Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1892-08-25 · Heft 68 (25.8.1892) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 68 (25.8.1892)
Date
1892-08-25
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2448218-2448283--34749-2482703
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

1296 Siebentes Kapitel. Aron Arnstein's Haus war ein echt jüdisches, in des Wortes schönster und bester Bedeutung und auch die Pflichten der Nächstenliebe wurde von Jedermann im Hause nach Maßgabe seiner Stellung geübt. Aron Arnstein war durch sein großes Geschäft, Ella durch die Leitung des großen Haushaltes (die zahlreichen Commis und Gefchäftsdiener der Firma wohnten im Hause ihres Chefs und aßen an dessen Tische) in anstrengendester Weise in Anspruch genommen und so fiel Lea die Ausgabe zu, dürftige Glaubensgenossen, welche sich in der Gemeindeherberge einfanden, aufzusuchen, während christliche Arme sich ungesucht im Hause einstellten und reichlich bedacht wurden. Es gab nämlich damals in Wien keine seßhaften jüdischen Arme. Die Verhältnisse der damaligen Wiener Gemeinde waren in derThat die eigen thümlichsten, die man sich vorstellen kann. Ein halbes Jahrhundert vorher, im Jahre 1670 waren sämmtliche Juden aus Wien vertrieben worden. Die Gründe für die Ausweisung entstammten theils dem schmutzigsten, theils verdammenswerthesten Eigennütze, theils jener beweinenswerthen Geistesverfinsterung, die zu jener Zeit herrschte und deren eisernem Drucke sich zuweilen auch edle Menschen nicht zu entziehen vermochten. Einige Wiener Handelsleute fühlten sich durch die jüdischen Kaufleute, die sich bei ihrer mäßigen Lebensweise mit geringem Nutzen begnügten und Waaren vorzüglichster Qualität führten, beeinträchtigt. Bei dem damals herrschenden Fanatismus und der Urtheilsunfähigkeit der Masse, fiel es ihnen nicht schwer, dieser die Ueberzeugung einzuflößen, daß die Vertreibung der Juden aus Wien nicht nur ein gottgefälliges Werk; sondern für das Gedeihen und Aufblühen der Residenz, vom höchsten Nutzen wäre und die Bürgerschaft Wiens petitionirte um die Abschaffung der Juden aus Wien. Berauscht von der Hoffnung auf eine glückliche Zukunft, welche sie sich von der Gewährung ihrer Bitte versprach, verpflichtete sich die Bürgerschaft — damit der Staat durch den Entgang der hohen Steuern, welche die Juden zahlen mußten, nicht geschädigt würde — diese zu entrichten. Das Gesuch der Bürgerschaft wurde von dem zelottschen Bischof von Wiener-Neustadt, dem nachmaligen Cardinal, Grafen Kolonits auf das wärmste befürwortet und erbediente sich zu Erreichung seines finstern Zweckes eines höchst verdammenswerthen Mittels. Die Kaiserin Margaretha Theresia sah, nachdem sie den Kaiser mit zwei Söhnen beschenkt hatte, ein drittes Mal Mutterfreuden entgegen und die von Natur aus gütige Kaiserin, die trotzdem sie die Tochter des bigotten Königs Philipp von Spanien, den Juden nicht abhold war, hatte sogar ein Geschenk der Wiener Judenschaft, eine goldene Wiege für das zu erwartende Kind huldreichst angenommen. — Allein diese Hoffnung ward durch eine Fehlgeburt der Kaiserin zerstört. Bischof Kolonits erklärte dieses Unglück als eine göttliche Strafe dafür, daß der Kaiser Juden in seiner Residenz dulde; und als ihm ein edler katholischer Priester einwarf, dies sek vollkommen undenkbar: die Kaiserin und viele ihrer Vorgängerinnen hätten ja während der Anwesenheit der Juden in der Residenz, zahlreichen gesunden Prinzen und Prinzessinnen das Leben gegeben, wurde der Fanatiker wüthend, und erklärte: die Wege Gottes seien unerforschlich und wenn der allbarmherzige Gott sein Strafgericht verzögere, so müsse man sich hüten, sich hierdurch zu irrigen Folgerungen, die zum Unglauben, führten, Hinreißen zu lassen! (Fortsetzung folgt.) Der ,3ltaclit* erscheint wöchentlich zweimal, Montag- und Donnerstags, jedesmal in mindestens zwei Bogen. Preis »et Jahrgangs für Deutschland und Oesterreich 12 Reichs-Mark, für'8 Ausland 16 Reichs-Mark. Man abonnirt ganzstihrig, halWhrtg oder vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Durch den Kuchhandri Pt tesirhrn bet G. $. Kietnackrr« Leipzig, Dohplatz 18. — Inserate 25 Pfennig die drei gespaltene Petitzeile oder deren Ran». — Oesterreichische Banknoten laut CourS. — Direkte Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland «ad Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 8 fl. österr., für's Ausland 16 Reichs-Mark, an die Expedition franco einzusenden. Inhalt (.Hauptblatt): Leitender Artikel: Dy DTin D’Dn. „Sei vollkommen, ehrlich mit dem Ewigen Deinem Gotte." Von Rabb. Dr. Sänger. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Berlin. Gailingen. Hamburg. Schenklengsfeld. — Oesterr.-Ungar. Monarchie: Prag. Triest. Lundenburg. — Frankreich: Paris. —Feuilleton: „Fürstengunst." Erzählung von S. Kohn, Verfasser von „Gabriel." (Fortsetzung.) Inhalt der ersten Beilage: Leitender Artikel: Reisebriefe. Von Robert Hänlein. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: München. — Frankreich: Paris. — Rußland: Petersburg. — Vermischtes. Inhalt der zweiten Beilage: Literarische Notizen. — Zeitungsnachrichten u. Correspondenzen: Deutschland: Posen. Inhalt der Extra-Beilage: Spenden-Verzeichnisse. Verantwortliche Redaction: Oscar Lehmann in Mainz. — Expedition des „Israelit", Schottstraße Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'schen Hofbuchdruckerei-Actien-Gefellschaft in Mainz. Hierzu drei Beilagen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.