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Der Israelit · 1892-08-25 · Heft 68 (25.8.1892) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 68 (25.8.1892)
Date
1892-08-25
Page
– (sequence 10)
Language
German
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1298 Meere mit tausendfachen Banden hoch über und tief unter uns verbinden. Und zwischen diesen kühnen Errungenschaften des aller Schranken und Fernen spottenden, hohen, menschlichen, göttlichen Geistes, gehen die kleinen, kleinlichen Menschen umher voll Gift und Galle, säen Haß und predigen Hader, ohne zu ahnen, daß ihre Zeit vorüber ist, und gewahren, geblendet von ihrem Wahn und Vorurtheil, die Tritte des Boten auf den Bergen nicht, der die Zeit des Friedens verkündet! Als wir gestern durch den mehr als 10,000 Meter langen Arlbergtunnel fuhren, hatte ich 19 Minuten Zeit diesen und ähnlichen Gedanken nachzuhängen. Es kam mir vor, als ob die Kolbenstoße der Dampfmaschine mit ihrem Aechzen und Stöhnen den Takt dazu schlugen. Wenn unsere Weisen die Charakterverschiedenheit zwischen Aharon und Moses mit einem einzigen Zug veranschaulichen wollen, so theilen sie uns die Lebensmaxime der beiden Brüder mit, — Aharons Devise war „Liebe den Frieden", strebe dem Frieden nach und nähere die Menschen in Frieden einander — Moscheh dagegen sprach: „Das Gesetz soll den Berg durchbohren." Diese Gegensätze zwischen versöhnlichem Frieden und strengem selbst Berge durchbohrenden Recht, söhnt unser Tunnel und seine Genossen aus. Das Gesetz — der Technik, Dynamik und des Dampfes — durchbohrt den Berg und verbrüdert zugleich die Menschen mit einander, die ohne diese Durchbohrung durch den Berg getrennt waren. Als der Zug nach ca. 20 Minuten tvieder an's Tageslicht kam, war derselbe bereits stark im Niedergang begriffen. Links am Oftportal ist dem Andenken des Oberingenieurs der Arlbergbahn, Oberbaurath Julius Lott gest. 1883 ein Obelisk mit dem Reliefporträt des Genannten gesetzt. Die Bahn beschreibt eine Kurve und erreicht S t. A n t o n, das höchstgelegene Dorf des Stanzerthals. Bei stetigem Gefäll passiert die Bahn zwei Viadukte, hält sich dann an die südliche Thalseite, durcheilt einen kleinen Tunnel und erreicht den Ort Strengen. Es beginnt nunmehr eine Reihe interessanter, großartiger Kunstbauten, Aquädukte, Brücken und Tunnels, eingerahmt von gigantischen Bergen und malerischen Felsschluchten, Giesbächen und Wasserfällen, bisLandeck, wo der Zug nach bereits eingetretener Dunkelheit eintraf, weshalb ich hier Halt machte, um am folgenden Tag von hier eine Fußtour in's Pitzthal zu machen. Morgens in aller Frühe erhob ich mich, um sofort nach dem ersten Tagesgrauen das Morgengebet zu verrichten und dann meinen Marsch anzutreten, der 8—9 Stunden in Anspruch nimmt. Er führt nach I m st, einer Station der nach Innsbruck führenden Arlbergbahn, und von da per Bahn in zwei Stunden nach Innsbruck. Die Sonne war noch nicht aufgegangen. Das stattliche Dorf ruhte noch in tiefer Morgenruhe als ich es verließ und außer dem Rauschen des wild dahin strömenden Inn war kein Laut zu vernehmen. Landeck ist der Knotenpunkt für die Straßen nach Voralberg, dem Vintschgau und in das Oberinnthal. Ueber dem malerisch gelegenen Dorfe erhebt sich auf steilem Felsen das Schloß Landeck. Dahinter steigen im Osten die grünen Waldgehänge des Venetberges empor. Im Süden entströmt dem wildschönen Thaleinschnitt der Inn; im Westen fesselt der eisbedeckte Riffler in seiner ganzen imposanten Größe das Auge und im Nordwesten endlich tritt das überwältigende Bild der Parseiergruppe mit der Parseierspitze dem Beschauer entgegen. Eine kleine halbe Stunde gings auf der ebenen Landstraße dem Inn entlang weiter, dann führte ein schmaler Bergpfad in anfänglich mäßiger Steigung immer höher, mit fortwährendem Blick auf das herrliche von dem Inn durchströmte enge Thal nach einem abgeschiedenen Bergdörfchen, nach — Fließ. Meine Uhr hatte noch die alte, mein Magen aber schon mitteleuropäische Zeit, weshalb ich hier zum Frühstück einkehrte, und demselben als Dessert diese Zeilen anfügte. Luxusartikel wie Post und Telegraph sind hier unbekannte Größen. Aber der Wirth versprach mir dafür zu sorgen, daß mein Brief noch heute oder Morgen nach Landeck besorgt werde und ich zweifle nicht, daß es geschehen wird. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. München, 18. Aug. Es ist auffällig, daß in neuester Zeit Centrumsredner die antisemitische Frage gerne streifen, den Racenkampf weit von sich weisen, aber doch so von der Sache sprechen, daß die schlichten Zuhörer einen antisemitischen Impuls aus den Ausstreuungen empfangen müssen. Jüngst hat das Graf Preysing, die repräsentative Spitze der bayerischen Centrumspartei, bei der Fahnenweihe eines Arbeiter¬ und Lehrlingsvereins in Straubing gethan, wo gewiß gar keine Ursache zu einer solchen Exkursion gegeben war. Graf Preysing liebt es, wenn er spricht, kaleidoskopisch ins Breite und Vielfache der Ideen zu gehen, und nur so ist es zu erklären, daß er ohne Anlaß aus das Thema kam. Er sagte: „Wir haben es wiederholt erfahren müssen, daß geistreiche Federn uns Deutschen, voran uns Bayern, Lektionen darüber zu ertheilen suchen, was deutsches Wesen, deutsche Art sei, und diese Elemente unterrichteten dann gleichzeitig in religiöser und vaterländischer Pflicht. Diese sich heranschmeichelnden Factoren aber sind nicht aus deutschem Blute hervorgegangen. Ihr wißt, meine lieben Arbeiter, welchen Stamm ich meine, und wir sind gemeint, daß wir unsere Angelegenheiten in Staat und Kirche unter uns allein berathen und fördern können, ohne unter das Joch jenes Volkes im Volke uns zu begeben, das mit Glücksgütern aller Art sich zu segnen wußte, die zur zweifellosen Macht allerdings sich aufgethan, vor der aber die christliche Idee sich nicht beugt." Der Herr Graf scheint nicht zu wissen, daß in der Zeit der Bedrückung des deutschen Katholizismus jener Stamm am Lebhaftesten gegen die Bedrückung sich erhob. Graf Preysing, der eine besondere Furcht vor der Sozialdemokratie zur Schau trägt, scheint auch nicht zu ahnen, daß seine Bemerkung von den Glücksgütern aus dem Arsenal der extremsten Sozialdemokratie herstammt. Heute spricht ein Graf Preysing von den Glücksgütern einer von ihm scharf umgrenzten Bevölkernngsmenge in aufreizendem

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