Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 69 (29.8.1892)
- Date
- 1892-08-29
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1312 Da muß der Jude herhalten. Es ist merkwürdig, wie sehr uns auch die Mittel, deren sich der Judenhaß bedient, vom Mittelalter überkommen sind, wie sehr wir im Mittelalter die Vorbilder der jetzigen Bewegung finden. Dem Eifer, die Juden als Ursachen alles Uebels hinzustellen, passirte schon im Mittelalter manches menschliche. So sagten die spanischen Prcilatien den Juden nach, Toledo und andere Städte den Sarazenen ausgeliefert zu haben, selbst solche, die nie von den Sarazenen eingenommen waren! (J. Bedarrid, les Juifs en France . . . Paris, 1859. S. 66.) Gerade wie jetzt auch schon damals ein ideales Kleid für gemeine Motive. König Ferdinand von Arragonien vertrieb die spanischen Inden aus eifrigster Frömmigkeit. Wie die Curie glaubte, um der verarmten Kasse mit jüdischem Vermögen aufzuhelfen. In diesem Sinne schrieb auch der Papst an die Königin Jsabella von Kastilien. (S. Hartwig a. a. O-, S. 82). Auch damals scheute man sich nicht, die Volkswuth künstlich zu schaffen, wo sie nicht vertreten war. — Beispielsweise trug man in Frankreich, wenn lange Zeit keine Judenverfolgung stattgefunden hatte, den Juden heimlicherweise heilige Gefäße in die Häuser, um sie nachher mit heiligster Entrüstung aufzufinden und die angeblichen Kirchenschänder dem Volkshasse zu dennnzircn. Ausdrücklich mußte die Obrigkeit dergleichen verbieten (s. Hartwig a. a. O-, S. 81). Wenn auch das „Unrecht der Minoritäten" psychologisch in der Schwäche der menschlichen Natur begründet ist, so ist doch zu hoffen, daß mit der fortschreitenden geistigen Entwicklung des Menschen auch sein Rechtsgefühl kräftiger wird. Nicht mehr ein „Recht der Majoritäten", nicht mehr ein „Unrecht der Minoritäten", sondern ein Recht der allgemeinen Menschlichkeit. Breslau, 23. August. Der ehemals Stöckersche „Reichsbote" veröffentlichte am 16. August einen „Steckbrief": Seit geraumer Zeit und erst jüngst wieder habe ein evangelischer Russe Namens Paulus Meyer alias Pawly, alias Kremenlitzki immer wieder versucht, die Mildthätigkeit christlicher Kreise in Anspruch zu nehmen. Jede solche Unterstützung sei an einen Unwürdigen verschwendet. Der Genannte sei ein arbeitscheuer Mensch, der bummelnd und bettelnd die Welt durchziehe, um auf Kosten Anderer zu leben. Von Jerusalem bis London und Paris habe er wohl alle christlichen Missionsstationen und eine Reihe von Pfarrhäusern gebrandschatzt. Er habe sich überall unmöglich gemacht. Neuerdings habe er in Stettin als ein um seines Glaubens willen vertriebener Christ die Hilfe evangelischer Geistlichen in Anspruch genommen, zugleich auch Mitglieder der jüdischen Gemeinde angebettelt, vorgebeud, daß er ein aus Rußland ausgewiesencr Rabbiner sei. Auch die neueste Nummer der Missionsschrift „Nathanael" veröffentliche eine Mahnung zur Vorsicht. An diesen Herrn Paul Meyer nun hat sich der Vorsitzende des deutschen Antisemitenbundes, Fr. Witte, mit der Aitfforderung gewendet, ein Gutachten über Werth und Unwerth der hebräischen Kenntnisse des Herrn Professor Strack abzugeben, und die „Staatsbürger-Ztg." veröffentlicht die Antwort Meyers als einen Beitrag zur Frage der jüdischen Blutmorde. In der That, ein würdiger Mitarbeiter der Antisemiten! Herr P. Meyer erzählt, er habe im Jahre 1890/91 als Gehilfe des Predigers Biding auf dem Bureau der „Gesellschaft zur Beförderung des Christenthums" Herrn Professor Strack kennen gelernt und einen mißlungenen Versuch gemacht, sich mit demselben in hebräischer Sprache zu unterhalten. Daraus schließt er, daß Herr Strack kein Talmudkenner sei! — Vor Jahren besuchten junge Armenier, die studienhalber nach Europa gekommen waren, den inzwischen verstorbenen Prof. Petermann, der an der Berliner Universität Armenisch docirte, und waren sehr überrascht, daß sie das Armenische des Herrn Professors nicht verstanden und ebenso der Herr Professor sie nicht verstand. Aber über das Wissen des Professors, der ein armenisches Wörterbuch, u. s. w. herausgegeben, abzusprecheu, haben sie sich wohl gehütet. Leipzig, 12. August. Auf die Verordnung des König!, sächsischen Ministeriums, welche bestimmt, daß vom 1. Oktober cr. ab jedes Thier, welches geschlachtet werden soll, zuvor durch einen Schlag auf den Kopf betäubt werden muß, daß mithin das Schächten bei den Juden von da ab zu unterbleiben hat, wird aus betheiligtcn Kreisen Folgendes im hiesigen „General-Anzeiger" in Vorschlag gebracht: Man solle die Betäubung des Thiercs auf eine mildere Weise, als durch einen das Gehirn verletzenden Schlag bewirken. Wie man, um schmerzlos Zähne auszuzieheu, den Patienten vorher etwas Stickstoff-Oxydul einathmen lasse, wodurch ein leichter Rausch resp. Betäubung verursacht werde, so solle man auch das Vieh, welches geschächtet werden solle, von diesem Gase einathmen lassen, wodurch dem neuen Gesetze vollständige Genüge geleistet werde und anderntheils dem Verfahren von israelitischer religiöser Seite nichts entgegenstehe. Auf diese Weise könne man die Angelegenheit, welche für die Israeliten von entscheidender Wirkung sei, lösen. Ein Nachtheil für das Fleisch sei durch das Einathmen von Stickstoff-Oxydul nicht zu befürchten; ev. ließe sich dies durch einen unter Leitung eines Veterinärs gemachten Versuch leicht festftellen. (Es wird noch festzustellen sein, ob ein derartiges Verfahren nach dem jüdischen Religionsgesetz so unbedingt gestattet ist und namentlich, ob durch eine derartige Betäubung der Blutverlust nicht beeinträchtigt wird. Red. d. „Jsr.")