Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 68 (25.8.1892)
- Date
- 1892-08-25
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXIII. Jahrgang. Erste Beilage ju M 68 des ^Israelit". Leitender Artikel. Weisebriefe. Von Robert Hä n lein. iLP rwon. Fließ, 8. August. Wo liegt Fließ? Das ist einstweilen mein Geheimniß; und wenn du es nicht erräthst, so magst du dich mit den vielen anderen trösten, denen es genau eben so geht, trotz der geographischen Kenntnisse, deren sie sich rühmen. Warum ich mich mit diesem Geheimniß so freue? Darüber allein ließe sich ein ganzer Brief schreiben. Kürzlich war in einer Gesellschaft vom Sambatjon- Fluß die Rede, von dem unsere Weisen erzählen, daß er am Sabbat ruht, während er die ganze sonstige Woche Steine auswirft. Einige wollten die Möglichkeit eines solchen Vorkommnisses bezweifeln, weil, nun weil in den Lehrbüchern der Geographie ein solcher Fluß nirgends erwähnt ist — l Vergeblich machte ich dagegen geltend, daß der größte Theil der Erde unseren Geographen noch heute unbekannt ist, daß rr*n ruj’N *6, daß dem Umstand etwas nicht gesehen zu haben, keine beweisende Kraft innewohnt, es half alles nichts. Du warft ja auch in jener Gesellschaft, frage doch einmal ob ein einziger weiß, wo Fließ liegt, und wenn es keiner weiß, so frage weiter, ob ihre Unwissenheit wiederum als Beweis für die Nicht-Existenz dessen, was sie nicht wissen, gelten soll. Wo der Sambatjon fließt, weiß ich nicht, aber vor zwei Stunden wußte ich auch noch nicht, daß es einen Ort Namens Fließ giebt und jetzt sitze ich in einem seiner beiden Gasthäuser und schreibe in einer dumpfen, niedrigen Bauernstube meinen ersten Reisebrief. Aber vom Sambatjon einmal ganz abgesehen, liebe ich es von der Route der Touristen und Ausflügler wie die Bädecker und Consorten sie vorschreiben, ein wenig abzugehen und fern von dem ausgetretenen Geleise, auf dem sich der Fremdcnstrom bewegt, meinen eigenen Weg zu gehen. Wenn für den Geschäftsreisenden die sogen. Entdeckungstouren auch nicht die lohnendsten sind, für denjenigen, der zu seinem Vergnügen oder doch zu seiner Erholung reist, sind sie es ganz gewiß und zwar selbst dann, wenn es sich herausstellt, daß die überlaufenen, von der ganzen Welt aufgesuchten Punkte mehr landschaftliche Reize und Schönheiten bieten sollten. Was Lessing von der Wahrheit sagt, daß nicht ihr Besitz, sondern das Suchen nach ihr das Verdienstliche sei, das gilt auch hier. Ein schöner Weg entschädigt oft für ein wenig schönes Ziel und umgekehrt. Dazu kommt noch, daß wer wie ich, auch sonst in religiösen, politischen und socialen Fragen oft einen von der großen Masse abweichenden Weg geht, dies auch bei Fußreisen zu thun geneigter ist, als Jemand der sich am wohlften fühlt, wenn er mit dem großen Strom schwimmen kann. Doch Du brennst vor Verlangen, zu erfahren, in welchem Erdtheil Fließ liegt, und wie ich dahin komme. — Als ich durch Straßburg kommend, Dich schon fortgeflogen fand, und hörte, Du seist unterwegs nach Italien, hatte ich für einen Angenblick die Absicht Dich steckbrieflich in das Land, wo die Esrogim blühen, zu verfolgen. Aber die Auguftsonne hatte mich in Zürich schon so weich gekocht, daß auf Grund des Kanons -ins |’n der italienischen Gluthhitze nichts mehr zu braten übrig blieb und so beschloß ich hübsch diesseits der Alpen zu bleiben. Die Schweiz habe ich schon früher besucht, so fuhr ich mit der Arlbergbahn nach Tyrol, in's heilige Land Tyrol. Der Dichter des „Andreas Hofer" hat uns dieses Land wie wenig andere nahe gelegt und es heilig gesprochen, weil seine wackeren Bergsöhne so fest wie seine Berge für ihre Freiheit einstanden und sie mit ihrem Herzblut vertheidigten. „So fest wie seine Berge", will allerdings heute nicht viel heißen, wo man die Berge zwar nicht verrückt, aber doch durchbohrt, und der jüngste Bergsturz des Arlbergs, in Folge dessen der Bahnverkehr auf dieser Linie unterbrochen werden mußte und noch bis auf diese Stunde darunter leidet, stellt der Festigkeit dieses Theils der Tyroler Berge kein glänzendes Zeugniß aus. Die Tyroler erlagen aber der Uebermacht wie ihre unterminirten Berge, aber das hindert den Dichter nicht das von dem Herzblut seiner besten Söhne getränkte Land das heilige Tyrol zu nenne». Wenn ein Land, durch das Blut seines Volkes, heilig wird, dann hat das jüdische Volk, das in aller Herren Länder für seine religiöse Freiheit sein Blut hingegeben hat, die ganze Erde geadelt, und mit seinem Märtyrerthum sondergleichen alles Unrecht gesühnt, das auf der Menschen-Erde auch geübt werden mag. .1»J> 1DD3N -)C31 Mir ist jede Eisenbahnschiene, jede Telegraphenstange und jedes Stück Telephondraht, Garant und Bürge für die Zeit, welche unser erster Führer in seiner Scheidestunde geschaut, in welcher die Völker dem Gottesvolke Abbitte thun, für die ihm zugefügte tausendjährige Unbill, es zum lauten Jubelruf drängen, weil die Stunde der Vergeltung nun geschlagen und so sein Volk seine Erde sühnen wird. Was sind denn diese Verkehrsmittel anders, als Veranstaltungen, um Menschen leichter und rascher einander nahe zu bringen, und was hat diese Annäherung doch schon so Vieles und Gewaltiges von dem abgetragen, was sonst den Menschen von Menschen sonderte und trennte! Wie tragen doch alle diese Institutionen dazu bei den Menschen dem Menschen näher zu rücken und bewußt und unbewnßt den Gedanken der Zusammengehörigkeit und Brüderlichkeit aller Menschen zu beleben und zu fördern. Der eiserne Schicnenftrang erscheint unter diesem Gesichtspunkte wie der Ring, der den Menschen mit der ihn tragenden Erde vermählt, und der elektrische Blitz mit der in die Ferne sprechenden Schallwelle schlagen mit ihrem Geäder von Drähten und Stangen die Fäden und Brücken, welche Länder und