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Der Israelit · 1892-08-29 · Heft 69 (29.8.1892) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 69 (29.8.1892)
Date
1892-08-29
Page
– (sequence 2)
Language
German
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1310 würdiger als die völlig verkehrten Ausbrüche eines sollst nur frohgelaunten Herzens? Erheben wir uns zu der göttlichen Harmonie von That und Empfindung, zu einer geläuterten Gestaltung der uns beherrschenden Stimmungen, indem wir uns von dem Freudencultus, der mit dem Schmerze getrieben wird, voll Abscheu abwcnden und uns statt dessen der erhebenden und verklärenden Weh muth ergeben. Statt der gesteigerten Genüsse, von beiicn der Kulturmensch ohnehin übersättigt ist, laßt uns den Grundsatz humaner Zurückhaltung und Sparsamkeit auf unsere Fahne schreiben und überall zur Geltung bringen. Das ist ein Gebiet, das für unerschöpfliche Variationen Raum hat und auf Schritt und Tritt Gelegenheit zur Bethätignng milder Regungen giebt. In den tausend kleinen und großen Dingen, die das Leben gestaltet, läßt sich der Tugend der edlen Sparsamkeit zur Anerkennung und Verwirklichung verhelfen, im Hause und ans der Straße, in den nothwendigcn Bedürfnissen und in den vielleicht entbehrlichen Vergnügungen, überall kann man zu Gunsten der Menschenliebe sich einer sinnigen Zurückhaltung und Mäßigkeit befleißigen. Namentlich den Frauen eröffnet sich ein iw übersehbares Feld im Dienste humanen Wirkens. Sie, die gar oft ein so feines Verständniß für die Verflüchtigung des überschüssigen Geldsegens allzeit bekunden, werden, wo es Noth thut, auch einmal die entgegengesetzten Fähigkeiten erweisen und der gewiß nur böswilligen Verläumdung, daß ihre ganze Kunst nur in dem negativen Erwerb bestehe, die allzu scharfe Spitze abbrechen wollen. Was für würdige Dinge giebt cs da nicht, die eine Beschneidüng ihres Ausgabenetats ohne großen Schmerzen vertragen? Theater und Concerte, Opern und Bälle sind Gegenstände, denen gegenüber eine kühlere Theilnahme wohl ohne weiteres am Platze wäre in der 4. Säkularfeier der großen Vertreibung. Soll ein solches Gedenken und solch eine Zeit unsere Glaubensgenossen nicht aus dem sträflichen Gleichmuthe und der unerschütterlichen Ruhe aufftören, deren Bann sie trotz der überwältigenden Ereignisse gefangen hält? Dieses historisch wichtige Jahr erfülle uns mit der Weihe, die uns die edle Kraft zu imponirenden Xljateu der Barmherzigkeit einflößt. Zur siegreichen llebcrwindung der Keuleuschläge, die auf den Nacken der Judeuheit des Ostens mit so ungeheurer Wucht hcrniedersausen, bedarf cs der Concentration aller Spannkräfte, der Zusammenfassung aller Faktoren, die bei einem so schwierigen Werke fördernd und treibend eingreifen können. Nicht die Großen allein und nicht die Kleinen allein, Niemand ist bei dem Kampfe gegen die finstere Brutalität entbehrlich, nur das einträchtige Zusammenwirken Aller vermag das ersehnte Ziel zu erreichen. Mit kümmerlichen Sammlungen und armseligen Spenden kann nimmer ein Hülfswerk von dem titanenhaften Umfange verwirklicht werden, nicht eine gefühllos hingeworfene Gabe, sondern die ganze persönliche Hingabe und Opferwilltgkeit muß ein Jeder für das Gelingen der Sache einsetzen. Im Interesse der Befreiung, einer möglichst schleunigen Befreiung von Hunderttausenden unserer Glaubensbrüder wird der äußerst entwickelte Geiz zur höchsten Tugend. Jeder strebe mit willenskräftigem Eifer sich die größten Opfer abzuringen. Noch sind wir in der Badesaison, und mit geschäftiger Behendigkeit ist man drauf und dran, von dem Wintersegen die Sahne abzuschöpfen, um sie in den unersättlichen Rachen der Schnellzüge, Brunnen, Bäder, Hotels und wie der sommerliche Luxus sonst sich nennen mag, zu gießen, um nicht selten einen sehr fragwürdigen Ersatz für die blinkenden, kleinen und großen Goldmünzen, einzutauschen. Welche Unsummen ließen sich fast mühelos, ohne allzuharte Entbehrungen für das liebe, viel zu sehr verhätschelte Ich dem Rettungsfond zuführen, wenn man der übertriebenen Behaglichkeit und gedankenlosen Verschwendung die verlangsamenden Zügel umhängen würde! Der Winter kann nicht minder wie die schöne Jahreszeit zu einer reichen Quelle werden, aus der die opfernde Bruderliebe in luftigem und munteren Schritte heraussprudelt, der Winter mit seinen luxuriösen Abendfreuden, gaumenkitzelnden Schmausereien und überreichen Gastmählern, mit den ausgesuchten, geselligen und kulinarischen Überspanntheiten und Excentricitäten. Die verfeinerte Lebensweise hat ohnehin schon weit mehr auch in unseren sogenannten oberen Kreisen um sich gegriffen als gut ist und haben sich diese Dinge erst so eingebürgert, daß sie zu dem täglichen Brodc die unentbehrliche Zuthat bilden, dann steht es wahrlich schlimm mit uns, und doppelt und dreifach noth thäte es, von den schwächenden und verweichlichenden Sitten zur Einfachheit und bürgerlichen Schlichtheit zurückzukehren. Der Menschenfreund, der sich abguält, Hülfsquellen für die leidenden und schmachtenden Brüder zu suchen, muß von traurigen Empfindungen gepeinigt werden, wenn er erwägt, wie viel Millionen in Putz und Tand hineinfahren. Wie viel besser kleidete unsere Damen das hoheitsvolle Gewand liebevoller Thaten der Barmherzigkeit als der theure Flitter und das vergängliche Gewebe, die so viele kostbare Mittel verschlingen. Gutes, edles Thun schmückt das Weib mehr als alle die großen

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