Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 69 (29.8.1892)
- Date
- 1892-08-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2448218-2448284--34765-2482720- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1311 und kleinen Geheimnisse einer modevergänglichen Toilettenkunst; Putz- und Modethorbeit sollen der Sprache des Herzens auf längere Zeit, sagen wir auf ein Jahr das Wort zu ungeschmälertem Gebrauche einräumen. Wir wenden uns mit besonderer Zuversicht an den empfänglichen Sinn des jüdischen Frauenherzens, weil es der Ursprung aller jüdischen Großthaten der Milde ist. Wenn es bisher seine segcuspendende Kraft für diesen großen, heiligen Zweck noch nicht in dem erforderlichen Maße bewährt hat, so liegt das gewiß nicht an der Verödung des jüdischen Herzens, sondern an der mangelnden Anregung und Ermunterung. Daran soll es nun aber auch nicht fehlen. Wenn cs Euch, jüdische Frauen, in den Sinn kommen sollte, Euer klingendes Metall in jene leicht zerfallenden Stoffe und Formen zu verwandeln, die der Hervorhebung der körperlichen Erscheinung dienen sollen, aber nicht immer dienen, so gedenkt nur Eurer unglückliäen Schwestern, die in dem großen Gefängniß, Rußland genannt, unschuldig schmachten und in, die Blößen nothdürftig bedeckende Lumpen und Fetzen gehüllt und von der Kosackenknute getrieben, mit ihrer tbeucrsten Last, den Kleinen, beschwert, von Ort zu Ort flüchten, nach einem Richtpunkte für die wankenden Füße angstumflort ins Weite spähend. Könntet Ihr noch, diese Bilder des Jammers vor Eurer Seele, Euren selbstsüchtigen Vergnügungen mit kalter Ruhe nachgchen? Dann hätte sich das schönste Erbe Jakobs, das jüdische Herz, in einen harten Fels verwandelt, dem keine labsalspendende Erquickung in der Wüstennoth der Jetztzeit entströmt. Wir geben uns aber der gläubigen Hoffnung hin, daß das sonst für jede Roth so heiß erglühende jüdische Herz in ungeschwächter Gluth weiter lodert und sich den großen Forderungen der Gegenwart nicht entziehen wird. Die furchtbaren Ereignisse, die von der Abendgluth des Jahrhunderts der Aufklärung so grell beleuchtet werden, verlangen ein that- und opferfrohes Geschlecht, ein Geschlecht, das nicht blos in mäßigem und bewundernden Zuschauen der mit beispielloser Standhaftigkeit ertragenen Qualen der Brüder erstirbt, sondern sich von unfruchtbarem Staunen zu staunen- und bewundernswerthen Denk-! malen brüderlicher Liebe erhebt. Vergangenheit und Gegenwart mahnen uns beide zur Einkehr und betrachtender Rückschau, die in Werken uneigennütziger Menschlichkeit ihren höchsten Ausdruck finden sollen, damit die Geschichte dem Judenthum im Ausgange des 19. Jahrhunderts nicht den schweren Vorwurf nachzuschleudern berechtigt wird: der große Moment fand ein kleines Geschlecht. Zeitungsnachrichten und Correspoudeuzerr. Deutschland. Berlin, im August. Unter dem Titel „Das „Unrecht der Minoritäten" führt Herr Lie. Gräbner in feinen Mittheilungen folgendes aus: In der Geschichte hat der Starke immer Recht und der Schwache Unrecht. Als der Abgeordnete von Minnigerode das berühmt gewordene: „Ruhe iu der Minorität" rief, da bekannte er sich zu dieser Machttheorie. Sie ist vielleicht nicht ganz christlich — aber brauchbar, wenn man die Macht hat. Das „Unrecht", Minorität zu sein, ist der große Fluch, unter denk das Judenthum leidet. Als es selbst eine Mehrheit im politischen Sinne, einen Staat also bildete, hatte es Recht, seine Lcidenslausbahn sing da an, wo es durch seine Zersplitterung sich in zahlreiche Minoritäten anflb'ste. Die Leiden, welche die Christen früher im Orient erleiden mußten und jetzt in China erdulden, die Kämpfe der Waldenser, Hnssiten :c. erhärten das Wort von dein „Unrecht" der Minoritäten. Die Minorität spielt die undankbare Rolle des Prügelknaben, zu gewissen Zeiten bedarf man eines solchen, um ihm die Unthaten, die man selbst begangen oder deren Urheber man nicht kennt, aufzubürden. So geschah es dem Judenthum: überall, wo soziale Roth sich bemerkbar machte, wo Seuchen, Hungcrsnöthe ein Land verwüsteten, wurde der Minorität die Schuld beigemessen. Für jedes Uebel sucht der Volksgeist eine Erklärung. Der Drang der menschlichen Seele zur Erforschung des „Warum", wurde allmächtig in schlechten Zeiten. Das; es ihm gut gehe, findet jeder nicht mehr als billig, gehl es ihm schlecht, so sucht er nach Ursachen, die außerhalb seiner Person liegen. Haben weite Volksschichten zu leiden, so richtet sich die Unzufriedenheit aus ererbten Vorurtheilen leicht gegen die Juden. Scheinbar liegt es zudem auch im Interesse der herrschenden Streife, gegen die sich sonst die Unzufriedenheit kehren würde, die Juden als die kleinste Minorität, von der deshalb der geringste Widerstand zu erwarten ist, als Blitzableiter zu verwenden. Aus die Dauer ist das allerdings eine Politik, die sich gegen ihren Urheber kehrt. Otto Hartwig („Aus Sizilien", Kassel 1869 S. 57) macht darauf aufmerksam, daß „die Verfolgungen der Juden am heftigsten waren, wenn die Verfolger sich in ihrer eigenen Existenz unwohl fühlten", was nur bedeutet, daß diese Verfolger in den Zeiten schlimmer politischer Gefahr die Wuth des Volkes und die eigene an der Minorität ausließen. Vor ihrem Untergange wütheten die Westgothen am meisten gegen die Juden; im 15. Jahrhundert, als die Kirche am schwerstell bedroht war, verfolgten Concilicn, Kaiser und Volk am erbittertsten die Unglücklichen. Sehr sein bemerkt Hartwig dazu (a. a. O. S. 57) daß der „religiöse Fanatismus weniger aus der Uebersülle des Glaubens als aus dessen Erschöpfung und künstlichen Erregung liervorgeht". Aehnliche Verhältnisse herrschen auch jetzt. Aus wirthschaftlichcm Gebiet unbefriedigende Zustände, starke Unzufriedenheit, ans religiösem große Gleichgültigkeit.