Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 69 (29.8.1892)
- Date
- 1892-08-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XXXm. Jahrgang. J\ö 69. Der Israelis Ein Eentrak-Hrgan für das orthodoxe Audenihum. Begründet von Dr. Lehmann tu Mainz. Montag, den 29. A u g u ft 5952 (1892). Leitender Artikel. Zur 4. SäKiUarfeier der Vertreibung der Juden aus Spanien. Ein Appell an das indische Herz. Von Bernhard Traubenberg. (Schluß.) Nicht rauschende Festmusik und ihre gleißende Prachtentfaltung, nicht heller Jubelklang und übermüthige Fröhlichkeit mit ihren im Gegensatz zum glänzenden Ti übel stehenden kümmerlichen Erträgnissen können würdig bekunden, was die ganze Judenheit angesichts einer solchen geschichtlichen Trauerfeier, an der die Humanität weinend ihr Haupt verhüllt, und der alles Alte überholenden Misäre der neuesten Neuzeit in ihrer innersten Seele bewegen sollte. Sang und Klang, Lust und Freude in einem Augenblick, in dem der Menschheit ganzer Jammer uns mit seinen scharfen Krallen packt, zu einer Art Wettrennen aufzurufen, ist zum mindesten nicht jüdisch gedacht und empfunden, und vergeblich wird man in unserer Beschichte nach ähnlichem, taktlosen Beginnen umsehen. Man denke sich doch das Stöhnen, Aechzen und Wimmern, der von der heiligen Inquisition Gemarterten, von dem dröhnenden Concertjubel hülfsbcreiter Glaubensgenossen übertönt. Gewiß eine Vorstellung, die der ausschweifendsten Phantasie undenkbar erscheint. Der Zweck heiligt die Mittel zu sagen, wäre auch hier unedel und falsch. Die Mittel, mit denen man einem großen Werke der Barmherzigkeit zu Hülfe eilen will, müssen einigermaßer der Erhabenheit des Zweckes angepaßt werden, und das gilt nicht nur von ihrer Ehrenhaftigkeit, sondern auch von ihrer Angemessenheit. Sehr wenig angemessen aber ist diese Art der Betätigung eines durchsichtigen Mitleids, das sich in die Prachtgewänder überschäumender Freude wirft und das Jubelhorn des festlichen Vergnügens in die Lüfte schmettern läßt, um dem bedrängten, verfolgten Bruder die heißersehnte Unterstützung darzureichen. Die kaum nennenswerten Einnahmen unserer mit allen erdenklichen Mitteln moderner Reklame in Szene gesetzten Sommcrfeste werden die gewiß beherzigenswerthe Lehre predigen: daß der große Ernst der Zeit auch ernstes Thun verlangt. Wohlan, kein Moment kann geeigneter zu einer großen werktätigen Aeußerung brüderlicher Nächstenliebe sein, wie der jetzige, da die ängstigenden Bilder der spanischen Gräuel mit dämonischer Macht wieder unsere Seele schrecken und sie in der Nacht grauenhafter Finsterniß und Barbarei versetzen. Nicht aufgestachelter Frohsinn und erheuchelte Lustigkeit kann unserer inneren Stimmung den spiegeltreueu Ausdruck geben, im Gegentheil, das Gedenkjahr der Vertreibung mit seinen blutigen Schatten, die es auf uns lagert, der so viel Glück zertretende und zertrümmernde Schritt der Zeit verlangen von uns Enthaltsamkeit und Zurückgezogenheit, Maßhalten und Einschränkung, nicht nur die stille Trauer des Herzens passend darin zu kleiden, sondern auch so dem riesigen Hülswerke die praktische Förderung zu Theil werden zu lassen. Wir peitschen so oft die Freude zu heiterem Uebermuthe auf, der Noth und dem Leid zu wehren, machen wir einmal das Gegentheil, unterwerfen wir uns freiwillig der Enthaltung von auserlesenen und kostspieligen Genüssen, verweichlichenden Leckereien und noblen Passionen, auf welchem Mebicte auch immer, und werfen wir den Ueberschuß in den Gotteskasten rmnschenrettender Wohlthätigkeit. Eine solche stille Handlungsweise wird weit lauter und vernehmlicher unsere humane Gesinnung, unser menschliches Mitgefühl, unsere brüderliche Theilnahme verkünden als alle die modernen, geräuschvollen Veranstaltungen, Concerte und Bazare. Mitleiden in des Wortes ursprünglicher Bedeutung ist doch wohl ein höherer Ausdruck unseres Mitempfindens und unserer gesteigerten Cultur