcrr.-Ungar. Monarchie: Kolomea. — Frankreich: Paris. — Vermischtes. —Feuilleton: „Fürstengunst." Erzählung von S. Kohn, Verfasser von „Gabriel." (Fortsetzung.) Inhalt der Beilage: Literarischer Bericht. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Berlin. Ettlingen i. Baden. Danzig. Kiel. Bromberg. Aus Straßburg. Metz. — Frankreich: Paris. Inhalt der Extra-Beilage: Spenden-Verzeichnisse. Verantwortliche Redaction: OScar Lehmatln in Mainz. — Expedition des „Israelit", Schottstraße Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'schen Hofbuchdruckerei-Actien-Gesellschaft in Mainz. Hierzu Zwei Beilagen.

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